Programm

CARA ROBERTA. / 17.4.2020
Yannic Han Biao Federer an Verena Rossbacher (I)

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada. Die Idee: Fünf Wochen lang treten jeweils zwei Autor*innen, die sich bisher nicht persönlich kannten, in brieflichen Austausch – über Länder- und zum Teil auch Sprachgrenzen hinweg.

Brief 1: Die Eisdiele war geschlossen …

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17.4.2020

Verena,

die Eisdiele war geschlossen, aber das lag am Wetter, jetzt hat sie geöffnet, trotz Corona. Innen ist es dunkel, man muss genau hinsehen, dann erkennt man den Verkäufer im karierten Hemd, er trägt blaue Handschuhe aus Gummi, schält Kugeln aus den gekühlten Behältern, ein unendlich schmaler Junge steht vor dem Glas, zeigt mit dem Finger auf die Sorten. Als er fort ist, tritt der Verkäufer hinaus in die Sonne, schaut sich um, stemmt die Hände in die Hüften. Gegenüber schlendert eine Frau im Schatten der Gebäude, allein, in ihrer Linken ein üppiger Strauß Tulpen, der Blumenladen hat geöffnet, der Buchhändler nicht.

An der Baustelle rührt sich nichts mehr. Kürzlich noch riesige, spinnenartige Maschinen, die sich am Hang zu schaffen machten, ihn zurechtbaggerten, glatt walzten, dann mit Beton bespritzten, aus einer Düse, die ein Bagger am senkrecht erhobenen Arm in die umgegrabene Böschung richtete. Irgendwann fiepende Lastwagen, die vorgegossene Bauteile lieferten, ein Schwerlastkran hievte sie in die Vertiefungen, die offenbar für sie angelegt worden waren, wie hohle Zähne stehen sie nun im Gefälle, verlassen.

Ich erinnere mich an die Frau, die mich ansah, irritiert, verstört beinah, als ich stehenblieb, um sie passieren zu lassen, um Abstand zu halten, aber sie verstand nicht, betrachtete mich wie ein eigenartiges Ungeheuer, trippelte langsam an mir vorbei, ohne mich aus den Augen zu lassen, blickte sich noch mehrfach um, wie sie sich entfernte. Einmal auch ein Läufer im Wald, ich ging zur Seite, trat sogar ins Gestrüpp, und er lachte, rief mir nach, so dick bin ich nicht.

Inzwischen die ersten maskierten Menschen auf der Straße. Ein Mann mit Sauerstoffflasche in der Rollatortasche, ein Schlauch führt ihm zur Nase, langsam schiebt er das Gestell über den Gehweg, blickt zu mir auf, als ich vorbeikomme, ängstlich fast, er zieht an den Bremsen, die an den Haltegriffen sitzen, dabei gehe ich schon einen weiten Bogen, ich kann ihn verstehen.

So ist es hier, Verena. Wie ist es dort?

Yannic

 

Yannic Han Biao Federer (* 1986), aufgewachsen in Südbaden, lebt als freier Autor bei Köln. Er erhielt u.a. den Harder Literaturpreis 2018 und den 3sat-Preis 2019. 

Seine Briefpartnerin Verena Rossbacher (* 1979) lebt nach Stationen in Österreich und der Schweiz mittlerweile in Berlin.