Programm

CARA ROBERTA. / 30.4.2020
Verena an Yannic (I)

Ein Briefwechsel zwischen Unbekannten. Yannic Han Biao Federer & Verena Rossbacher

Brief 2: Was soll ich sagen …

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Tja, lieber Yannic.

Was soll ich sagen. Jetzt habe ich ewig gebraucht für die Antwort auf deinen ersten Brief, ehrlich gesagt, weil ich diverse Entwürfe jeweils wieder verworfen habe. Ich finde es derzeit nicht so einfach, Briefe zu schreiben – wiewohl ich normalerweise außerordentlich gerne Briefe schreibe, Briefe schreiben ist total herrlich und für Autoren ja recht eigentlich ein eins-a Spielplatz, du weißt schon, einer von denen mit Seilbahn und allem.

Und jetzt quäle ich mich damit herum und muss feststellen: Ich habe jede Leichtigkeit verloren, Spielplätze waren früher irgendwie anders, besser halt, die Schaukeln reißen mich nicht mehr vom Hocker, rutschen, ich weiß auch nicht, und die Seilbahn, naja. Anstatt alles unglaublich aufregend zu finden und mich lustig ins Getümmel zu stürzen, sitze ich blöd auf der Bank und grüble. Nur Langweiler sitzen auf Spielplätzen auf der Bank, darüber sind wir uns ja wohl einig, und plötzlich finde ich mich mitten unter ihnen und: Kann auf deine Spielangebote nicht mehr eingehen.

Worüber ich grüble? Ich bin so hin und her gerissen. Ich befinde mich nachgerade in einem Dilemma: Wir kennen uns nicht, du und ich, wir sind ganz zufällig zu Briefpartnern geworden und unter normalen Umständen, sprich, in Non-Corona-Zeiten, würden wir uns einander höflich und gemächlich annähern (um auf dem Spielplatz zu bleiben: Erst mal nur harmlos nebeneinander her sändeln), wir würden umsichtig abtätscheln, wo der andere eigentlich steht (backt er Kuchen oder arbeitet er an einer regelrechten Burganlage?), wie er so tickt (Matsch oder Trockenmasse), vielleicht also würden wir über Bücher sprechen, über Hobbys, über die bezaubernde Luzidität junger Buchenblätter. Ich spreche rasend gerne über Bücher und Buchen, und Hobbys sind eh super, zum Beispiel gehe ich seit Jahren joggen (wir kommen noch darauf).

In diesen Zeiten aber ist das anders. Ich fürchte, gerade müssen wir uns ein paar Manierlichkeiten schenken und ein bisschen miteinander streiten.

Warum in aller Welt?!, denkst du jetzt vielleicht entgeistert, was hab ich der fremden Frau getan? Ich schreib der ein paar harmlose, poetische Betrachtungen, Eiskugeln, Bagger, da kann man doch prima drauf aufbauen, aber nein, die macht gleich ein Fass auf?

Du hast vollkommen Recht. Eiskugeln und Bagger wären ja quasi das Sandförmchen, das du mir reichst, das Schäufelchen zum gemeinsamen, einträchtigen Schaufeln.

Jetzt aber sitze ich auf der Bank und denke: Ich habe keine Zeit fürs Sändeln und Rutschen – übrigens absolut nicht, weil Rutschen kindisch wäre, Autoren finden kindische Sachen schön, ich finde kindische Sachen schön, ich bin immer gerne gerutscht und ich wünsche mir nichts mehr, als bald wieder nur noch rutschen zu können, Rutschen ist groß.

Aber gerade denke ich, wir können nicht rutschen, wir müssen streiten, weil zu wenig gestritten wurde, in einer Sache, in der der Streit unabdingbar gewesen wäre und dringend nötig, von Anfang an. Er wäre in der Politik dringend nötig gewesen, aber die Opposition hatte den Betrieb eingestellt. Er wäre in den Medien dringend nötig gewesen, aber der kritische Diskurs fiel schlicht und einfach aus, und nicht nur das: Kritik galt ab sofort als Verschwörungstheorie. Er wäre in persönlichen Beziehungen dringend nötig gewesen, aber jeder zog sich in seine Privatsphäre zurück. Er wäre unter Intellektuellen, Autoren und Künstlern dringend nötig gewesen, aber wir haben zu lange geschwiegen. Er wäre dringend nötig gewesen, in allem, und er wäre in einer funktionierenden Demokratie vollkommen normal und selbstverständlich. Diesen Total-Ausfall halte ich für derart dramatisch, dass ich dir gar nicht sagen kann, wie sehr er mich erschüttert. Er erschüttert mich derart, dass ich keine Freude mehr habe am Spielen. Da du ja selbst weißt, wie wichtig das Spielen ist, ahnst du vielleicht, wie es mir gerade geht. Und wie sehr es mir fehlt.

Und darum finde ich: Zumindest wir, du und ich, sollten miteinander streiten, wie es unter mündigen Bürgern einer Demokratie angemessen ist.

Das ist also mein Dilemma. Ich möchte sehr nett zu dir sein, wie ich zu Fremden, die vielleicht zu Freunden werden könnten, gerne nett bin. Aber ich muss mit dir streiten, vielleicht, weil ich hoffe, dass wir dadurch Freunde werden könnten. Denn daran, soviel wage ich jetzt schon zu sagen, daran wird sich in Zukunft Freundschaft messen lassen müssen: Wie wir in dieser Sache denken, um was wir gestritten haben, was verhandelt und gefordert und wie gehandelt.

Reden wir darum über Hobbys. Stichwort Jogger.

Die Leute also, um die du so sorgfältige Bögen machst, denen du so großflächig aus dem Weg gehst, lachen oder schauen dich an wie ein Ungeheuer? Als wärst du, bringen wir es auf den Punkt, verrückt? Nun ja – es ist auch verrückt. Ich gehe selbst spazieren und Leute bleiben stehen, um mich vorbei zu lassen, ich gehe joggen (Hobby) und Leute flüchten sich ins nächste Gebüsch, und ich denke mir: Das sind Verrückte. Noch ein paar mehr, die sich ins Gestrüpp stürzen und sich an Mauern drücken, wenn ich nahe, und ich muss ein paar Scheibenwischer vor dem Gesicht machen, derart verrückt ist es.

Schau. Du wirst – und wenn du dich auf den Kopf stellst – beim Vorbeigehen niemanden, wirklich absolut niemanden anstecken. Du wirst auch nicht angesteckt werden. Es ist nicht möglich. Außer du – und ich unterstelle dir freundlich, dass du das auch vor diesem fahrlässigen und sinnlosen, kosmischen Debakel, in dem wir uns nun befinden, nicht getan hast – außer du bist hochinfektiös, also hustend und prustend und nicht nur das, du hustest und prustest deinen Weggefährten aus nächster Nähe ins Gesicht. Mir persönlich ist das noch nie passiert, ich persönlich habe das noch nie gemacht, ich persönlich kenne niemanden, der das je gemacht hat und auch du wirst, so sehe ich persönlich das, das nie gemacht haben.

Interessant ist zweierlei: Du findest das Verhalten der Frau als auch des Joggers merkwürdig. Warum findest du dein Verhalten nicht merkwürdig? Weil die Regierung sagt, dass man sich so verhalten soll? Also gut, die Regierung sagt, wir sollen uns so verhalten. Heißt das automatisch, dass es richtig, dass es sinnvoll ist? Nein, das heißt es nicht. Wenn wir etwas lernen müssen in diesen aufgebrachten Zeiten, dann dies: Wir müssen uns selber darüber informieren, was richtig ist und was falsch. Da die Massenmedien nach Wochen erst – nach Wochen! – sich irgendwie daran erinnern, was eigentlich ihr Job wäre, nämlich ein breites, vielfältiges und durchaus widersprüchliches Bild der Lage zur Verfügung zu stellen, auf dass wir Bürger uns eine eigene Meinung bilden können, kommt man nicht umhin, mal bei den sogenannten Verschwörungstheoretikern vorbei zu schauen. Interessanterweise waren diese Verschwörungstheoretiker vor diesem Desaster mitnichten Verschwörungstheoretiker, nein, es waren  – und es sind -, namhafte Wissenschaftler (Prof. Dr. Bhakdi, Prof. Dr. Ioannidis, Prof. Mölling, um nur einige wenige zu nennen) – oft namhafter und erfahrener, wohlgemerkt, als die paar Experten, sprich: Virologen, die den derzeitigen Diskurs bestimmten. Und sie sagen andere Dinge, als ein Christian Drosten uns sagt und eine Angie Merkel. Und plötzlich gerät die scheinbare „Alternativlosigkeit“, die gerne ins Feld geführt wird, ins Wanken. Stimmt das eigentlich, was da gesagt wird? Diese Frage muss man sich stellen, und man hätte sie von Anfang an stellen müssen. Nein, nicht man: Wir.

Das mit dem Leute-Umrunden und Aus-dem-Weg gehen stimmt jedenfalls nicht. Es ist ein Mythos. Du wirst nirgends, von keinem Experten, irgendeinen Beleg dafür finden, dass sich beim Vorbeigehen Leute anstecken. Es ist reines Placebo. Es ist verrückt.

Das Zweite, was ich interessant finde, ist, dass ich mich frage: Welches Verhalten der Frau und des Joggers fändest du denn angemessen?

Wie gesagt, ich spaziere und jogge ja auch mal gerne und werde von Leuten im großen Stil umrundet, als hätte ich – jaha!: Als hätte ich die Pest (nur, damit wir uns mal wieder die Verhältnismäßigkeit des Ganzen klar machen). Ausdruckslos schaue ich sie an – ausdruckslos, weil, ich erwähnte es, ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht wischi-waschi vor dem Gesicht zu machen, ausdruckslos ist das absolute Maximum an Höflichkeit, was ich zustande bringe – und wie schauen die Leute zurück? Ich würde sagen: Irgendwie beleidigt, gekränkt regelrecht, bis hin zu: aufgebracht.

Was wollen diese Menschen? Was willst du?

Sollen wir euch dankbar zulächeln? Quasi der wandelnde Daumen-Hoch? Falls ja (ich unterstelle das jetzt einfach, irre unfair, wie das halt so ist, wenn man sich ein bisschen streitet, ich werde mich SOFORT entschuldigen, wenn ich dir Unrecht getan haben sollte!), also, falls ja: Warum? Wollt ihr Anerkennung für euer Wohlverhalten? Warum? Hier werden „keine Artigkeitsnoten verteilt“, wie Christian Lindner (eigentlich not my favorit, ich schwöre, aber gerade wird ja das Unterste zuoberst gewurlt) das in der Bundestagsdebatte ziemlich treffend auf den Punkt brachte.

Klar, ich versteh schon: Jeder Schüler mag gerne vom Lehrer gelobt werden. Es kann der letzte Blödsinn sein, was der Lehrer da verzapft, aber wenn er mich mit Lob belohnt, lerne ich es, ohne nach dem Sinn des ganzen Krams zu fragen. Das ist das Perfide. Wenn einer geschickt ist darin, dich aufzubauen und dir ein gutes Gefühl zu geben, hat er dich in der Tasche. Du wirst dann blind auch das Falsche tun, weil es gut tut, wertgeschätzt zu werden.

Und was haben wir derzeit? Alle klopfen sich wohlwollend auf die Schulter dafür, dass sie sich brav an die Regeln halten (#stayathome, #flatttenthecurve und Nicht-ohne-meine-Maske – was da halt so an coolen Mit-Mach-Spielchen durch die Netzwerke geistert), es ist, nicht zuletzt, gemeinschaftsbildend. Aber dieser Aktionismus verhindert auch, dass wir uns ganz grundsätzlich und angstfrei fragen: Was an dieser Geschichte stimmt eigentlich? Wo ist bei dieser Sache die gesunde Skepsis, die bei wichtigen Entscheidungen immer angebracht ist – und doch erst recht, wenn es um so viel geht? Was wären mögliche Alternativen? Zu denken und zu handeln? Ich finde es höchst merkwürdig, dass diese Skepsis und diese Fragen ausblieben – sie sind was ganz Normales und Wichtiges, sie dienen als Regulans.

Ich meine, es ist angebracht, sich spätestens jetzt von dieser Art der Wohlgefälligkeit zu lösen. Dass eine Mehrheit etwas genau so für richtig hält und das auch nicht diskutieren möchte, hat noch nie geheißen, dass es auch das Richtige ist. Wir in Deutschland und Österreich sollten das sehr gut wissen.

Ich bin als Kritikerin nicht in der Bringschuld, es bin nicht ich, die etwas beweisen muss. Die Regierungen, die Staaten, haben eine ungeheure Entscheidung getroffen, die ungeheure Folgen hat und noch lange haben wird, und sie sollten sehr, sehr gut beweisen, dass es richtig war. Dass es nötig war. Denn „Alternativlos“, sagt Juli Zeh zu dieser Sache, „ist ein anderer Begriff für „Keine Widerrede!“ und damit ein absolut undemokratisches Konzept.“

 

Schau, ich streit hier alleine mit dir herum, dabei bist du vielleicht (wahrscheinlich, ziemlich sicher, also auf gar keinen Fall) auf Streit aus. Vermutlich tue ich dir, wie‘s beim Streiten halt so geht, gnadenlos unrecht, vermutlich vertu ich mich im Ton, vermutlich irre ich mich in allem Möglichen. Verzeih mir, falls dem so ist.  Gerade muss ich ein bisschen auf der Bank am Spielplatz sitzen und habe keine Lust zu spielen. Es ist so nett von dir, dass du vorbei kommst und mir deine Spielgeräte anbietest und dass ich zuerst auf die Seilbahn darf, unter allen anderen Umständen hätten wir einen grandiosen Tag mit Spielplatzfreuden verbracht und wären abends müde  aber glücklich nach Hause gekommen: Wieder ein durch und durch gelungener Autorentag. Aber weißt du: Ich denke, wir sollten alle miteinander aus der Deckung kommen. Lieber ist es mir, dass wir uns lauthals verrennen und uns dann entschuldigen müssen dafür, als zu Unrecht zu schweigen. Gerade passiert viel Unrecht. Magst du dich zu mir auf die Bank setzen und ein bisschen streiten?

Ich möchte nicht von mir sagen müssen, ich hätte von nichts gewusst.

 

Soweit.

Herzliche Grüße,

Verena

 

Verena Rossbacher (* 1979), aufgewachsen in der Schweiz und Österreich, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt bei Kiepenheuer & Witsch erschienen: „Ich war ein Diener im Hause Hobbs“ (2018).

Ihr Briefpartner ist der in Köln lebende Autor Yannic Han Biao Federer (* 1986).

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein, der Südtiroler Autorinnen- und Autoren-Vereinigung und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.