Programm

FEMINISTISCHE KRIMIS #1
Was ist ein feministischer Krimi?

Was macht eine Krimi zu einem feministischen Krimi, was macht einen Roman zu einem feministischen Roman? Eine Annäherung.

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An meinem ersten Arbeitstag in der Bibliothek Wyborada, wurde mir der Auftrag erteilt, eine Leseempfehlung zu einem feministischen Krimi zu verfassen. Ich bin keine erprobte Krimileserin und wusste gar nicht, wonach ich suchen, womit ich anfangen sollte. Ein feministischer Krimi, was ist das überhaupt?

Dem liegt die grundsätzliche Frage des feministischen Schreibens zu Grunde. Was ist ein feministischer Text? Ist es ein Text, der eine emanzipierte Frauenfigur beschreibt? Ist es ein Text, der das patriarchale System thematisiert und kritisiert? Ist es ein Text, der von einer Feministin verfasst wurde? (Kurze Vorwarnung: Ich habe keine klare Antwort auf diese Fragen.)

Es scheint auch unter Autor:innen unterschiedliche Meinungen zu geben, was alles in einen feministischen Krimi gehört. Es wird zumindest unterschiedlich umgesetzt und aktiv oder weniger aktiv als feministischer Krimi betitelt und beworben.

Isabel Rohner schreibt sogenannte feministische Kicherkrimis, die auch ganz viel feministische Theorie beinhalten. Ich habe in Gretchens Rache hineingelesen: Die Hauptfigur, Linn Kegel, ist selbst Autorin von feministischen Kicherkrimis. An einem Pressewochenende im Spreewald kommt es zu einem Mord. Dabei wird immer wieder explizit auf Sexismus in der Buchbranche hingewiesen und auch sexuelle Belästigung wird früh im Buch thematisiert. Diese teilweise kolumnistische Art, Feminismus in einen Krimi zu integrieren, und den Krimi ganz aktiv als feministisch zu Vermarkten ist eine Variante.

Petra Ivanov hingegen schreibt den Feminismus nicht auf den Buchrücken, bei ihr steht Gesellschaftskritik zu diversen Themen wie Extremismus und mentale Gesundheit. Aber als ich Entführung gelesen habe, bin ich starken weiblichen, fragilen männlichen und allgemein sehr vielschichtigen Figuren begegnet. Diese Vielschichtigkeit und das Brechen von Geschlechterstereotypen gehört für mich auch zur feministischen Literatur dazu. Und gerade Extremismus bei jungen Männern (was in Entführung das Hauptthema ist) kann auch als ein Problem von einem zu verteidigenden Männlichkeitsbild gelesen werden. Franziska Schutzbach leitet in ihren Buch Die Erschöpfung der Frauen her, wie misogyne Denkmuster Hass und Mord an Frauen «als Heldentat erscheinen zu lassen» (S. 131).

Krimi ist ein sozialkritisches Genre. Es geht um die Ängste und inneren Abgründe von Menschen. Es geht darum, wie sich Verbrechen am Rande der Gesellschaft organisiert und wie es hinter den Fassaden aussieht. Dass feministische Themen in einem sozialkritischen Genre verhandelt werden, scheint mir naheliegend und sinnvoll. Denn erwiesener Massen erleben Frauen soziale Ungleichheiten, sexistische Übergriffe und sexualisierte Gewalt, der Kriminalroman ist also ein passendes Genre um auf Sexismus und Gewalt an Frauen hinzuweisen. Die Darstellungen von Gewalt an Frauen in Krimis ist tatsächlich weit verbreitet. Für mich ist wichtig zu betonen, dass feministische Krimis Gewalt an Frauen und Femizide zwar durchaus thematisieren sollen, dabei aber nicht voyeuristische Darstellungen dieser Gewalt enthalten dürfen.

Es geht also nicht darum, soziale Ungerechtigkeit anhand von Gewalt an Frauen darzustellen und diese Gewaltdarstellung als Verkaufsfaktor zu nutzen, sondern darum, patriarchale, rassistischen, klassistische Strukturen sowie Diskriminierung aufgrund von Sexualität und Religionszugehörigkeit zu thematisieren.

Feminismus muss eben immer – auch im Krimi – intersektional sein und gesellschaftliche Strukturen in ihrer Gesamtheit erkennen und kritisieren. Dabei kann kein einzelner Kriminalroman die Gesellschaft ganzheitlich abbilden, deshalb ist wichtig, dass es viele unterschiedliche feministische Krimis gibt. Solche, die Sexismus direkt ansprechen, wie Isabel Rohner es in ihren Krimis tut; andere, die das Thema eher subtil angehen und zudem noch weitere gesellschaftliche Probleme thematisieren, wie das bei Petra Ivanov der Fall ist.

Quellen:

Isabelle Rohner: Gretchens Rache.

Petra Ivanov: Entführung.

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen, wider die weibliche Verfügbarkeit.

Dieser weiterführende Artikel zu feministischen Krimis.

Die Studie zur sexualisierten Gewalt in der Schweiz.

Autorin: Sara Räss (23 Jahre alt), Hospitantin (März bis Mai), studiert Germanistik und Skandinavistik an der Universität Zürich. Wenn sie gerade nicht am Lesen ist, stöbert sie im Bücherladen oder dem Bibliothekskatalog nach ihrer nächsten Lektüre.