Programm

FEMINISTISCHE KRIMIS #11
«Die Wyborada, ein gefährlicher Ort»

Vom Mikrokosmos strickender alter Damen zum Makrokosmos verstrickter mächtiger Männer. Wie die Krimiliteratur in die Wyborada kam. Ich habe mit einer darüber geredet, die sich auskennt.

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Die Logopädin und Ethnologin Susi Stieger kam 1989 zur Betriebsgruppe der Wyborada. Sie ist versierte Kennerin feministischer Literatur, Krimiafficionada und Vielleserin. Die Überschrift dieses Blogbeitrags ist ein Zitat aus einem Artikel, den sie im November 2000 für das Magazin Saiten verfasst hat. Darin reflektiert sie die Jahre ihres Engagements bei der Wyborada. So schreibt sie etwa: «Das Phänomen der Beschimpfung und Ausgrenzung von Frauen, welche die ihnen bestimmte Rolle verlassen, ihre Stimme erheben, ein Stück Welt begehren, war mir bekannt. Trotzdem wollte ich aus dem Laufgitter aussteigen.» Darin verweist Susi Stieger auf Iris von Rothens Frauen im Laufgitter. Dass es beim Verlassen der Rollen nicht immer bei den Beschimpfungen bleibt und durchaus handfest werden kann, ist ebenso bekannt. Willkommen also in der Welt der Krimiliteratur.

Eingang zum Krimiarchiv der Wyborada

 

Rein verbrechenstechnisch waren die Frauen bis in diese späten Achtziger Jahre in den Krimis fast ausschliesslich auf die Opferrolle oder die des dekorativen, sexuell verfügbaren Beiwerks fixiert. Aber das begann sich gerade zu ändern. Die Dynamik in der Geschlechterdebatte war gross und die Eroberung des Genres durch Frauen nahm Fahrt auf. Es war ja nicht so, dass Frauen nicht bereits erfolgreich Krimis schrieben. Aber die erfolgreichen unter ihnen hielten sich an die festgelegten Rollen und Themen, wenn sie ihre Bücher verkauft haben wollten. Susi Stieger anerkennt jedoch durchaus den Einfluss wichtiger klassischer Autorinnen auf die feministische Lesart von Kriminalromanen. So hat etwa Agatha Christie in ihren Augen mit Miss Marple, der strickenden, genau beobachtenden alten Lady, eine Heldin geschaffen, die vom Mikrokosmos (der den Frauen vorbehaltenen Welt) auf den Makrokosmos schliesst. Sie habe ihr eine überdurchschnittliche Wahrnehmung für subtile Veränderungen innerhalb der zwischenmenschlichen Kommunikation verpasst. Miss Marple beobachte genau, ab wann es nicht mehr stimme zwischen den Figuren und ziehe daraus ihre Schlüsse. Und last but not least, fungierten Frauen in Christies Romanen auch als Täterinnen, wolle heissen als Handelnde.

Der Ariadne-Faden

1988 nahm Frigga Haug den Faden auf. Die marxistische Soziologin arbeitete für die Zeitschrift Das Argument und richtete einen ihrer Schwerpunkte auf die Geschlechterverhältnisse. Sie startete als Kulturprojekt innerhalb des Argument-Verlags die Frauenkrimireihe Ariadne. Fortan verlegte sie sozialkritische Kriminalromane mit starken Frauenfiguren. Und endlich hatten die Autorinnen und Leserinnen, die es nach einer emanzipierten Darstellung von Weiblichkeit dürstete, eine Heimat. Das muss sich wie eine Befreiung angefühlt haben. Krimis, geschrieben von Frauen, mit dem Anspruch, ein differenziertes Bild der Gesellschaft zu zeichnen und sich Themen anzunehmen, die bisher als belanglos, weil typisch weiblich, galten. Ariadne behandelte die Frauenkrimis als eigene Kategorie.

Für Susi Stieger markiert Frigga Haugs Projekt einen Meilenstein in der damaligen Krimiliteratur. Die Tatsache, dass Frauen endlich in ihrer gelebten Realität und den damit verbundenen Themen als Protagonistinnen erschienen und ernst genommen wurden, war eminent wichtig. In der Fachliteratur wurde dies teils mit Skepsis und Herablassung verfolgt. So schreibt Peter Nusser in seinem Standardwerk Der Kriminalroman, das 1991 in der Sammlung Metzler erschien und für den Schulunterricht verfasst wurde: «Inwieweit Frauenkrimis, wie sie beispielsweise seit kurzem in der Ariadne-Reihe publiziert werden, wirklich Neuansätze des Kriminalromans im Sinne neuer Wahrnehmungen von Kriminalität, neuer Ermittlungsmethoden und neuer literarischer Gestaltung sind und nicht nur den Alltag von Frauen in die Handlung einfügen und einzelne Beispiele weiblicher Emanzipation und Solidarität vorführen, bleibt noch zu untersuchen.» Aber immerhin bleibt er höflich.

Innerhalb des Literaturbestandes der Wyborada wurden Kriminalromane nicht als Trivialliteratur abgehakt, sondern unter feministischem, soziologischem und politischem Blickwinkel diskutiert. Es ging grundsätzlich um die Wahrnehmung und Sichtbarmachung der Frauen in der Gesellschaft, so Susi Stieger. Gefragt waren Krimis, in denen Frauen zu Handelnden wurden. Wo der Alltag von Frauen selbstverständlicher Teil des Plots war, es Lesben und Schwule gab oder Alleinerziehende. Ja, und wo die Frauen aus dem privaten, kontrollierbaren Kreis der Familien heraustraten und begannen, als Ermittlerinnen und Täterinnen in der öffentlichen Welt Unruhe zu stiften. Mit diesem Anspruch begab sich die Wyborada auf ihre gefährliche Mission, das Machogenre des Noir und damit die Geschlechterrollen aufzumischen.

Vor dem Gesetz sind manche gleicher

Eine, die es aus dieser Zeit auf der Bekanntheitsskala ganz nach oben geschafft hat, ist die Autorin Doris Gercke mit ihrer Privatdetektivin Bella Block. Der 1988 erschienene und damals vom Hamburger Verlag am Galgenberg publizierte Erstling, Weinschröter du muss hängen, wurde zum Bestseller. Das Verständnis der Kriminalkommissarin und späteren Privatdetektivin Block für die Handlungsweise der Täterin, wird Gercke allerdings zum Vorwurf gemacht. Wieder Peter Nusser in Der Kriminalroman über Gerckes Erstling: «Die Verstehensfähigkeit und Solidarität der Polizeikommissarin, die weiss, wer die Mörderin ist, geht hier so weit, dass sie den letzten Mord, den sie hätte verhindern können, innerlich gutheisst und geschehen lässt. Hier wird nicht nur eine Grenze des Kriminalromans überschritten.» Weiter wirft er ihr vor, dass sie nicht fähig ist, die Fallstricke, die Frauenkrimis bergen, zu umgehen. Das kann so interpretiert werden, dass die Autorin es nicht schafft, objektiv mit dem Thema Vergewaltigung (in diesem Fall) umzugehen und ihre Heldin Partei ergreifen lässt. Salopp ausgedrückt, typisch Frau, man hat das ja kommen sehen…Ein Wertung, die sich Sam Spade und Co., die regelmässig die Grenzen der Legalität überschreiten, nicht gefallen lassen müssen.

Stieger findet die Heldin Bella Block deshalb interessant, weil sie zu jener Zeit als nicht eindeutige Frau wahrgenommen wurde. «Sie raucht, sie trinkt, sie ist intelligent und attraktiv, trägt körperbetonte Kleidung und macht, was ihr beliebt.» Laut Stieger ist Gercke politisch eine der am weitesten links positionierten Autorinnen unter den damaligen Krimiautorinnen. Sie nahm sich grosser Themen aus Politik oder organisierter Kriminalität an und war in der Themenwahl sehr weitsichtig.

Dass Ariadne auch nach drei Jahrzehnten immer noch – und mit Erfolg – von Frauen verfasste Krimis und Noirs verlegt, beweist, dass die Autorinnen durchaus einen ernstzunehmenden Einfluss ausüben und gekauft werden. Auch wenn über die literarische Qualität einzelner Romane in den Anfangszeiten von Ariadne durchaus diskutiert werden konnte. So erinnert sich Susi Stieger zum Beispiel an sehr kontroverse Rezensionen zu Marion Fosters Wenn die grauen Falter fliegen, das in den Kritiken entweder hochgelobt oder verrissen wurde. Für die Wyborada ist die Kriminalliteratur mittlerweile eine Nische geworden. Den Pioniercharakter der Achtziger Jahre hat sie verloren, aber sie bleibt ein spannender Teil der Sichtbarmachung weiblicher Existenz.

 

Judith Gamma Prost (*1963), arbeitet in einem Bioladen in St. Gallen und sieht in ihrer Arbeit durchaus Parallelen zum Krimi. So macht sie sich beständig die Hände schmutzig, braucht einen gesunden Sinn fürs Verderbliche und kann die Frage nach ethisch richtigem Verhalten auch nicht immer so einfach beantworten.