Programm

#wearewyborada, die Zwölfte
Foto: Nils Grootenzerink

Im Rahmen unserer Aktion #wearewyborada stellen wir an dieser Stelle all jene vor, die Bibliothek & Literaturhaus Wyborada (aus)machen. Hier begrüssen wir Xenia, die uns als Hospitantin bis Ende August 2022 begleitet.

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«Ich weiss eigentlich nicht so recht, was ich will. Studiums- und Lebensplanwechsel erwäge ich fast stündlich. Aber eins weiss ich bestimmt: In der Literatur fühl ich mich zuhause. Denn dort muss ich mich nicht entscheiden. Kürzlich las ich Orlando von Virginia Woolf und fühlte mich frei: Mit ihr* durch die Jahrhunderte zu reisen gab mir alle Zeit der Welt und ich konnte Höfling*, Gesandte:r, Reisende:r und Dichter:in in einem sein. (Übrigens: Im August findet ein Lesekreis zu Orlando statt. Über Details informiere ich sie ganz bald.) Ich geniesse meine Zeit im Literaturhaus St. Gallen, wo ich solche Buchreisen unternehmen und hinter die Kulissen des Literaturbetriebs schauen kann. Inmitten der Sommerpause bereiten wir gerade das Herbstprogramm vor.«

Foto © Nils Grootenzerink

Das Programm April – Juni

Hier finden Sie eine Übersicht unserer Veranstaltungen bis Ende Juni.

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Wir halten Sie auf dieser Homepage sowie über unseren Newsletter auf dem Laufenden. Oder Sie kommen in der Bibliothek vorbei und holen sich den aktuellen Programmflyer ab (und vielleicht auch das ein oder andere Buch!).

Neulich im Keller der Rose…
Foto: Livio Baumgartner

begeisterte Simone Lappert zusammen mit der E-Bassistin Martina Berther das Publikum…

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Schummrig war’s im ausverkauften Keller der Rose und das Gewölbe erfüllt vom Sound einer eindrücklichen Spoken Poetry Performance: Simone Lappert rezitierte frei aus ihrem aktuellen Band längst fällige verwilderung, congenial begleitet von Martina Berther am E-Bass. Unforgettable!

Mit Dank an die Buchhandlung zur Rose und Marc Jenny, der uns bei der eher komplexen Technik unterstützte :- )

Fotos © Xenia Hitz

SCHWERPUNKT BILBIOTHEK WYBORADA: FEMINISTISCHE KRIMIS
Krimis aus weiblicher Perspektive

900 feministische Krimis

Nervenkitzel pur – 900 Krimis von Frauen …

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Ob hartgesottene Ermittlerin, unbeholfene Antiheldin oder leideschaftliche Polizistin, die weiblichen Figuren in der Krimiliteratur sind heute so vielfältig wie ihre Leserschaft. Im Bestand der Bibliothek Wyborada finden sich neben aktuellen Neuerscheinungen auch feministische Krimis aus der Frühzeit des Genres in den 1980er Jahren.

FEMINISTISCHE KRIMIS #1
Was ist ein feministischer Krimi?

Was macht eine Krimi zu einem feministischen Krimi, was macht einen Roman zu einem feministischen Roman? Eine Annäherung.

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An meinem ersten Arbeitstag in der Bibliothek Wyborada, wurde mir der Auftrag erteilt, eine Leseempfehlung zu einem feministischen Krimi zu verfassen. Ich bin keine erprobte Krimileserin und wusste gar nicht, wonach ich suchen, womit ich anfangen sollte. Ein feministischer Krimi, was ist das überhaupt?

Dem liegt die grundsätzliche Frage des feministischen Schreibens zu Grunde. Was ist ein feministischer Text? Ist es ein Text, der eine emanzipierte Frauenfigur beschreibt? Ist es ein Text, der das patriarchale System thematisiert und kritisiert? Ist es ein Text, der von einer Feministin verfasst wurde? (Kurze Vorwarnung: Ich habe keine klare Antwort auf diese Fragen.)

Es scheint auch unter Autor:innen unterschiedliche Meinungen zu geben, was alles in einen feministischen Krimi gehört. Es wird zumindest unterschiedlich umgesetzt und aktiv oder weniger aktiv als feministischer Krimi betitelt und beworben.

Isabel Rohner schreibt sogenannte feministische Kicherkrimis, die auch ganz viel feministische Theorie beinhalten. Ich habe in Gretchens Rache hineingelesen: Die Hauptfigur, Linn Kegel, ist selbst Autorin von feministischen Kicherkrimis. An einem Pressewochenende im Spreewald kommt es zu einem Mord. Dabei wird immer wieder explizit auf Sexismus in der Buchbranche hingewiesen und auch sexuelle Belästigung wird früh im Buch thematisiert. Diese teilweise kolumnistische Art, Feminismus in einen Krimi zu integrieren, und den Krimi ganz aktiv als feministisch zu Vermarkten ist eine Variante.

Petra Ivanov hingegen schreibt den Feminismus nicht auf den Buchrücken, bei ihr steht Gesellschaftskritik zu diversen Themen wie Extremismus und mentale Gesundheit. Aber als ich Entführung gelesen habe, bin ich starken weiblichen, fragilen männlichen und allgemein sehr vielschichtigen Figuren begegnet. Diese Vielschichtigkeit und das Brechen von Geschlechterstereotypen gehört für mich auch zur feministischen Literatur dazu. Und gerade Extremismus bei jungen Männern (was in Entführung das Hauptthema ist) kann auch als ein Problem von einem zu verteidigenden Männlichkeitsbild gelesen werden. Franziska Schutzbach leitet in ihren Buch Die Erschöpfung der Frauen her, wie misogyne Denkmuster Hass und Mord an Frauen «als Heldentat erscheinen zu lassen» (S. 131).

Krimi ist ein sozialkritisches Genre. Es geht um die Ängste und inneren Abgründe von Menschen. Es geht darum, wie sich Verbrechen am Rande der Gesellschaft organisiert und wie es hinter den Fassaden aussieht. Dass feministische Themen in einem sozialkritischen Genre verhandelt werden, scheint mir naheliegend und sinnvoll. Denn erwiesener Massen erleben Frauen soziale Ungleichheiten, sexistische Übergriffe und sexualisierte Gewalt, der Kriminalroman ist also ein passendes Genre um auf Sexismus und Gewalt an Frauen hinzuweisen. Die Darstellungen von Gewalt an Frauen in Krimis ist tatsächlich weit verbreitet. Für mich ist wichtig zu betonen, dass feministische Krimis Gewalt an Frauen und Femizide zwar durchaus thematisieren sollen, dabei aber nicht voyeuristische Darstellungen dieser Gewalt enthalten dürfen.

Es geht also nicht darum, soziale Ungerechtigkeit anhand von Gewalt an Frauen darzustellen und diese Gewaltdarstellung als Verkaufsfaktor zu nutzen, sondern darum, patriarchale, rassistischen, klassistische Strukturen sowie Diskriminierung aufgrund von Sexualität und Religionszugehörigkeit zu thematisieren.

Feminismus muss eben immer – auch im Krimi – intersektional sein und gesellschaftliche Strukturen in ihrer Gesamtheit erkennen und kritisieren. Dabei kann kein einzelner Kriminalroman die Gesellschaft ganzheitlich abbilden, deshalb ist wichtig, dass es viele unterschiedliche feministische Krimis gibt. Solche, die Sexismus direkt ansprechen, wie Isabel Rohner es in ihren Krimis tut; andere, die das Thema eher subtil angehen und zudem noch weitere gesellschaftliche Probleme thematisieren, wie das bei Petra Ivanov der Fall ist.

Quellen:

Isabelle Rohner: Gretchens Rache.

Petra Ivanov: Entführung.

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen, wider die weibliche Verfügbarkeit.

Dieser weiterführende Artikel zu feministischen Krimis.

Die Studie zur sexualisierten Gewalt in der Schweiz.

Autorin: Sara Räss (23 Jahre alt), Hospitantin (März bis Mai), studiert Germanistik und Skandinavistik an der Universität Zürich. Wenn sie gerade nicht am Lesen ist, stöbert sie im Bücherladen oder dem Bibliothekskatalog nach ihrer nächsten Lektüre.

FEMINISTISCHE KRIMIS #2
«Schadenersatz» von Sara Paretsky

Dass der von (männlichen) Autoren und Figuren geprägte Krimi eine kleine Prise Feminismus mehr als verträgt, beweist Sara Paretsky mit ihrem 1982 veröffentlichten Roman «Schadenersatz».

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Die toughe Privatdetektivin V.I. Warshawski wird mit der Suche nach einer verschwundenen jungen Frau beauftragt. Diese lösbar erscheinende Aufgabe verwandelt sich jedoch schon bald in die Aufklärung zweier Morde, die auch das Leben der Detektivin selbst in Gefahr zu bringen droht. V.I. Warshawskis Untersuchungen führen sie dabei in der Großstadt Chicago von der Universität durch höchste Chefetagen bis zu bekannten Gesichtern des organisierten Verbrechens. Zwischen Versicherungsbetrug, familiären Auseinandersetzungen und auseinandergenommenen Wohnungen steigert sich eine harmlose Vermisstensuche in eine halsbrecherische Jagd nach Aufklärung.

Spannung ist vorprogrammiert, und Paretsky vermag es, wie nebenbei, dem männlich geprägten Krimi-Genre einen Spiegel vorzusetzen. Aus der Ich-Perspektive der Privatdetektivin erzählt wird V.I. Warshawski allzu oft durch Männer von ihrem entschiedenen Vorhaben abgeraten. Dafür rücken mit der Verschollenen, einer mütterlich fürsorglichen Freundin und einer beistandssuchenden Jugendlichen aber gerade absichtlich Überhörte und Übersehene in den Fokus.

Als Feministinnen treten lediglich die Angehörigen einer Hochschulgruppe in Erscheinung, in selbstgenähten Jeansröcken und allseits kritischer Haltung, auch V.I. Wahrshawski und ihren Ermittlungen gegenüber. So bleibt der Feminismus in «Schadenersatz» ein gleichermassen subtiler wie elementarer – ein diskutabler Begriff und gleichzeitig unumgängliche Notwendigkeit im Dasein als weibliche Protagonistin eines Kriminalromans. Was Paretsky dabei gelingt, ist weniger die Neuerfindung eines Genres, als vielmehr eine produktive Anerkennung: Anerkennung, insofern das Frau-Sein V.I. Warshawskis genauso wenig gerechtfertigt werden muss wie die Genre-Muster, denen sich die Spannung und das Mitfiebern bei Mordfällen verdanken. Und produktiv, da sich so Neues und Bekanntes stets gegenseitig erhellen und die genüssliche Krimi-Lektüre sich ganz nebenbei einiger ihrer verstaubtesten Konventionen entledigt. Ein angeschossener Liebhaber kann im Vergleich zu einem zerbrochenen Glas kaum der Rede wert sein – «Spiegelbilder der geltenden Sozialmoral»?

«Schadenersatz» ist der erste Fall für V.I. Warshawski, die bis heute in zahlreichen weiteren Kriminalromanen Sara Paretskys ermittelt. In der Bibliothek Wyborada finden Sie unter anderem: «Deadlock», «Ihr wahrer Name», «Kritische Masse» und «Eine für Alle».

Sara Paretsky (geb. 1947) ist Mitbegründerin der 1986 ins Leben gerufenen Organisation «Sisters in Crime», die sich der Förderung von Frauen verfasster Krimis widmet.

 

Jakob Reeg (24) ist ehemaliger Hospitant (August/September 2021) und frisch gebackener Bachelor der Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft in Konstanz. Am liebsten liest er aus dem Schatten, den ein Buch am See spendet.

FEMINISTISCHE KRIMIS #3
Krimi aus den 90er-Jahren: «Sag niemals ja» von J.M. Redmann

Salome Heiniger steht Krimis eher kritisch und vorurteilsvoll gegenüber; kann sie sich nach der Lektüre eines feministischen Krimis doch noch für das Genre begeistern?

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Ich bin, was Krimis betrifft, eine blutige Anfängerin. Ganz zu schweigen von Krimis aus den 90er-Jahren. Meine ersten Erinnerungen setzen irgendwann in den frühen 00er-Jahren ein. Dementsprechend hatte ich nie das Vergnügen, einen Walk-Man in der Tasche zu führen oder eine dehnbare Tattoo-Kette um den Hals zu tragen.

Bezüglich des Genres «Krimi» bin ich etwas voreingenommen: Viele Bilder schwirren in meinem Kopf herum, von pfeifenrauchenden Detektiven mit Wollmützen oder traumatisierten Kommissaren, die zum x-ten Mal böse Verbrecher*innen jagen müssen. Schauermärchen für Erwachsene.

Fairerweise muss ich zugeben, mich nie tiefergehend mit dem Genre «Krimi» auseinandergesetzt zu haben. Stattdessen lese ich lieber feministische Literatur, obwohl sich diese ja auch mit den Misständen unserer Gesellschaft beschäftigen. Warum sollte ich es also nicht mal versuchen? Im Bibliothektsarchiv der Wyborada, stolpere ich schliesslich über einen feministischen Kriminalroman, der mit altbackenen Klischees bricht. Jedenfalls grösstenteils.

Worum geht es? 

New Orleans, 90er-Jahre: Privatdetektivin Micky Knight kämpft nicht bloss gegen das Verbrechen, sondern führt eine toxische Beziehung mit einem grösser werdenden Stapel unbezahlter Rechnungen. Ganz im Gegenteil zu ihrer reichen Freundin. Die finanzielle Ungleichheit und hartnäckige Schatten ihrer Vergangenheit verkomplizieren das Liebesleben der Ermittlerin. Ganz zu schweigen davon, dass sich ein vermeintlich schneller Job als Bodyguard zu einem haarsträubenden Fall entwickelt, der Micky bis in die Tiefen des organisierten Verbrechens in New Orleans führt.

Sozialkritik statt Blutvergiessen

Im dritten Band der Krimireihe wagt Autorin J.M Redmann einen ausgiebigen Blick in die seelischen Abgründe der Menschen, legt den Finger auf ihre Ängste, enthüllt die chronische Einsamkeit der Menschen. Feministische Themen packt sie in eine Kriminalgeschichte und streift dabei manch grosses Thema ihrer Zeit: Rassismus, Queer- und Frauenfeindlichkeit, Machtgefälle zwischen Ober- und Unterschicht, die Schrecken der Aids-Pandemie.

Buch aus der Retroperspektive

Redmann schildert das verzweifelte Versteckspiel, das manche ihrer queeren Figuren spielen müssen, um nicht ihren Job, Spendengelder, Erbschaften oder gar ihr Leben zu verlieren. Damit thematisiert sie in ihrem Roman ein Thema, das in der Mainstreamliteratur der 80er- und 90er-Jahren zu wenig Beachtung fand. Fast 27 Jahre später lesen sich einige ihrer Figuren etwas kritischer (nicht jede lesbische Frau hat eine Katze oder wurde als Kind missbraucht) und die Leserin stolpert über teils etwas schwammigen Konsens in einigen Sexszenen. Zudem wäre eine allgemeine Triggerwarnung angebracht gewesen, denn das Buch thematisiert unter anderem sexuellen Missbrauch an Minderjährigen.

Fazit

Wer auf eine trashige, lesbische Liebesgeschichte mit einer Prise Verbrechen und lilafarbenem Happy End hofft, ist hier definitiv an der falschen Adresse. Redmann hat keinen Roman geschrieben, der trügerische Illusionen weckt: «Recht und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe», so die Protagonistin Micky Knight. Ein nüchternes Fazit, ob das so mit mir und Krimis noch was wird? Wir werden sehen.

Das Buch ist 1995 im Argument Verlag + Ariadne erschienen. Es kann – wie viele weiter feministische Bücher – in der Bibliothek Wyborada ausgeliehen werden.

Autorin: Salome Heiniger (24 Jahre alt), ehem. Hospitantin (Oktober 2021), studiert Organisationskommunikation an der ZHAW in Winterthur. Sie geht gerne wandern, setzt sich für eine nachhaltige Zukunft ein und interessiert sich für alles, was mit Literatur zu tun hat.

Eine Übersicht der bisherigen Veranstaltungen von Literaturhaus & Bibliothek Wyborada ab November 2019.

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Eine Übersicht der bisherigen Veranstaltungen von Literaturhaus & Bibliothek Wyborada ab November 2019.