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CARA ROBERTA. / 24.5.2020
Gabriele an Peter (II)

Brief 4: Der Flieder ist verblüht, jetzt ist es der Holder …

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Sonntag, 24. Mai 2020

 

Lieber Peter,

der Flieder ist verblüht, jetzt ist es der Holder, der den Garten mit seinem Duft erfüllt. Immer, wenn ich in diese weißen Blütenkaskaden schaue, sehe ich auch die Arbeit des Spätsommers vor mir. Die tiefblauvioletten Beeren, die vor Saft strotzen und meine Finger färben. Es gilt jetzt abzuwägen, wie viele der Blüten ich in Sirup verwandle, wie viele ich stehen lasse, um später Marmelade, Likör oder Wein aus den reifen Beeren zu machen. In dieser Abwägung berücksichtige ich auch die Menge an Beeren, die wir den Amseln gönnen, die sich im Übrigen auch an den Kornelkirschen, der Felsenbirne, den Beeren des Wilden Weines und später im Herbst an den gefallenen Äpfeln gütlich tun. Wenn mein Mann im Garten jätet, nähern sich die Amseln am Boden bis auf einen Meter. Sie haben gelernt, dass durch seine stille, unaufgeregte Tätigkeit Würmer für sie abfallen.
Und wenn ich mit meiner alten Dame bei ihr auf dem Balkon sitze, dann pfeife ich dem Amselmann. Es ist ein Vergnügen für sie, ihn immer antworten zu hören. Sie, die nie Zeit für die Natur oder den Garten hatte, hatte stets eine Vorliebe für Kunststoffblumen, da sie keiner Mühe bedurften. Vor vier Jahren habe ich begonnen, ihr diese Kunststoffbegonien, die sie noch am Dachboden hatte, auf das weiß lackierte Gusseisengeländer zu binden. So blüht es dort scheinbar vom Frühling bis in den späten Herbst. Ich habe aber auch Gewürze auf dem Balkon gepflanzt. Wir riechen an ihnen, wir verwenden sie für die Speisen und zur Dekoration derselben. Meine alte Dame gießt die Gewürze, eine kleine Aufgabe, die ihr den Rhythmus des Tages und auch der Jahreszeiten vermittelt. Irgendwann hat sie begonnen, auch die Kunststoffblumen zu gießen, und ich habe mich über ihre logischen Verknüpfungen gefreut. Und wenn sich Schwebfliegen, Bienen und Hummeln auf diesen falschen Blüten tummeln, dann frage ich mich manchmal, ob sie vielleicht weniger einer optischen Täuschung anheimfallen als vielmehr auf unser Verhalten reagieren: auf unseren zärtlichen Blick, auf unsere Fürsorge, auf unsere Freude. Was wissen wir schon wirklich?

An jenem Tag (29.04.2020), als ich morgens den ersten Brief an Dich abschickte, hörte ich die Nachrichten erst spät. Es wurden geleakte Sitzungsprotokolle der Regierung und ihrer Taskforce Corona veröffentlicht. Ihnen war zu entnehmen, dass der Kanzler am 12. März (vier Tage vor dem Lockdown), dem Termin der ersten Sitzung mit Experten, das Angstmotiv aufgreift, das einst in GB in Bezug auf eine Masernepidemie so ähnlich kreiert wurde. Die Angst vor Lebensmittelknappheit allerdings, sei den Menschen zu nehmen.
Die Kommunikation der Angst, dass Großeltern sterben könnten, fand breit in unseren Medien statt – und zwar auf eine relativ nette Art: „Ich schau auf dich“. Das konnte jeder verstehen und fast alle machten mit. Die Angst vor „Hunderttausend Toten“, die Spaltung der Menschen in „Lebensretter“ und „Lebensgefährder“ wurde aber erst ab 30. März kommuniziert, zu einem Zeitpunkt, als die Corona-Krise im Gesundheitssystem bereits überwunden war. Warum? Bereits am 13. März soll Dr. Allenberger (Agesexperte) gewarnt haben, man müsse ganz schnell von der Botschaft des „ganz gefährlichen Virus“ wegkommen, weil diese Botschaft kontraproduktiv sei und zu größeren Kollateralschäden führen könne, die weit über Covid-19 hinausgehen könnten. Sars-CoV-2 sei für über 80 Prozent der Bevölkerung nicht gefährlich. (Falter 20/20).

An dieser Stelle mache ich eine Pause. Ich weiß nicht recht, ob ich meine Gedanken und meine Fragen hier überhaupt ausbreiten soll. Wirst du daran interessiert sein? Ich bin keine Philosophin und auch keine Politikwissenschaftlerin und sehe nur auf kleine Ausschnitte der Welt. In den letzten Jahren habe ich diese Konzentration auf Details trainiert, um sie ähnlich der fraktalen Welt Mandelbaums in Form von Zeichnungen auf das Papier zu bringen. In den besten Stunden denke ich, dieses Tun sei eine Art Meditation, die die Evolution von Vertrauen abbildet. In der iterativen Wiederholung ein und desselben Zeichens geschehen, wenn man so will, „kleine Fehler“, die die Fortschreibung oder Fortzeichnung in minimal anderer Richtung beeinflussen. Im ersten Moment mag als Störfaktor erscheinen, was letztendlich zu einem interessanten Ganzen führt, weil es lebendig ist und als solches wirkt. Vermutlich schaue ich auf eine ähnliche Weise in die Gesellschaft. Ich schaue auf die vielen kleinen Gesten, die es vermögen, im Kleinen etwas zu verändern, das durch Wiederholung zum großen Ganzen gedeiht. Dieses, am Anfang der Coronakrise kommunizierte „schau auf Dich, schau auf mich“, konnte am Einzelnen im Sinne von Freiwilligkeit und Verantwortung andocken und sich wiederholen, und darum funktionierte es. Die abrupte Unterteilung der Menschen in Lebensretter und Lebensgefährder nahm sich wie ein ausgeleertes Tintenfass über meiner Zeichnung aus: Es wurde das gemeinsame Werk zerstört. Indem man jene Wenigen, die sich nicht an die Regeln hielten oder sich auch nur zufällig in nicht tolerierten Situationen aufhielten, beinahe zu Verbrechern an der Menschlichkeit hochstilisierte, stellte man Sündenböcke in die Welt.

Meine Wahrnehmung war täuschte mich nicht. Mimik und Gestik des Kanzlers stimmten nicht mit der Botschaft überein. Ich habe mich in den letzten Wochen gefragt, weshalb er gegen den Rat der Experten gehandelt hat, denn es lagen zusätzlich an jenem 30. März bereits Daten der Mathematiker vor, die besagten, dass eine Beschränkung der Freizeitkontakte der Generation 65+ um 50 Prozent bereits eine Senkung der Severe Cases von Covid-19 von über 50 Prozent für die Gesamtpopulation bedeutet hätte. Ein milderer Weg wäre möglich gewesen.
Warum also handelte der Kanzler so? Weil Netanjahu, den er kontaktierte, dazu riet? Wie kann man ausgerechnet den Menschen um Rat fragen, dessen Gesundheitsminister öffentlich erklärte, dass das Coronavirus eine Strafe Gottes für Homosexualität sei? Wie kann man in einem Land nachfragen, in dem die Ultraorthodoxen, die sich nicht an Ausgangsbeschränkungen halten, die eigene Polizei als „Nazis“ beschimpfen und sie mit uringefüllten Plastiksäckchen bewerfen?

Der Kanzler hat sich nicht verrechnet, wie ich im ersten Brief an dich anklingen ließ. Er hat ge-rechnet, wie ich vermute: Wenn er die Krise verschärft kommuniziert, so wird er nachher umso besser dastehen. Dann hat er hunderttausend Menschen gerettet und nicht wir, die wir uns solidarisch und empathisch verhalten haben. Diese meine Annahme entspräche seiner dummen Eitelkeit, die er im Kleinen Walsertal unter Beweis stellte. (Aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich jetzt hier nicht eingehen will, sie hat aber dazu geführt, dass kurzfristig seine Umfragewerte gesunken sind und sich viele Menschen nicht mehr an die Maskenpflicht halten wollen.)

Auf jeden Fall hat er uns mit dieser Angstkommunikation ab 30. März um unsere Freude gebracht, dass unser Handeln bzw. Nichthandeln sich sehr positiv auf das Verflachen der Kurve (flatten the curve) ausgewirkt hat – er hat stattdessen mit seinem Innenminister dem Moralismus und der Denunziation Tür und Tor geöffnet. Das halte ich für gefährlich. Das sind Wege, die wir schon einmal gegangen sind – sie wurden in der kollektiven Erinnerung wachgerufen. Eine Folge davon ist, dass Rassismus und Antisemitismus deutlich zugenommen haben.

Dazu kommt, dass das Epidemiegesetz ausgehebelt wurde und die Milliardenpakete an Unterstützungen ausgerechnet von der Wirtschaftskammer verteilt werden. Die Großen, die den Wahlkampf des Kanzlers unterstützt hatten, werden jetzt mit zukünftigen Steuergeldern gefördert, obwohl sie gleichzeitig Dividenden ausschütten, während die unendlich vielen EPUs und KMUs zu Bittstellern degradiert wurden und viele von ihnen noch immer leer ausgehen. Die Umverteilung von unten nach oben nimmt deutlich zu. Vom Umgang mit den Künstlern ist ganz zu schweigen, die wurden schlicht vergessen. Und ich kann mich des Gedankens nicht verwehren, dass in der Kultur eine Art Flurbereinigung stattfindet, die auch vom ORF mitgetragen wird: In Vorarlberg wurde letzthin ein Kulturredakteur aus fadenscheinigen Gründen gefeuert, während in Wien ein Jahr nach Ibiza, ich fasse das eigentlich nicht, dem Herrn Strache wieder eine mediale Bühne geboten wird. Zudem wird über die Wirtschaftskammer Werbung für unsere Boulevardpresse vertrieben, an denen ein dem Kanzler nahestehender Milliardär beteiligt ist. Man wird in Zukunft nicht mehr von Volksgesundheit sprechen müssen, wenn man der Volksverblödung derart viel Vorschub leistet.

Dazu passt, dass der Bildungsminister beifällig den Satz fallen lässt, dass in den nächsten Jahren mehrere private Universitäten entstehen sollen. Ich stehe dem zwiespältig gegenüber. Wer wird das finanzieren? In welche Richtung wird die Forschung ausgerichtet? Vorletzte Woche habe ich einen Bericht der Montanuni Leoben über die ersten Doktorarbeiten zum Thema Bergbau am Mond gelesen. Wie stolz man auf diese „Errungenschaften“ ist – während man für die öffentlichen Schulen so nebenbei den in Diskussion stehenden verpflichtenden Ethikunterricht strich, und stattdessen das Fach „Religion“ zum Wahlpflichtfach erhob.

Und dazu kommen die vielen arbeitslosen, eh schon mittellosen Menschen, von denen wir hochmütig annehmen, dass sie auf die Populisten hereinfallen und in Zukunft noch mehr hereinfallen werden. Und gleichzeitig wird Österreich aufgrund seines hervorragenden Gesundheitssystems, das sich in der Pandemie bewährte, plötzlich relevant für die Superreichen – man liest, für einen österreichischen Pass zahlen sie bis zu sieben Millionen Euro. Voraussetzung für den Pass ist nur, „dass man sich um die Republik verdient macht“. Man muss es sich leisten können, Österreicher oder Österreicherin zu sein, die Einbürgerungen sind in den letzten Jahren drastisch gesunken, sie sind einkommensabhängig. An dieser Stelle mag ich gar nicht mehr weiterschreiben, was ich weiterdenke.

Dazu kommt auch noch, dass ein Ökonom aus dem Umfeld der Industriellenvereinigung die Leitung der Statistik Austria übernommen hat und vorab alle neuen Aussendungen zuerst ans Bundeskanzleramt schicken muss. Message control. Evidenzbasierte Politik in Echtzeit aufgrund statistischer Auswertung unserer digital erfassten Aktions- und Reaktionsmuster ist das Ziel.

Bazon Brock hatte vermutlich recht. Nach einer solchen Krise driftet eine Gesellschaft nach rechts. Das stimmt mich absolut dystopisch. Naomi Kleins Text im Guardian „How big tech plans to profit from the pandemic“ tut sein Übriges dazu. Die bewusst geschürte Angst und der Moralismus (die anderen sollen sich an die Regeln halten) werden dazu führen, dass Menschen JA zu allen möglichen Überwachungssystemen sagen werden.

*

Lieber Peter, zu Beginn dieser Krise hatte ich ehrlich gehofft, dass diese Lockdowns dazu führen könnten, dass Gesellschaften dauerhaft umzudenken fähig wären (wenn ich mir auch schwere Sorgen um die Schwellenländer machte, in denen so viele Menschen von der Hand in den Mund leben – den Verzweiflungsschrei eines Beiruter Straßenhändlers vergesse ich nie). Ich habe nachgeschaut, wann ich meine Haltung zu unserem Lockdown geändert habe. Es war der 5. April. Zu diesem Zeitpunkt haben Schweizer Ärzte bereits Alarm geschlagen, dass es 40 % weniger Herzinfarkte gäbe, dass Patienten nicht mehr in die Ordinationen kämen. Ich habe das verfolgt und ganz ähnliche Berichte von österreichischen Ärzten gefunden. Auch in der englischen Presse schlugen damals schon Ärzte Alarm, dass Menschen mit schweren Erkrankungen aus Angst vor Corona nicht mehr die Spitäler aufsuchten, dass sie zu Hause blieben und dort starben.
Ich habe mich damals gefragt, wie viele neue Krankheitsfälle und auch Todesfälle wir durch den Stress der Isolation, durch den Stress, den Panik verursacht, durch den Stress, den Arbeitslosigkeit verursacht, schaffen. Da kein Grundeinkommen verteilt wurde (was m.E. sinnvoll gewesen wäre), fand ich diese Fragen berechtigt. Ich habe das weniger als „Rechnen“ empfunden, vielmehr als „Abwägen“. Es galt und gilt, die alten und schwachen Menschen zu schützen. In meiner Sicht hatte sich aber die Gruppe der „schwachen“ Menschen verändert – Frauen und Kinder, die häuslicher Gewalt und Missbrauch ausgesetzt waren, suizidgefährdete Menschen, Menschen, die auf Krebsdiagnosen warteten, usw. Ich hatte die Frage so gestellt: Schaffen wir durch den Lockdown neue Risikogruppen? Ich stellte diese Frage auch vor dem Hintergrund, dass mehrere Ärzte erzählten, die für Covid-19 ausgerüsteten Krankenhäuser stünden fast leer.

Jetzt werden abertausende verschobene Operationen allmählich nachgeholt. Zwanzigtausend Psychotherapieplätze werden zusätzlich geschaffen, um die in der Zeit des Lockdowns an der Psyche Erkrankten aufzufangen – Depressionen sind von 4 auf 20 % gestiegen, Angstzustände von 5 auf 19% und Schlafstörungen sind auf 19 % gestiegen (Donauuniversität Krems). In Deutschland untersuchen Pathologen die durch die Angst vor Corona verübten Suizide und von San Francisco lese ich Ähnliches. Die Studie (an der auch Dr. Drosten beteiligt war), die besagt, dass 30-40% der mit Sars-Cov-2-Infizierten eine gewisse Kreuzimmunität (zelluläre Immunität) mit anderen Coronaviren aufweisen und deshalb keine Symptome zeigen, liegt nicht länger unbeachtet auf einem Preview-Server, sie gelangt langsam an die Öffentlichkeit und nimmt hoffentlich etwas von der Panik.

Diese umfassendere Sicht auf eine momentane Pandemie plus ihrer möglichen Folgen aufgrund von Maßnahmen gegen sie, ist vermutlich jene, auf die Anders Tegnell mit seiner Strategie in Schweden baute. Ich kann nicht glauben, dass es in Schweden nur um die Wirtschaft ging. Denn Schweden hat zur Zeit der Schweinegrippe Erfahrungen gemacht, die uns in Österreich, soweit ich weiß, erspart blieben. Tegnell war damals für Massenimpfungen eingetreten, die, wie sich danach herausstellte, lebenslange Folgeschäden für 168 Kinder hatte, da sie eine Narkolepsie entwickelten. Also nahm ich an, dass er viele Bedenken gegeneinander abwog.
Ich habe öfter mit Interesse aber auch mit Besorgung nach Schweden geschaut. Was mir persönlich auffällt, da ich mich in der Vergangenheit aufgrund meiner Beteiligung an Visionsprozessen ein bisschen mit pflegerischen Modellen in den nordischen Staaten auseinandergesetzt habe, ist, dass in Schweden wesentlich mehr junge Menschen (Studenten) an der Betreuung alter Menschen mitwirken als bei uns. Was uns vor ein paar Jahren noch eine Art Vorbild war, dass Studenten auch Tür an Tür mit alten Menschen leben, ist vielleicht jetzt in Schweden zum Damoklesschwert geworden. Aber nicht nur dort, die Zahl der Todesfälle in Altersheimen ist in Belgien (vor Spanien und Italien) und den Niederlanden ähnlich hoch, wenn nicht höher.
Das ambulante Modell der Altenpflege (Buurtzorg, von Jos de Blok 2007 gegründet) in den NL ist ein Vorzeigemodell. Ich kann aber momentan keine Aussage finden, wie es sich in der Coronakrise bewährt hat.

Diese Pflegemodelle würden mich nicht nur aufgrund meiner eigenen Tätigkeit mit meiner alten Dame interessieren und im Hinblick auf die Entwicklung der Pflege hier im Land, sondern auch in Erwartung des eigenen Altwerdens. Und das wiederum führt dazu, dass ich mir Gedanken über den eigenen Tod mache. Seltsamerweise ist daraus Kraft zu schöpfen.

Der Zufall will, dass ich jetzt in diesem Moment das Titelblatt der New York Times vom heutigen Tag betrachte. Ich lese die Namen und die kleinen Lebensgeschichten von tausend an Corona verstorbenen Menschen, die hier stellvertretend für Hunderttausend veröffentlicht sind.
Ich erinnere mich an Cambridge. Als ich dort vor einigen Jahren Wittgensteins Grab suchte, blieb ich an einem Grabstein stehen, in den vorne und hinten die Daten von Verstorbenen eingeprägt waren. Vorne war der Satz zu lesen: She had done what she could. Ich stand lange dort, und versuchte mir vorzustellen, wie das Leben dieser Frau ausgesehen haben mag. Sie tat, was sie konnte. Hat man sie gemocht? Oder war sie eher eine schwierige Person, der man im Tod bescheinigte, dass sie sich wenigstens bemüht hatte? Für mich war diese Zusammenfassung eines ganzen Lebens in einem einzigen Satz neu. Ich mochte das und dachte, dass ausgerechnet dieser Satz einmal auf meinen Grabstein passen würde.
Und so bin ich tief berührt von diesen vielen gewesenen Leben in New York, die sich nach ihrem Tod noch über einen einzigen Satz in mein Herz zu schreiben vermögen. Der Mann, der seinen Beruf aufgab, um sich um seine Eltern zu kümmern. Der Mann, dessen größte Errungenschaft die Beziehung zu seiner Frau war. Die Großmutter, die voller toller Ideen war. Sie alle sind wir.
They are us.

Ich weiß nicht, ob dieses Bewusstsein sich durchzusetzen vermag. Aber als ich am vergangenen Freitag mit Freunden am See entlang geradelt bin, habe ich viele freundliche Menschen gesehen, die sich ganz offensichtlich freuten, zu grüßen. Allen war Erleichterung ins Lächeln gewoben und doch hielten sie sich noch an den obligatorischen Abstand. In der Stadt war ich noch nicht unterwegs, davon kann ich nicht erzählen.

Ich kann dir aber von meiner Anfang Mai getroffenen Entscheidung berichten. Ich werde weiter für meine alte Dame tätig sein, werde weiter Rücksicht und Vorsicht walten lassen. Insofern habe ich die Lockerungen im Alltag hier gar nicht mehr mitverfolgt. Für mich wird sich in den kommenden Monaten nicht viel ändern, wie schon zuvor nicht. Meine slowakische Kollegin kann nun nach drei Monaten nächste Woche wieder nach Hause fahren. Sie war hiergeblieben, weil sie in der Slowakei nicht in staatliche Quarantäne gehen wollte. Sie freut sich sehr und ich mich mit ihr. Die Suche nach einem Arzt, der einen Covid-Test an ihr durchführt, den sie für die Einreise in die Slowakei benötigt, war aber ein kleineres Abenteuer, was mich wiederum verblüffte. Ich dachte, die Vorarlberger seien besser organisiert.

Was ich der soeben eintreffenden Analyse (ich sitze am Computer im Büro) eines politisch analysierenden Journalisten entnehme, gibt unser Kanzler jetzt das Schlagwort „Eigenverantwortung“ aus. Österreich könne sich keinen zweiten Lockdown leisten, die Arbeitslosigkeit sei höher als in Deutschland und der Schweiz. Man müsse sich, wie es auch in der Schweiz gefordert werde, mehr am Modell Schweden orientieren. Die Zahl der Todesfälle halte sich dort auf einem Niveau, das einer schwereren Grippewelle in Österreich entspricht.

Nun, es ist ohnehin müßig, darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn. Und dennoch könnten wir jetzt doch einiges lernen, weil das vermutlich nicht die letzte Pandemie gewesen sein wird.
Das Wichtigste scheint mir, dass man niemanden zurücklassen darf. Leave no one behind. Nicht den Geringsten darf man zurücklassen, so auch nicht die geflüchteten Menschen, die in Lagern verharren müssen, nicht die Sklavenarbeiter (Erntehelfer, Arbeiter in Schlachthöfen usw.) in ihren unmenschlichen Unterbringungen, niemanden. Denn jeder Vergessene kann durch nicht erkannte Ansteckung eine neue Welle an Krankheit und Tod hervorrufen. Wenn das nicht aus Empathie heraus verstanden werden kann, so doch wenigstens aus einem kollektiven Egoismus heraus. Das gilt weltweit. Die Prävention bestünde also darin, ordentliche Löhne zu zahlen, gesunde Ernährung anzubieten und für gesundheitliche Leistungen auch außerhalb der Krise zu sorgen.
Und wer soll die Kosten dafür tragen?
Das Geld muss man von den Superreichen holen. 3% des Geldes jener 400 reichsten Amerikaner, die Du erwähntest, würden ausreichen, um alle Amerikaner auf Corona zu testen. Mit diesen 3% könnte man aber auch weltweit die Malaria besiegen, die im 20. Jahrhundert mehr Tote (vor allem Kinder) forderte als die Schwarze Pest. Und so fort.
Ja, ich bin absolut geneigt, ab sofort sämtliche Regierungen, die nicht endlich die Konzerne besteuern und Finanztransaktionssteuer einführen, als verbrecherisch zu bezeichnen.

*

Lieber Peter, als dein Brief ankam und ich von Deinem Murmeltier las, musste ich schmunzeln. Dein Murmeltier ist hier der Igel. Ich sah ihn, als ich nächtens noch auf dem Balkon saß. Ich freue mich über ihn, habe mich aber dennoch vergewissert, dass der Zaun des Hühnergeheges keine Durchschlupfmöglichkeit für ihn bietet. Letztes Jahr hat er sich derart in eines unserer Hühner verbissen, dass wir ihn nur mit einer Kaltwasserdusche zum Loslassen bewegen konnten. Das Huhn ist leider gestorben.
Zu unseren Hühnern gesellt sich seit einer Woche auch eine geschenkte Ente. Es ist jetzt ein fröhliches Gemisch aus Schnattern und Gackern tagsüber in unserem Garten zu hören. Abends geht es allmählich in das Zirpen der Grillen über, mein liebster Hauch von Süden.

In diesen Tönen liegt Frieden für mich.
Ich freue mich, dass es euch gut geht, dass Deine Mutter so gut versorgt ist, dass meine Tochter in Portugal zum ersten Mal einen Ausflug machen konnte, und dass meine Tochter in Wien, die ursprünglich nach Lissabon fliegen wollte, jetzt ab Anfang Juni ihren Urlaub bei uns verbringen wird. Ich freue mich, dass zwei meiner Söhne sich fragen, wie sich ein gutes Leben nach der Coronakrise gestalten lässt. Sie haben die Idee geboren, gemeinsam mit Freunden den brachliegenden Acker zu bestellen, und so werden wir im kommenden Jahr viel zu studieren und vorzubereiten haben.
Und ich freue mich, dass meine Eltern relativ sorgenfrei über diese Zeit gekommen sind und meine lungenentzündungsanfällige Pflegeschwester, die sie seit bald vierzig Jahren betreuen, gut behüten konnten. Das Geburtstagsfest zum Vierziger, den sie im April gefeiert hätte, wird jedoch wohl noch weiter in die Zukunft verschoben werden müssen.

Jetzt, da die Welt sich wieder öffnet, kann ich in meine eigene Stille zurückkehren, die auf eine etwas verschrobene Art jenem schiefen Haus im Garten des Fürsten Orsini in Bomarzo gleicht: erst im Verlassen desselben wurde mir schwindlig.

So schicke ich Dir aus diesem Beginn einer neu zu erobernden Stille meine besten Wünsche für Dich und Deine Familie
und grüße Dich herzlich,

Gabriele

 
Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 22.5.2020
Paolo Carnevale an Barbara Ladurner (I)

Brief 2: Die Schlussworte deines Briefes haben mir das Lied eines texanischen Rockmusikers in Erinnerung gerufen …

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Liebe Barbara!

Die Schlussworte deines Briefes haben mir das Lied eines texanischen Rockmusikers in Erinnerung gerufen, den ich sehr mag: Wir blicken auf dieselben Sterne, sein Kontext war ein anderer, der Kern aber bleibt der gleiche, und wir blicken auf dieselben Berge. Und so haben wir, obwohl wir uns nicht kennen, schon etwas, das uns verbindet, außer dem Schreiben natürlich, der Ausgangsbasis dieses Briefwechsels.

Über die Sterne weiß ich wenig, die Berge aber liebe ich, ich liebe sie mit der Hassliebe, die man letztlich oft für jene Dinge empfindet, die uns am meisten berühren, ich betrachte sie gern, doch ich hasse die Kälte, ich stehe gern oben, doch ich hasse es, vom Aufstieg Knieschmerzen zu bekommen. So sind wir eben, wir Menschen: im Verlauf von Jahrtausenden herausgebildete Merkmale und Probleme, und mittlerweile ändert uns keiner mehr.

Mir gefallen die Gipfel, ich wandere aber auch gern im Flachland (wahrscheinlich eben wegen der besagten Kniebeschwerden), ich mag die Wälder, die Lichtungen, die Luft, die man atmet, den Duft dieser Luft, den Unterholzgeruch. Früher bin ich wirklich viel gewandert, musst du wissen. Wenn ich dir jetzt aber sagen müsste, welches mein Lieblingsberg ist, nun, da bringst du mich ein wenig in Verlegenheit. Nicht so sehr, weil ich keinen habe, sondern weil es in etwa so ist wie beim berühmten Buch, das man auf die einsame Insel mitnimmt. Es hängt davon ab, wann man dich danach fragt, von deiner momentanen Gemütsverfassung, glaube ich, nicht jeden Tag würde man letztendlich den gleichen Titel nennen und dann, seien wir ehrlich, ein einziges Buch für die einsame Insel ist doch etwas wenig.

Im Augenblick empfinde ich, dass es mit den Bergen in etwa genauso ist. Ich könnte dir den Mauna Kea nennen, einen sehr hohen Vulkan auf den Hawaii-Inseln, ich war noch nie oben, habe ihn von unten gesehen, er befindet sich aber auf einer Insel, die mir sehr gefällt und auf die ich mich in der Fantasie zurückziehe, wenn mich das Fernweh überkommt. John Steinbeck, mein Lieblingsautor, meinte, der eine reise, um Bücher zu schreiben, der andere schreibe Bücher, um im Kopf zu reisen, ich habe mich immer ein bisschen zwischendrin gefühlt.

Um auf die Berge zurückzukommen, ich könnte auch sagen, die im Passeiertal, von wo mir ein wunderschönes fünftägiges Trekking dauerhaft in Erinnerung bleibt, oder der Becco di Filadonna, ein niedriger Gipfel im Trentino mit atemberaubendem Ausblick. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ich die Dolomiten sage, unsere Hausberge, die ich von meiner Stadt aus sehe, den Rosengarten, der mit seinem Profil mein Bozen Town beherrscht. Es ist der Berg, den ich täglich auf meinem Weg zur Arbeit ins Museum sehe und den ich den Museumsbesuchern zeige, wenn ich sie auf die Turmspitze führe und ihnen Geschichten erzähle, die mit den Bergen, die wir sehen, zu tun haben, denn darauf verstehe ich mich im Grunde am besten: erzählen. Worüber schreibst du denn gewöhnlich, Barbara?

Erzählen ist die Essenz meines Lebens, um welche Art von Erzählung es auch immer gehen mag, das habe ich von meiner Mutter und meiner Großmutter geerbt, das ist alles in den Genen, im Reinzustand. Wichtig ist, jemanden zu finden, der bereit ist, dir zuzuhören, sich selbst zu erzählen

ist hart. Ich denke an meine Großmutter und frage mich, was sie von dieser ganzen Geschichte mit der Pandemie gehalten hätte, sie, die zwei Weltkriege und die famose Spanische Grippe mitgemacht hat … Obwohl sie jetzt weit über hundert Jahre alt wäre, und in Anbetracht der Erziehung, die sie genossen hat, glaube ich, dass sie sie nicht als Strafe Gottes angesehen hätte. Sie war eine aufgeklärte Frau.

Auch wenn die christliche Religion den Leuten zu viele Jahrhunderte lang von einem strafenden, strengen und schrecklichen Gott erzählt hat. In gewisser Weise ein bisschen das Gegenteil jener olympischen Götter, von denen du mir in deinem Brief schreibst: die waren im Vergleich dazu Operettengötter, wenn man so sagen kann, zu unsäglichen Bosheiten fähig, gewiss, doch voller Fehler: Neidhammel, unverbesserliche Sünder und Gauner, genau wie die Menschen, die sie sich so ausgedacht hatten, nach ihrem Ebenbild. Ganz das Gegenteil vom Gott der Christen. Und von dem der anderen Monotheisten.

Ich bin drauf und dran, mich auf ein Minenfeld zu begeben, und verlasse es schnell wieder, bevor ich mich darin festfahre. Worauf ich hinauswollte, ist jener Punkt in deinem Brief, an dem du auf die Desertifikation und auf den Klimawandel zu sprechen kommst, ein Thema, das uns allen nahegeht, eines der vielen, gegenüber dem ich mich gleichzeitig ohnmächtig und schuldig fühle: ohnmächtig, weil ich nicht sehe, was meine getrennte Müllsammlung nützt (die ich auf jeden Fall weiterhin praktiziere), während in den Ozeanen ganze Plastikatolle entstehen; schuldig, weil ich mir vollkommen bewusst bin, dass der Verzicht auf so viele unverzichtbare Bequemlichkeiten unserer Tage der Umwelt helfen könnte.

Was mich an diesem Virus-Notstand beeindruckt hat, ist die Feststellung, dass die Zwangsklausur, zumindest in der ersten Phase, zu einer zeitweiligen Entvölkerung der besiedelten Räume geführt hat, und ich beziehe mich genau auf unsere Alpenräume: mit den gezwungenermaßen zu Hause eingeschlossenen Menschen ist es in einigen Dörfern des Trentino dazu gekommen, dass sich Wildtiere (Bären und Steinböcke) bewohnten bzw. unbewohnten Gebieten näherten und sogar auf Balkone kletterten. Ich kann mir nicht helfen, aber ich denke, das ist eine Folge der Quarantäne. Was meinst du?

Eher als eine Strafe scheint mir das eine Warnung von Mutter Natur zu sein, die zu Recht darüber erbost ist, wie wir mit ihr umgehen.

Manche glauben, dass das Schlimmste schon vorbei ist. Weißt du, Barbara? Ich bin mir da nicht so sicher. Die Kriege, die unsere Großeltern und Eltern erlebt haben, waren zweifellos schlimmer, doch ich traue mich nicht, einen Schlussstrich unter dieses unerwartete Ereignis zu ziehen, gegen das es noch kein Gegenmittel gibt. Ich versuche, optimistisch zu sein, doch die Aussicht erscheint mir düster und bedrohlich. Ich versetze mich in die Lage jemandes, der, so wie du, kleine Kinder hat, ich denke, es ist eine moralische Pflicht, auf eine unbeschwerte Zukunft zu hoffen, für sie zumindest. Andererseits wird, wie du geschrieben hast, der versprengte Samen von heute zur Blume von morgen gedeihen und, wenn ich mich in diesem verrückten, beispiellosen Frühling so umschaue, sehe ich die Natur erblühen, diesem unserem Menschengeschlecht mit seinen Fehlern und Mängeln zum Trotz.

Und mit diesem positiven Befund (nicht in Bezug auf das Virus!) wünsche ich dir einen schönen Abend, bis bald,

aloha, wie man im Schatten des Mauna Kea sagt

Paolo

 

CARA ROBERTA. / 22.5.2020
Yannic an Verena (III)

Brief 5: Die Mauer im Hang ist jetzt nicht mehr alleine …

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Verena,

 

die Mauer im Hang ist jetzt nicht mehr alleine, eine zweite hat sich hinzugesellt, offenbar sollen sie gemeinsam das Gewicht der Anhöhe tragen. Davor noch immer der gelbe Hydraulikbagger, er schichtet groben Kies zwischen Erdreich und Beton, abseits Aufschüttungen verschiedenfarbiger Erde, die wohl obenauf liegen wird, mit dem Rüttelstampfer zu einem festen Fundament gefügt. Ein Vorarbeiter gibt Anweisungen, wenn er die Handfläche neigt, kippt die Baggerschaufel seitwärts, gießt ihren Inhalt in die Senke, hält er sie gerade, versiegt ihr Strom. Manchmal winkt er dem Kollegen im Cockpit, bevor er von der Leiter springt, einen Spaten schultert und hinter dem Betonvorsprung verschwindet, um dort irgendetwas zurechtzuscharren. Es dauert, so lange, dass ich ungeduldig werde, weil ich zurück an den Schreibtisch muss, schließlich tatsächlich hinübergehe und nur noch hoffen kann, dass er dort nicht versehentlich begraben wird.

 

Entschuldige, schon wieder die Baustelle, ich fand es nur so schön, wie dort die Dinge und Menschen zusammenwirken, ineinandergreifen, helfend und vertrauend aufeinander. Und eigentlich eint auch uns beide mehr, als du glaubst. Zumindest als Einheit einer Differenz, würde Luhmann sagen, oder, in unserem Fall, als Einheit zweier Differenzen. Laut und leise. Schnell und langsam. Das Schnelle und Laute bringt es aber mit sich, dass manches nur verwischt auf den Bildträger findet, dass manches verzerrt auf der Tonspur. Es freut mich also, dass du das Stichwort der Genauigkeit aufwirfst, es ist mein Thema.

 

Dass es dir dort, wo ich von Politischer Theorie spreche, zu ungenau und abstrakt wird, beruht auf einem alten Missverständnis, das sich insbesondere an Theorie gut zeigen lässt. Abstraktion ist nämlich keineswegs etwas, das man erreicht, indem man alles Konkrete aus einem Bild entfernte, nein, es ist vielmehr etwas, das einer bewussten Setzung gleichkommt und sich in ihrer potentiellen Anwendbarkeit erst noch zu bewähren hat.  Der veränderte Blick, den Theorie bietet, etwa der paranoide Blick der foucaultschen Machttheorie, entspricht ganz der Desautomatisierung von Wahrnehmung und Sprache, den die Formalisten als Wesenskern der Poetizität beschrieben haben, und es macht sie zur literarischsten Form aller wissenschaftlichen Literatur. Theorie ist also, wie Literatur, nicht die irgendwie abstrahierende Reformulierung ihrer Umwelt. Sie ist ein anderer und neuer Zugang zu ihr.

 

Um diesen aber zu erkennen, muss man schon genau lesen, muss man schon mitbekommen, dass ich autoritären Systemen an keiner Stelle eine wie auch immer geartete Affinität zu diskursiver Auseinandersetzung attestiert habe. Vielmehr ging es um die tiefgreifende Unterscheidung zwischen Systemen, in denen es ein heterarchisches Treiben zwischen eigenlogisch operierenden Subsystemen gibt, und solchen, in denen ein hierarchisch übergeordnetes Zentrum seine Kommunikationsweise jederzeit und nach Belieben den übrigen aufoktroyieren kann. Weniger luhmannianisch gesprochen: Wir haben das Glück, dass wir nicht über Politik sprechen müssen, wenn wir es nicht wollen. Andere haben das nicht. Es ging mir also gerade um einen pluralistischen Diskurs, den du dir doch auf die Fahnen geschrieben zu haben glaubst, nur dass du dich, in der angestrengten Negation eines vermeintlich übermächtigen Mainstreams, durch gerade diesen bestimmen lässt.

 

Wenn man ihn also erfassen wollte, diesen anderen und neuen Zugang, so müsste man auch die Radikalität erkennen, die in einer knappen Wendung verborgen liegen mag. Dass ich auf Arendts Postulat von der physischen Kopräsenz verwies, konntest du nicht nachvollziehen, du schriebst, du wüsstest gar nicht, wer denn um alles in der Welt diesen direkten physischen Kontakt nicht für wichtig hielte. Ich kann‘s dir sagen: ungefähr fast alle. Denn was Arendt im Kern fordert, ist ein räterepublikanisches Gemeinwesen, eine gestaffelte Anordnung öffentlicher Erscheinungsräume, die nur möglich werden, indem Menschen sich unmittelbar begegnen und diskutieren. Medialisierte Vermittlungsinstanzen und anonyme Wahlverfahren schließt sie aus, von Parteien will sie nichts wissen. Einzig die Diskussion zwischen physisch Anwesenden gewährleistet für sie das, was sie als die Freiheit des Politischen begreift. Die Phantasien von ‚direkter Demokratie‘, wie sie inzwischen auch von rechten Populisten aufgegriffen werden, sie wären ihr ein Graus. Zu groß die Gefahr, dass andere Mechanismen in Gang kommen, insbesondere diejenigen, die sie massentheoretisch (und durchaus problematisch) zu beschreiben versuchte. Aber auch hier gilt: Es bedarf der Distanz und der Zeit, um sich dies klarzumachen. Das Gaus-Interview auf YouTube zu gucken, es wäre Arendt wiederum nichts als ein unzureichendes Surrogat.

 

Ich verhandle all das am Beispiel der Theorie, weil ich hoffe, dadurch vielleicht den ein oder anderen Reflex zu mildern, etwa wenn sofort um Befindlichkeiten gekreist wird, nur weil irgendwo irgendwer nicht monothematisch und tagesaktuell im Chor mitbellen möchte. An der Theorie wird deutlich, was auch die Literatur betrifft: Sie kann nur sein, was sie ist, wenn sie nicht ist, was die anderen schon sind. Wer das als empfindsamen Rückzug in den Elfenbeinturm abtut, hat ein sehr begrenztes Verständnis von dem, was politisch ist, was Gesellschaft ist und was Relevanz bedeutet.

 

Eigentlich doch ein schönes Thema für ein Gespräch mit offenem Ausgang, für ein gemeinsames Nachdenken darüber, was das sein könnte, politisch zu schreiben, gerade weil wir so unterschiedlicher Meinung zu sein scheinen. Und ohne künstliches Streithammelgeblöke könnte man auch einmal riskieren, nicht unbedingt recht haben zu müssen. Das hat das Miteinandersprechen ja gemeinhin dem Streit voraus. Aber offenbar hast du schon die Segel gestrichen, was mich doch wundert, erst unbedingt Streit haben wollen, ja, unbedingt, du sagtest, er müsse sein, nicht, er könne. Und dann aus dem Raum stürmen, weil es doch irgendwie anstrengend wird.

 

Na ja. Wie dem auch sei. Hab es gut, Verena. Byebye.

 
Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 22.5.2020
Peter an Gabriele (II)

Brief 3: Meine Antwort auf Deinen Brief liess lange auf sich warten …

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Liebe Gabriele,

 

meine Antwort auf Deinen Brief liess lange auf sich warten. Das hat zwar mit den Auswirkungen der Coronakrise zu tun, aber es gibt in unserem Fall keinen Anlass zu Sorge. Wir halten uns seit zwei Monaten in unserem Haus auf und machen nur ab und zu einen kleinen Spaziergang. Diese Woche ist das Wetter besser geworden, nachdem es Anfang Mai noch zweimal schneite. Alles im Garten blüht. Die Bäume, die letzte Woche noch kahl waren, tragen mittlerweile Blätter, die man fast beim Wachsen beobachten kann. Jeden Abend, wenn ich zum Küchenfenster hinausschaue, wird die Waldwand undurchdringlicher.

 

Schon beim ersten Lesen Deines Briefes wollte ich so manche Bemerkung dazwischenwerfen: etwa dass ich mit den Herausforderungen der Pflegefrauen, die sich um alte und demente Patienten kümmern, vertraut bin. Meine Mutter, die in Liechtenstein lebt, wird seit gut zwei Jahren abwechselnd von verschiedenen Pflegerinnen betreut. Alle von ihnen kommen aus osteuropäischen Staaten. Die meisten haben ihre eigenen Familien, die sie unter normalen Umständen nur alle drei Wochen zu sehen bekommen und jetzt, aufgrund der verschärften Lage, sogar nur alle sechs Wochen. Die jetzige Betreuerin sagte mir letzte Woche am Telefon, dass sie nun jeweils vor Dienstantritt im Landesspital Vaduz einen Covid-19-Test machen müsse. Das sei die neue Vorschrift, um die betreuten Menschen zu schützen. Obwohl dieses Erfordernis ihr zusätzliche Umstände bereitet – ich vermute, dass sie fast einen Arbeitstag dadurch verliert, da sie kein eigenes Auto besitzt und auf den öffentlichen Verkehr angewiesen ist –, beklagte sie sich mit keinem Wort. Ganz im Gegenteil: Sie lobte die Massnahme, weil dadurch die Schwächsten geschützt würden. Und diese Frau, die ich nur als Telefonstimme mit slawischem Akzent kenne, sagte mir auch sehr eindringlich, dass ich mir keine Sorgen um meine Mutter machen müsse.

 

Liebe Gabriele, ich vermute, Du wirst mich verstehen, wenn ich Dir schreibe, dass ich in diesem Moment gerührt und zugleich erschüttert war: gerührt von der tatkräftigen Sorge, die aus den Worten dieser Frau sprach, und erschüttert, weil ihre anpackende Hilfsbereitschaft sich so deutlich abhebt von der Empathieermüdung, die nach Wochen des sogenannten Lockdowns allenthalben zu beobachten ist. Schlimmer noch als die rasch aufgebrauchte Solidarität ist ein allgemeiner Mangel an Fantasie. Waren am Anfang der Krise noch zahlreiche Stimmen im öffentlichen Diskurs zu vernehmen, die darauf pochten oder wenigstens darauf hofften, dass es nach der Bewältigung dieser enormen Herausforderung keine einfache Rückkehr zur gesellschaftlichen und politischen Normalität geben könne, so scheint sich das Blatt allmählich zu wenden. Das liegt auch und vielleicht sogar vor allem daran, dass sich die Diskussion zunehmend um eine unselige Kostenrechnung dreht, die Menschenleben und wirtschaftliche Verluste miteinander verrechnet, als wäre unsere Wirtschaftsordnung ein unabänderliches Naturgesetz. Als wären die ohnehin Alten und Schwachen den Preis ihrer Rettung nicht wert.

 

Hier ist eine einfache Frage, die sich ohne Mut und Fantasie nicht zufriedenstellend beantworten lässt: Handelt es sich bei der ganzen Angelegenheit wirklich um ein Nullsummenspiel zwischen den für die Krankheit Anfälligen und denjenigen, die am meisten an den wirtschaftlichen Folgen zu leiden haben – den Kleinunternehmern, den Selbständigen, den Arbeitnehmern, die um ihre Stelle fürchten oder sie schon verloren haben oder wie hier in den USA kräftige Lohnabstriche in Kauf nehmen müssen?

 

Und gleich noch eine weitere Frage: Wie kann es sein, dass in der Anfangsphase der Coronakrise in Amerika, das Vermögen der US-Milliardäre in nur 23 Tagen, vom 18. März bis zum 10. April, um 9.5% oder 282 Milliarden Dollar anstieg, während gleichzeitig 22 Millionen Amerikaner arbeitslos wurden (mittlerweile sind es über 36 Millionen), von denen viele mit der Stelle auch ihre Krankenversicherung verloren? Jeff Bezos, Gründer von Amazon und derzeit reichster Mensch auf Erden, darf sich einen neuen Geldspeicher bauen, denn seit Anfang Jahr hat sich sein Vermögen um märchenhafte 25 Milliarden vermehrt. Ich wage zu sagen: fast ohne sein Zutun. (Diese Zahlen entnehme ich übrigens nicht irgendeinem revolutionären Manifest, sondern einer Meldung vom 1. Mai auf der Webseite businessinsider.com, die zur für konservative und gutbürgerliche Leser unverdächtigen Axel-Springer-Verlagsgruppe gehört.)

 

Es passt zu dieser Geschichte, dass Whole Foods – eine gehobene Supermarktkette, die 2017 von Amazon, dieser über alle Massen erfolgreichen Firma, die keinen Dollar Steuern bezahlt, übernommen wurde – seine Angestellten schon im März dazu aufforderte, die ihnen zustehenden bezahlten Ferien ihren erkrankten Kollegen zur Verfügung zu stellen, damit diese der Arbeit fernbleiben dürfen. Auch wenn solche Zustände in Europa noch nicht denkbar sind, ist die ihnen zugrunde liegende Logik auch drüben längst allgegenwärtig. Denn auch innerhalb der europäischen Staaten gibt es einen Umgang mit dem Krankheitsrisiko, der bestehende soziale Ungleichheiten verstärkt und auf eine zweigeteilte Gesellschaft hinausläuft: Auf der einen Seite gibt es die Schützenswerten, die zu den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten gehören und die zum Teil sogar von der Krise profitieren. Auf der anderen Seite stehen die Verlierer, die Minoritäten, die Flüchtlinge, die Ungebildeten, die Arbeitslosen, die Behinderten – alle die im gesellschaftlichen Wettbewerb von Anfang an benachteiligt waren und den Anschluss verloren haben. Die besondere politische Tragödie besteht darin, dass viele dieser Habenichtse sich noch immer zum Mittelstand gehörig wähnen und sich von den falschen Versprechungen und Verschwörungstheorien populistischer Politiker verführen lassen. Fast ohne es zu merken, verfallen sie dem neuen Faschismus und tragen ihn immer weiter in die gesellschaftliche Mitte, wenn sie anderen Benachteiligten – gestern waren es die Flüchtlinge, heute sind es die Alten und Kranken – die Solidarität aufkündigen, in der Hoffnung aus dem Verteilungskampf um die wenigen Almosen der Regierung selbst als Sieger hervorzugehen.

 

Noch etwas anderes stört mich an den vielen öffentlichen Protesten gegen die von den Regierungen verordneten Massnahmen: In Ländern wie Deutschland oder Österreich führen lautstarke Kritiker die relativ niedrigen Infektions- und Todesraten als Beweis dafür an, dass die ganz Krise aufgebauscht sei und vor allem dazu diene, die Bevölkerung durch Notrechtsverordnungen zu entrechten. Um solche Skeptiker von ihrem Irrtum zu überzeugen, bräuchte es ein Alternativuniversum, in dem nichts gegen die Verbreitung von Covid-19 unternommen worden wäre. Erst das volle Ausmass der Katastrophe würde die Kritiker widerlegen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass solche Alternativszenarien tatsächlich existieren, wenn auch in begrenzterem Rahmen: In Norditalien und New York City, zwei der am schwersten heimgesuchten Orte, kamen die Schutzmassnahmen zu spät, um die Katastrophe zu verhindern. Ich werde die Bilder von Massengräbern in New York nie vergessen. Zugleich setzt Schweden bewusst auf Herdenimmunität und nimmt dafür den Tod von Tausenden in Kauf, in der Hoffnung, bei späteren Ausbrüchen viele Todesfälle verhindern zu können. Das mag plausibel klingen. Doch die Strategie ist unter Fachleuten umstritten. Die überwiegende Mehrheit der Virologen glaubt nicht an ihren Erfolg. Es sind allerdings nicht allein diese fachlichen Einwände, die mich nachdenklich stimmen. Es ist etwas Grundlegenderes: Ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ganze Bevölkerungsgruppen ungefragt einem vermeidbaren Risiko ausgesetzt werden sollen zum Wohle der Jüngeren und Gesünderen und wohl auch Reicheren. Sind die Leben der Alten und Schwachen weniger wert?

 

Es ist, als ob ein Rettungsschwimmer am Flussufer tatenlos zusähe, wie ein Schwimmer ertrinkt, nur weil er vermutet, dass er demnächst zwei andere wird retten müssen. Würden wir diesen Bademeister für seine Weitsicht loben? Was, wenn es ihm später tatsächlich gelänge, zwei andere in Not Geratene zu retten, weil er noch frisch und auf seinem Posten ist? Würden wir ihm die besondere Kaltblütigkeit, die es brauchte, um den ersten Schwimmer ertrinken zu lassen, hoch anrechnen? Würden wir wollen, dass ein solcher Bademeister über unser Leben wacht?

 

Es sind solche Rechnungen, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Ich nehme nicht in Anspruch, es besser zu wissen, und glaube, dass es fatal ist, wenn wir hier allzu schnell in ein Schwarz-Weiss-Denken verfallen. Ich zweifle nicht daran, dass auch die schwedischen Behörden nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, medizinisch gute und moralisch vertretbare Entscheidungen zu fällen. Erst am Ende wird sich zeigen, wer die beste Bilanz hat. Was mich aber bedrückt, ist gerade dieses Rechnen, die Rede von der Bilanz, das ökonomische Denken, das darüber bestimmt, was dieses oder jenes Leben wert sein soll. Ohnehin wird in unserer durchökonomisierten Gesellschaft zu oft Wert als blosser Preis missverstanden. Was uns dies oder jenes kostet, ist aber eine ganz andere Frage als: Was ist es uns wert?

 

Ich weiss, dass die Frauen, die meine Mutter betreuen, sich sehr um sie kümmern. Sie tun ihr gut, weit über die eigentliche Hilfe hinaus. Es gab die eine oder andere, die den Job nicht lange machen konnte, weil er zu anstrengend und aufreibend ist. Oder weil sie Heimweh nach ihrer eigenen Familie hatte. Diejenigen, die nach dem ersten Einsatz wieder gekommen sind, haben alle etwas Resolutes und zugleich Herzliches. Sie erzählen meiner Mutter von ihren Familien, von der Landschaft und vom Essen bei ihnen zuhause. Wenn es innerhalb Europas kein dramatisches wirtschaftliches Gefälle gäbe, könnten die meisten Betreuten sich diese Hilfe nicht leisten. Ähnliches gilt in fast allen Pflegeberufen. Die Covid-19-Krise hat das deutlich gemacht. Man spendet den Krankenpflegern, Ärztinnen und Betreuerinnen Beifall und lobt sie als Heldinnen unserer Zeit. Ob dies etwas an ihrem Status und dem Gesundheits- und Pflegesystem insgesamt ändern wird, sobald die Krise vorüber ist, wird sich zeigen. Ich vermute, dass die während des Lockdowns gewonnenen Einsichten, als die Menschen in ihren Häusern und Wohnungen auf sich gestellt und gezwungen waren, über die alltäglichen Abläufe, die plötzlich nicht mehr spielten, nachzudenken, sich bald nach der Normalisierung wieder verflüchtigen werden. Schon jetzt wollen die meisten nichts mehr, als sich wieder dem Vergnügen hingeben zu können. Nicht dass daran etwas falsch wäre. Ich gebe zu, dass auch ich mir die Rückkehr unbeschwerter Lebensfreude wünsche, die sich zur Zeit irgendwo im Dunkeln verkrochen hat. Doch muss eins das andere ausschliessen? Könnte nicht die wiedergewonnene Freude uns dazu bewegen, unsere Prioritäten zu überdenken und für mehr Gerechtigkeit einzustehen?

 

Es könnte sein, dass diese Krise noch lange nicht ausgestanden ist oder dass es in einem Auf-und-Ab immer wieder neue Infektionswellen geben wird. An meiner Universität ging letzte Woche das Frühlingssemester zu Ende. Prüfungen und Abschlussarbeiten stehen noch aus. Alles findet seit Mitte März auf virtuelle Weise statt. Schon seit ein paar Wochen steht fest, dass in diesem Jahr Sommerkurse, -konferenzen und alle sonstigen Veranstaltungen, Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen ausfallen werden. Wie im Herbstsemester Vorlesungen und Kurse abgehalten werden sollen, steht noch in den Sternen. Alle paar Tage erhalten wir von höherer Stelle eine Zusammenfassung der neuesten Massnahmen und Beschlüsse. Dabei werden auch die Konkurrenzinstitutionen genau beobachtet.

 

Einzelne Universitäten haben bereits angekündigt, im Herbst ganz auf den Präsenzunterricht zu verzichten. Andere haben die Krise zum Vorwand genommen, um unrentable Abteilungen (oder was dafür gehalten wird, nicht immer mit guten Gründen) zu schliessen und die Personalkosten durch Entlassungen soweit zu reduzieren, dass sie die erwarteten finanziellen Einbussen im Herbst auffangen können. Es zeichnet sich ab, dass viele angehende Studenten davon absehen werden, in diesem unguten Jahr ihr Studium zu beginnen. Manche unter den Fortgeschritteneren werden ein Zwischenjahr einlegen, denn wer will schon die hohen Studienkosten – an den führenden Privatinstitutionen mittlerweile mehr als 50’000 Dollar pro Jahr – für besseren Fernunterricht bezahlen?

 

Man kann davon ausgehen, dass dieser Geschäftseinbruch längerfristig eine grosse Anzahl von Universitäten ruinieren wird. Eine Hochschulbildung wird ein exklusiveres Gut werden, und das schon heute im amerikanischen Bildungssektor sehr ausgeprägte Kastensystem wird sich weiter verfestigen. All diese Tendenzen würden sich exponentiell verstärken, falls das social distancing über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden müsste oder wenn es eine massive zweite oder gar dritte Corona-Welle mit entsprechenden Lockdowns geben sollte. Vielleicht wird 2020 einmal als das Jahr gelten, in dem die klassische Universität zu existieren aufhörte. Auflösungserscheinungen wie die fortschreitende Digitalisierung, die Übernahme der Bildungsinstitutionen durch Manager und profitorientierte Firmen und das fehlende politische Bekenntnis zu einer qualitativ hochstehenden Bildung für alle gibt es zwar schon länger. Allerdings wirkt sich die gegenwärtige Krise wie ein Brandbeschleuniger aus.

 

Liebe Gabriele, wären wir mitten im Gespräch, anstatt uns Briefe zu schreiben, dann gäbe es jetzt eine Pause. Ich wäre für einen Moment mit meinen Gedanken allein.

 

Am Computer sitzend schaue ich auf und blicke in den Garten hinaus, wo seit zehn Tagen der Kirschbaum prächtig blüht, direkt vor meinem Fenster. Vor ein paar Tagen sprang einen ganzen Vormittag lang ein Goldzeisig zwischen den hellrosa Blüten von Zweig zu Zweig. Sein gelbes Gefieder leuchtete auf, wenn er aus dem Schatten ins Licht hüpfte. Gestern war es ein Baltimoretrupial (ich musste den deutschen Namen nachschlagen), ein in Nordamerika recht weit verbreiteter Vogel, den ich zuvor noch nie bemerkt hatte. Seine Unterseite war von leuchtendem Orange, das je nach Lichteinfall eher ins Gelbe oder Rote changierte. Mein vierjähriger Sohn hatte ihn in unserem Baum entdeckt und rief mich aufgeregt ans Fenster, wo wir dem Vogel lange zusahen.

 

Auch das Murmeltier ist seit meinem letzten Brief jeden Morgen und Abend in unseren Garten gekommen. Vor ein paar Tagen bemerkten wir, dass es am Rücken eine Wunde hat, die aber schon wieder langsam verheilt. Es könnte ein Streifschuss gewesen sein oder der Biss eines grösseren Tiers, vielleicht eines Kojoten oder eines Hundes. Man sieht die Murmeltiere hier vor allem als Schädlinge, weil ihr Bau recht ausgedehnte Dimensionen annehmen kann. Ihre Grabungen richten in manchen Gärten Verwüstungen an und können sogar das Fundament eines Hauses destabilisieren. Man würde mir wahrscheinlich mit Unverständnis begegnen, wenn ich erzählte, dass ich das Murmeltier in unserem Garten nicht nur dulde, sondern mich jeden Tag auf sein Erscheinen freue. Genau zu der Zeit, als wir uns wegen des Virus in unsere Häuser zurückziehen mussten, erwachte es aus seinem Winterschlaf und hatte vielleicht seinen schönsten, weil ungestörtesten Frühling seit langem. Ich wünsche mir, dass seine Wunde gut verheilt und dass es uns noch oft besuchen wird. Es ist mein Wappentier geworden, ein Zeichen der Hoffnung: dass es auch für uns Menschen wieder einen besseren Frühling geben möge.

 

Mit herzlichen Grüssen aus Ithaca, N.Y.,

Peter
Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 18.5.2020
Barbara Ladurner an Paolo Carnevale (I)

Brief 1: Es ist Abend und ich blicke ein letztes Mal aus dem Fenster …

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Lieber Paolo!

Es ist Abend und ich blicke ein letztes Mal aus dem Fenster, bevor ich die Jalousien schließe. Vor mir ragt die Zielspitze in den schwarzen Himmel, nebelverhangen, wie der Olymp, auf dessen Gipfel die Götter hausen, im Verborgenen. Die Zielspitze ist mein absoluter Lieblingsberg. Ich war aber noch nie oben. Hast du einen Lieblingsberg, Paolo?

Wo die Götter hin sind, frage ich mich. Ob sie auch husten und röcheln, oder ob sie im Schatten ihrer Unantastbarkeit ihrem ewigen Leben frönen, fernab von jeglichem menschlichen Leid und Sterben, im Glanze der Unendlichkeit. Langweilig eigentlich, nicht wahr, aber faszinierend erhaben in einem Sumpf kurzlebiger Geschöpfe und deren Erzeugnisse. Häuser auf Sand, manchmal nur Marmor, aber die Desertifikation schreitet gerade in Zeiten wie diesen unerhört voran, vielleicht auch der Klimawandel dran schuld. Ob der geistige Schrott der dunklen Materie gleicht, die die Sterne am Himmel erst zusammenleimt? Der Schein heller Ideen wirkt lang, aber wir wissen heute, dass ihr Licht oft erst die Weltbühne erreicht, wenn der Himmelskörper dahinter schon lang erloschen. Und dann ist es manchmal zu spät. Nur noch bunter Sternenstaub, der sich tröstlich auf das matte Grab legt. Nebel eben, wie er die Zielspitze heute großzügig umbauscht. Nicht ein Lichtstrahl ringt sich durch zu uns. Dabei hatte mich die letzten Wochen hinweg immer wieder ein helles Leuchten rechts des Gipfels fasziniert, nicht der Sirius, vielleicht die Venus oder der Merkur. Sie sollen sich ja momentan auf derselben Höhe befinden, von hier unten aus gesehen. Dabei ziehen die beiden Planeten ihre Kreise auf völlig verschiedenen Umlaufbahnen. Aber hier für das ungeschulte Auge zum Verwechseln ähnlich. Tückisch. Doch ich kenne mich mit Astronomie nicht aus. Manchmal betrachte ich die Flut der Informationen und Gegeninformationen und weiß nicht, auf welcher Seite ich der Sonne näher bin. Kennst du dieses Gefühl, Paolo?

Ich spüre dann nur dieses wachsende Unbehagen und dieses vereinnahmende Bedürfnis, es in Worte zu fassen, zu artikulieren, ja hinauszuschreien in eine abgestumpfte Welt, die sich schon längst an alles und viel mehr gewöhnt hat und mühselig ihren Ballast Umdrehung für Umdrehung mit sich wälzt. Doch dann ertappe ich das Rotieren meiner Gedanken, die sich ebenso beschwerlich im Kreise drehen und vergeblich plagen, im Hamsterrad der genormten Scheinwirklichkeit mehr als nur die Denkmühle selbst zu bewegen. Und schließlich erkenne ich, dass mir schlecht wird von diesem ständigen Purzelbaumschlagen und ich mache einfach nicht mehr mit, aber der Schädel schwirrt noch immer, und die Welt scheint abwechselnd kopfzustehen. So falle und erhebe ich mich, taumle und stehe, irre und erringe ich, den Blick fest auf den geliebten Gipfel gerichtet, besser noch auf das Himmelslicht daneben, so fern und

doch so nah, auf der Suche nach einer Wahrheit, die es gibt, nicht in tausend Scherben, zersprungen im Fall, sondern rein und rund wie die gläsernen Murmeln der Götter, die sich damit im Schatten der Wattewolken die Zeit vertreiben. Ob sie herabblicken und lachen, frage ich mich, angesichts des rührseligen Auslotens unserer viel zu straff gezogenen Grenzen. Mauern und Zäune, jetzt wieder maschinengewehrbewacht. Aber was nützen mir das Spielen des Zeus, der Hera und deren Kinder, während unsere auf Leistung getriggert in einer nicht nur seit Corona viel zu beengten Welt hergetrieben werden vor dem kategorischen Imperativ eines perversen Wirtschaftssystems, dessen Höher-Schneller-Weiter in keinem Maße mit einem ethischen, geistigen, sozialen oder emotionalen Fortschritt zu korrelieren vermag. Ich jedenfalls wünsche mir keine Vergeltung jenseits des Olymps, sondern ein bisschen mehr Himmelreich auf Erden. Es ist zum Greifen nah. Außerhalb des eigenen Kosmos Ich, einen Schritt vom Du und eine Armlänge vom Wir entfernt. Hier fängt die Freiheit an, ein wirklich dauerhaftes Licht an dem Himmel zu entzünden, auf den wir alle und auch zukünftige Generationen aufblicken werden, klagend, weinend, verzweifelt und lachend, dankend, hoffnungsfroh.

Die Nacht ist sehr dunkel und kalt, ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit. Der Mensch braucht wieder Wärme und Nähe in dieser pseudokontaktreichen Gesellschaft, deren Losigkeiten sich schon längst in die Herzen der Menschen gefressen haben. Freudlos, kontaktlos, hoffnungslos, energielos, ziellos, mutlos, ruhelos, interessenlos, tabulos, schamlos, wertelos. Virale Verbreitung. Unbemerkt und tödlich. Corona als Symptom einer krankenden Gemeinschaft. Leiber gehen zugrunde, Seelen auch – das war des Dramas erster Akt. Regisseure besprechen sich, passende Akteure werden gecastet, das Publikum ist erstarrt vor Schreck. Aber einzelne Stimmen erheben sich, der Chor wird immer lauter, ich mittendrin.

Es ist schon spät, wahrscheinlich ist der Mond schon aufgegangen, nur sehen kann ich ihn nicht. Jede Krise birgt auch Chancen, herrschende Missstände können behoben und ein Neuanfang gewagt werden. Die Herausstellung der Würde, ein dem Menschen wirklich gemäßes Leben, eine humanere Welt – das sind keine Träumereien zu schläfriger Nachtzeit, das ist vielmehr das Gebot der Stunde für uns alle. Gedanken, Ideen, Visionen führen zu Handlungen und konkreten Ergebnissen im Hier und Jetzt, auf dessen Boden der versprengte Samen von heute zur Blume von morgen gedeihen wird.

Nun grüße ich dich herzlich, lieber Paolo, und freue mich darauf, von deiner Gedanken- und Lebenswelt zu erfahren. Ich kenne dich nicht – aber wir blicken auf dieselben Sterne und dieselben Berge, das fühlt sich vertraut an.
Liebe Grüße,

Barbara

 

CARA ROBERTA. / 15.5.2020
Christian an Marjana (III)

Brief 5: Ich habe bereits vor einer Woche begonnen, dir meinen dritten Brief zu schreiben, in dem ich bereits auf deinen zweiten Brief eingehe …

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15. Mai
 

Liebe Marjana,

 

ich habe bereits vor einer Woche begonnen, dir meinen dritten Brief zu schreiben, in dem ich bereits auf deinen zweiten Brief eingehe, ohne ihn zu kennen. Es ist erstaunlich, was für Parallelen es zwischen den Briefen gibt, ums um die Ecke zu sagen, ich nenne nur ein paar Stichwörter, auf die ich später noch ausführlicher eingehen werde: Menschen, Düfte, Bibliothek, Pater, Klosterneuburg, Schreibplatz, Social distancing … Ich bin so frei und zeige dir erstmal, was ich dir bereits letzte Woche geschrieben habe, beflügelt vom Duft der Leichen zweier toter Fliegen in einem Tintenfass in der schon einmal erwähnten Erzählung Tubutsch von Albert Ehrenstein: „Denn was kann besser zu meiner Stimmung passen als der für andere, robuster geartete vielleicht gar nicht wahrnehmbare Geruch ihrer Verwesung?“ …

Hier jetzt der Brief von letzter Woche:

 

Liebe Marjana,

zuerst will ich dir von dem Traum erzählen, den ich dir im vorigen Brief angekündigt habe.

Ich stand in Dornbirn am Bahnsteig, ich hatte viel Gepäck dabei, auch meine Gitarre, ich war völlig übermüdet, verkatert und ungeduscht, es war ein heißer Sommertag, unglaublich viele Menschen standen auf dem Bahnsteig, da kam plötzlich ein Mann auf mich zu, in dessen Begleitung du dich befandest. Ich wusste, wer du warst, obwohl wir uns noch nie zuvor getroffen hatten. Der Mann sagte zu mir, ich solle dich sicher nach Innsbruck bringen, von wo du einen Flug hättest. Mir kam der Auftrag seltsam vor, du standest schweigend neben dem Mann und sahst mich nur teilnahmslos, aber freundlich an. Kurz darauf stiegen wir in den Zug, der komplett überfüllt war, an einen Sitzplatz war nicht zu denken, wir standen vor einer Toilette, es war eng, ich schwitzte, roch mich selber, du warst jung und strahlend, ich alt und glanzlos, ich schämte mich wegen meines Schweißes und meiner üblen Ausdünstungen, du standest nur schweigend und gelassen vor der Toilettentür, als sei das die größte Selbstverständlichkeit, kein Anzeichen von Unmut oder gar Widerwillen, ich hingegen wollte aus der Haut fahren, die Vorstellung, mit dir so bis Innsbruck zu fahren, war unerträglich, da hatte ich einen rettenden Einfall und sagte, dass ich in Feldkirch aussteigen würde, um meine Mutter zu besuchen, du sagtest, das sei okay, du standest lächelnd da, als sei nichts dabei, in einem überfüllten Zug vor einer Toilettentür zu stehen mit der Aussicht auf zwei Stunden Fahrt, es waren auch Grundwehrdiener in der Nähe, die Bier tranken und wahrscheinlich bald unangenehm sein würden, das war mir klar, aber ich konnte nicht anders, so gern ich in deiner Gegenwart geblieben wäre, ich musste raus. Du meintest lächelnd, das sei völlig okay, ich stürzte aus dem Zug, eilte befreit und tiefe Luft holend den Bahnsteig entlang zur Unterführung, sah nach links, sah in den Speisewagen des Zuges, und da – ich traute meinen Augen nicht – war ein Zweiertisch frei! Ich stieg spontan wieder in den Zug, stürzte in den Speisewagen, legte mein Gepäck und die Gitarre zu dem freien Tisch, sagte zur Kellnerin, sie solle den Tisch bitte reservieren, ich sei gleich wieder da. Und dann kämpfte ich mich durch all die stehenden, schwitzenden, stöhnenden Menschen in den überfüllten Waggons zurück zu dir, und nie werde ich den Anblick vergessen: Du standest lächelnd genau dort, wo ich dich verlassen hatte, ich sagte, komm mit, ich habe einen Platz für uns, und dann sagtest du, und auch das werde ich nie vergessen, dachte ich im Traum: „Das werde ich dir nie vergessen.“ Kurz darauf saßen wir an unserem Tisch, es war ein großer Speisewagen, wie es sie früher gegeben hatte, du warst der Mittelpunkt, alle Blicke waren auf dich gerichtet, wir redeten, du bestelltest wie ich ein Bier, du sagtest, das sei das erste Bier deines Lebens, du zeigtest mir ein Buch, das du von mir gekauft hattest, mein Erstling was mir die adler erzählt, ich war völlig überwältigt, dass du dieses Buch von mir hattest, das durfte doch nicht wahr sein, ich sollte dir was reinkritzeln, wir sahen schweigend aus dem Fenster, wir fuhren durch eine Berglandschaft, die Zeit verging wie im Flug, schon waren wir in Innsbruck, wo du aussteigen musstest, und kaum warst du weg, bemitleideten mich alle im Speisewagen, wie mir schien, und die Kellnerin kam zu mir und sagte: „Jetzt ist sie weg“, und sah mir tief in die Augen, machte ein bedauerndes Gesicht und seufzte …

Corona hatte jedenfalls keinen Einfluss auf diesen Traum! Im Zug wurde kein Abstand gewahrt, was mir gar nicht auffiel, auch Gesichtsmasken gab es keine – ich denke, er spielte eindeutig in der Vergangenheit.

 

Jaja, ich schreibe nicht nur viel, ich träume auch viel. Einmal habe ich mich im Traum sogar schon verletzt. Meine kleine Schwester wurde vor dem Haus meiner Großeltern von einem Mann abgefangen, sie stieg zu ihm ins Auto, ich wusste, er wollte sie entführen, um ihre etwas Böses anzutun, ich begann zu laufen, das Auto fuhr rückwärts aus der Parklücke, ich sprang vorne auf die Kühlerhaube, ich sah das Gesicht des Mannes durch die Windschutzscheibe, ich wusste, er würde mich abschütteln wollen, da holte ich mit dem Fuß aus und trat zu – ich wollte ihm durch die Windschutzscheibe den Schädel zertrümmern, so groß war plötzlich mein Hass auf ihn, diesen Mann, der meiner kleinen Schwester was antun wollte, und kurz bevor mein Fuß sein Gesicht traf, sah ich, dass es ein Pfarrer war, der da am Steuer saß, deutlich zu erkennen an seinem Kragen … Ich wachte auf, denn ich hatte mit voller Wucht in die Wand neben dem Bett getreten. Am Morgen war der große Zeh blau und geschwollen, der Nagel eingerissen – ungefähr ein Jahr lang spürte ich die Folgen des Trittes, humpelte ich …

 

Deinen zweiten Brief habe ich noch gar nicht bekommen, ich warte ungeduldig darauf, will auf deinen Brief reagieren, aber das geht nicht, wenn er noch nicht da ist, also erzähle ich dir von meinem Spaziergang gestern …

Hier auf meinem Schreibtisch steht übrigens ein großes Buch, an die Wand gelehnt mit dem Titelbild zu mir. Das Bild zeigt ein Mädchen, das mit Federkiel und Tusche einen Brief schreibt, bzw. über einem Brief sinniert, und dabei einen Schatten wirft. Auf dem Briefpapier, das vor dem Mädchen auf dem Tisch liegt, ist nur zu lesen:

 

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Das schöne große Buch befindet sich schon seit längerem an diesem Platz, es heißt: Ich sitze hier im Abendlicht … Briefe gesammelt und illustriert von Jutta Bauer. Vor dem Buch steht eine ca. 10 cm hohe blaue Leselampe, die man einschalten kann, daneben ein Sandhügel aus Plastik, in dem ein kleiner Sonnenschirm steckt, dessen Schirmstange, wenn man sie aus dem Sand zieht, sich als Bleistift entpuppt (Geschenke). Dazwischen liegen u.a. eine uralte hart und braun gewordene Zitrone und ein verschrumpeltes Radieschen (keine Geschenke). Darüber hängen zwei Fotos von rauchenden Menschen: Lou Reed, die Zigarette im Mund zeigt nach links, und Johanna Dohnal, die Zigarette im Mund zeigt nach rechts. – Das sind nur ein paar kleine Details von meinem Schreibplatz. Wie schaut dein Schreibplatz aus? – Es gäbe ein schöneres Wort dafür, ich weiß …    

 

Es wird wieder normal. Ich arbeite an meinem Schreibtisch, ohne dass im Nebenzimmer wer arbeitet. Meine Frau macht kaum mehr Home Office, gestern musste sie länger als geplant im Büro bleiben, also ging ich am Abend zum ersten Mal seit langem allein spazieren. Schon beim Balkon-Konzert von Ernst Molden am Mittwoch war eine Veränderung zu bemerken gewesen. Es gab wieder fast so viel Straßenverkehr wie früher, d.h. Molden war nicht mehr so gut zu hören, die Atmosphäre war nicht mehr so angenehm unwirklich, ruhig und feierlich, außerdem spielte er zum ersten Mal seit Wochen allein – sein Sohn Karl hatte wohl nach den Lockerungen wieder Besseres zu tun. Und Molden sang auch nicht das Lied „Awarakadawara“, bei dem ich so gern mitsinge: „Hokuspokus fidibus i foa mitn schwoazn Autobus …“ Ich ging allein spazieren, steuerte den Märchenwald an (umgestürzte Bäume, Unterholz …), vielleicht würde ich meinen Sohn treffen, der auch manchmal dort spazieren geht. Nein, das war unwahrscheinlich, er musste ja arbeiten (er hat sich als „außerordentlicher Zivildiener“ gemeldet, betreut eine Wohngemeinschaft von Kindern und Jugendlichen).

 

Du schreibst an einem „Düfte-Buch“, ich an einem „Vater-Buch“ …

Manchmal, wenn ich übermütig bin, denke ich, dass mir mit diesem „Vater-Buch“ vielleicht etwas gelingt, das bleiben wird wie der Kleine Prinz und der Große Gatsby, hoho. Wirklich wahr, ich habe ein urgutes Gefühl, bis ins Herzblut hinein! Titel: Mein Vater, der Vogel. Die Idee dazu hatte ich schon vor Jahren, seither sammle ich Material. Es handelt sich um eine Fülle von hauptsächlich lustigen Szenen, Episoden, Geschichten, im Hintergrund lauert Hintergründiges, zwischen den Zeilen tut sich eine zweite Ebene auf, die Sache ist tragikomisch, endet fatal … Den letzten Anstoß gegeben hat mir das Buch Er hat nie jemanden umgebracht: mein Papa von Jean-Louis Fournier. Darin schreibt Fournier über seinen Vater, der Alkoholiker war und mit 43 gestorben ist, da war er 15. Ein zweites autobiografisches Buch von Fournier heißt Wo fahren wir hin, Papa? Darin schreibt er über seine zwei geistig und körperlich schwer behinderten Söhne, die er beide überlebt hat, einer der beiden starb mit 15. – Was für ein Leben als Sohn und als Vater von Söhnen! Jean-Louis Fournier ist laut Klappentext „Schriftsteller und Humorist“ …

In letzter Zeit habe ich nicht mehr so fleißig an meinem Buch gearbeitet, nicht nur deshalb, weil meine Frau immer seltener Home Office macht. Ich hatte eine Erkenntnis: Der Grund, warum ich in letzter Zeit nicht viel an dem Buch gearbeitet habe, ist der, dass ich nicht will, dass diese Arbeit aufhört. Ich arbeite deshalb nicht, weil ich mir die schöne Arbeit länger erhalten will. Ich wollte jetzt eigentlich schon fertig sein damit, aber das wäre nicht schön. Ich will eigentlich gar nicht, dass die Arbeit aufhört. Das sehr gute Gefühl, an etwas sehr Gutem zu arbeiten, soll weiterhin erhalten bleiben. Deshalb arbeite ich nicht daran. So lange ich an etwas arbeite, kann ich außerdem nicht sterben – ich glaube, das hat Urs Widmer irgendwo so ähnlich geschrieben. Inzwischen ist er auch schon tot. Er hätte sein letztes Buch nicht beenden sollen.

 

Zum Geburtstag bekam ich ja viele Gutscheine für Bücher, sechs Stück habe ich damit schon besorgt, darunter das Buch Hektopolis von Wojciech Czaja, weil mich das Vorwort begeistert hat, das so beginnt: „Einmal im Monat, an einem Samstag oder Sonntag, haben wir uns ins Auto gesetzt, ich war damals sieben oder acht, und sind einfach drauflosgefahren. Mein Vater am Lenkrad, meine Mutter am Beifahrersitz, ich ständig auf der Rückbank hin- und hergleitend, Ausschau haltend nach der nächstbesten Chance am Horizont. […] Die Spielregeln waren denkbar einfach. Den ganzen Tag lang durfte ich uns dirigieren: links, rechts, geradeaus, zurück und stopp. Den ganzen Tag lang hat der Fahrer den Befehlen ohne Widerrede Folge geleistet.“ – Was für ein Vater!

 

„Auf geht’s! einem ungewissen Schicksal entgegen“, denke ich oft, das ist ein Zitat von F.K. Waechter, dessen Sohn Philip auch Zeichner und Autor geworden ist und ein Buch mit dem Titel Sohntage veröffentlicht hat, das ich gerade bestellt habe. Mein Desktop-Hintergrundbild ist übrigens seit langem ein Foto vom Wallersee, auf dem ein Schneidebrett schwimmt, auf dem ein Salzfass steht. Ich war einmal ein sog. „Seeschreiber“ in Seekirchen am Wallersee, lernte dort die Berliner Autorin Johanna Straub kennen (wir wohnten Tür an Tür direkt am See), die übrigens ein Buch geschrieben hat mit dem schönen Titel Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht. Johanna war die „Seeschreiberin“ (es wurden immer zwei gleichzeitig zur Seeschreiberei eingeladen) und sie hatte 1000 Zitate von F.K. Waechter im Kopf, ich war begeistert, denn ich hatte 500 von ihm im Kopf, wir konnten uns stundenlang nur in Waechter-Zitaten miteinander unterhalten, und das taten wir auch, es war die helle Freude, ein unerschöpfliches Vergnügen, „Heidewitzka, Herr Kapitän!“ Und eines Tages beschlossen wir, einen Cartoon von Waechter in die Tat umzusetzen, wenn man das so sagen kann. Auf dem Cartoon sieht man ein Schneidebrett, auf dem ein Salzfässchen steht. Das Brett schwimmt am Rand eines Meeres – ein Mann hat ihm gerade einen Schubs gegeben und sagt: „Auf geht’s! einem ungewissen Schicksal entgegen, gutes altes Salzfass.“ – Wir besorgten ein Schneidebrett und ein Salzfass und machten damit Fotos im Wallersee. Eines davon ist seit damals mein Desktop-Hintergrundbild.

 

Liebe Marjana, schreibst du eigentlich noch Gedichte? Ich glaube, dein letzter Lyrikband ist schon länger her. „Das Schiff bin ich …“

Meine Gedichte schreibe ich hauptsächlich im Bett – in der Nacht, am Morgen, im Halbschlaf, manchmal sogar im Schlaf … Also im Bett nehmen sie zu 90% ihren Anfang. Kürzlich kritzelte ich am Morgen ein Gedicht, an das ich gestern bei meinem Spaziergang denken musste. Es ist noch unfertig, aber wird schon, wird schon: „In einem schwarzen Haus / sitze ich in einem schwarzen Zimmer / auf einem schwarzen Stuhl / an einem schwarzen Tisch / mit einem schwarzen Bier darauf, / da geht die schwarze Türe auf / und herein kommt meine Frau, / die orange leuchtet.“ – Heissa! Das mit dem „schwarzen Bier“ lasse ich vielleicht besser weg, da denkt womöglich wer an die berühmte „schwarze Milch“, an die ich nicht dachte beim Kritzeln. Jedenfalls musste ich gestern, als ich bei meinem Spaziergang das Lied „Awarakadawara“ von Molden vor mich hin sang, plötzlich denken, dass mir vielleicht der „schwarze Omnibus“ aus diesem Lied eingefahren ist, und auf Umwegen führte die unterirdische, nächtliche Reise dann zu meinem schwarzen Haus … Ernst Molden nenne ich übrigens seit kurzem nur noch The Golden Molden, weil er ein goldenes Herz hat, eine goldene Stimme, und sein Gitarrenspiel ist auch golden. Er hat auf jeden Fall eine Goldmedaille verdient, die Balkon-Konzerte werden mir abgehen.

 

An der Donau entlang spazierte ich und dachte an meinen Goldschatz, der hier so gern spaziert. Es war ein bisschen traurig, dass ich allein war, aber ich sang, und auf die Gefahr hin, dass ich dir auf die Nerven gehe, hier schon wieder ein Zitat, das mir in dem Zusammenhang sofort in den Kopf schießt, eins von dem Südtiroler Dichter Gerhard Kofler, der viel zu früh gestorben ist: „und du fange nicht an / zu weinen / fange zu singen an“, und ich singe von Molden „Awarakadawara“, aber auch „Gemma ins Wossa“ – es gibt eine CD von ihm, die heißt Schdrom, sie ist voller Donau-Lieder, die ich einen Sommer lang sehr oft gehört habe – im Sommer 2017, in dem ich ein Stelzenhäuschen in Kritzendorf hinter Klosterneuburg bewohnt habe. In meinem Lyrikbändchen Grüße an alle, in dem viele Donau-Gedichte drin sind, die zum Großteil in jenem Sommer entstanden sind, habe ich Ernst Molden zitiert mit dem Satz: „Alle wollen immer nach Westen. Die Donau will nach Osten. Das mag ich so an ihr.“ – Wäre ich mit meiner Frau spaziert, wären mir andere Dinge durch den Kopf gegangen …

Stell dir vor, einer hat mich umarmt! Ich war auf einer Geburtstagsfeier im Freien, auf einer Gstettn beim Nordbahnhof, wild wucherndes Gras, Gestrüpp und Unterholz, überwachsene Geleise, „Priklopil-City“, wie Helmut, das Geburtstagskind, den Ort nennt (ganz in der Nähe hat sich Priklopil, der Entführer von Natascha Kampusch, umgebracht), wir sitzen auf großen Steinblöcken im Kreis, in einen Stein in der Nähe hat wer ein Gesicht gemeißelt, immer wieder sehen wir einen großen Hasen, in einem kleinen Teich, der eher eine Pfütze ist, schwimmen zwei Enten, wir, die Geburtstagsgesellschaft, sind vier Schriftsteller, ein Wienerlied-Sänger, der auch Autor und neuerdings Übersetzer ist, sein Sohn, der wahrscheinlich Musiker wird, bzw. schon ist, ein Maler und zwei Burgschauspieler – ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung quasi.

Herrliches, wildes Gelände – der Weg dorthin führt an einer Kneipe vorbei, die heißt ZUR ALM, davor in drei Metern Höhe ein eineinhalb Meter hoher Bierkrug mit schäumendem Bier aus Kunststoff (eine abstoßende Augenweide, absurd und grotesk).

Besonders faszinierend war für mich der Hase, der immer wieder auftauchte, in einem Respektabstand, ein großer, stiller, ernsthafter Bursche – traumhaft, märchenhaft.

Als einer der Burgschauspieler, der mich vorher nicht kannte, erfährt, wie alt ich bin, nennt er mich „Babyface“ … Daraufhin stürze ich mich sofort auf ihn und würge ihn, was ich u.a. dem Einfluss des Bieres zuschreiben muss. Jedenfalls gebe ich keine Ruhe, bis er mich „Adultface“ nennt. Erst dann lasse ich ab von ihm. Der Mime ist seit einiger Zeit täglich in Ö1 zu hören mit einem Corona-Gedicht. Von mir kriegt er bestimmt keines zum Vorlesen! Später nennt er mich auch noch „Bilgeri-Schüler“, nachdem er erfahren hat, dass ich den „Professor Rock ’n’ Roll“ Reinhold Bilgeri in der Schule als Philosophie-Lehrer gehabt hatte … Das musste der Herr Jedermann allerdings mit einem Zahnverlust büßen. Schweigen wir über die weiteren Vorkommnisse. Mein Freund Uwe hätte gesagt: „Es kam zu Situationen!“ Manchmal geht es eben durch mit mir … Jedenfalls zum Schluss UMARMTE MICH das Geburtstagskind (es hat übrigens gerade Donald Duck ins Wienerische übersetzt, und vor ein paar Tagen war Molden im Radio, weil er gerade Asterix ins Wienerische übersetzt hat – diese Koinzidenzen immer!) – es war das erste Mal seit 6. März, dass mir wer so nahe kam! Ich habe in der Nacht gleich Folgendes darüber geschrieben: „Jemand hat mich umarmt. Es war nicht meine Frau. Jetzt kann ich nicht mehr schlafen. Er hat mich einfach umarmt. Ich habe nicht aufgepasst. Muss ich jetzt sterben?“ Kein Wunder, dass in manchen Ländern wegen Corona ein Alkoholverbot herrscht …

Immer wieder muss ich seither an den großen Hasen denken.

 

* * *

 

Liebe Marjana, ich habe den Brief oben stark gekürzt (hoho), inzwischen ist dein Brief eingetrudelt, über den ich mich sehr gefreut habe. Du machst es spannend! Ich danke dir. Weil ich „getrudelt“ geschrieben habe, hier ein Zitat von Kurt Tucholsky, das mich seit Jahrzehnten begleitet: „Lass das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben.“

Für viele ist die Welt derzeit nicht schön, es sind immer mehr Hilferufe zu hören … Ich bin schwer dafür, dass niemand Existenzängste hat, allen soll geholfen werden, Brot und Spiele, Arbeit und Düfte … Freier Zugang zu allen Theatern, Konzerten, Meeren, Freuden, Aufgaben, Erfüllungen, Freundschaften, Liebschaften, Abenteuern, Liebkosungen, Reisen, Lesungen, Klöstern, Fußballstadien, Minigolfplätzen, Zügen, Schiffen, Bibliotheken, Gasthäusern, Bars, Aussichten, Einsichten … Aus!

 

Jetzt aber zu deinem Brief:

Ich mag „euch“, doch, meistens zumindest, nicht alle, aber doch einige, sogar viele, also eher viele als wenige. Wobei ich manchmal, besonders in der warmen Jahreszeit, jemandem, der in der überfüllten Straßenbahn neben mir steht und sich an einer Halteschleife festhält, am liebsten ein Messer in die Achselhöhle rammen würde …

Deine einäugige Lilly lässt mich an Billie denken (Billie heißt die Katze in meinem „Vater-Buch“) – in Prag war ich früher gern in einem wüsten Lokal, das nannte sich „Zum ausgeschossenen Auge“ (an den originalen tschechischen Namen kann ich mich leider nicht mehr erinnern). Was ist mit Lillys zweitem Auge passiert?

Du: „Parfüm-Roman“, ich: „Vater-Kurzroman“ – über meine Nase habe ich schon viel nachgedacht, darüber vielleicht ein andermal. Stell dir vor, ich hatte sogar einmal eine Lesung vor einer riesigen Nase am Ufer der Donau, einem Kunstwerk der Künstlergruppe Gelitin, „Die Wachauer Nase“, 4 Meter hoch, eine „begehbare Skulptur“ – ich las eigene „Nasen-Texte“ in einem der Nasenlöcher stehend, quasi aus einem Nasenloch heraus …

Sommer 2017! Du in Klosterneuburg, ich in Kritzendorf. Da wohnten wir nicht weit voneinander, da hätten wir uns treffen können. Aber du hieltest dich auf an so Orten wie Stiftsbibliothek und Klosterzelle, wohingegen ich mich herumtrieb an Orten wie Gasthaus am Silbersee und Sportsbar Happyland. Letztere ist in Klosterneuburg, da fuhr ich mit dem Fahrrad hin von Kritzendorf, der Donau entlang, dort sah ich zwei Fußballspiele des österreichischen Frauenteams, das damals groß aufgeigte bei der Europameisterschaft. Beim zweiten Spiel saß ein schwer betrunkener Mann an der Bar, der irgendwann während des Spieles – er hatte vergessen, was gespielt wurde – immer wieder laut ausrief: „Gemma, Burschen!“

Wenn ich an Parfüms in meiner Kindheit denke, fällt mir als erstes meine Oma mütterlicherseits ein. Sie war eine der wenigen Frauen in meinem Umfeld, die von einem speziellen, in ihrem Fall süßlichen, um nicht zu sagen picksüßlichen Duft umwabert war – das passte zu ihrer Kochkunst, denn sie gab auch in die Salatsauce reichlich Zucker … Du schreibst von Süskinds Grenouille, ich denke oft an Süskinds Kontrabass, weil bei uns im Haus ein Kontrabassist wohnt, und ein Ehepaar Schwarz wohnt auch hier. Frau Schwarz gab mir einmal tatsächlich schwarze Luftballons, die sollte ich aufgeblasen im Hof befestigen, die würden die Tauben vertreiben. Und hat nicht Süskind auch ein Buch geschrieben, das Die Taube heißt?

Dass dir ein Bad in der Menge abgeht, hat mich überrascht.

 

Den nächsten Brief beginne ich definitiv erst dann, wenn ich deinen dritten erhalten habe.

„Trudeln, nicht hudeln!“, rufe ich dir zu.

Ich freue mich schon auf unsere Zugfahrt ins schöne Tessin …

 

Grüße auch an Lilly!

Christian

 

 

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 15.5.2020
Verena an Yannic (II)

Brief 4: Ich versuche, aus den wenigen Zeilen, die wir bisher gewechselt habe, eine Art Fazit zu ziehen …

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Lieber Yannic,

ich versuche, aus den wenigen Zeilen, die wir bisher gewechselt habe, eine Art Fazit zu ziehen, um eine Verortung zu ermöglichen. Also, fassen wir zusammen:

Streit: nein; Bagger: nein; Diskussion: nein; Spielplatz: nein, usw., es schaut, kurzum, schlecht aus, was die gemeinsame Themenfindung angeht. Es wundert mich ja selber, aber es läuft über kurz oder lang auf ein Beziehungsgespräch hinaus (ja, nervig).

In deinem Brief beschäftigst du dich unter anderem mit dem Nicht-streiten-müssen – eh klar, streiten müssen tut man nicht, und auch du und ich, wir müssen mitnichten miteinander streiten. Mir wird es zu ungenau und abstrakt, wenn du von totalitären Regimen sprichst und von Sprechweisen und Sprachregelungen des Politischen – ich finde es ungenau und abstrakt und vor allem falsch: Demokratie lebt von Auseinandersetzung – Streit ist nur eine der vielen, munteren Varianten davon – und gerade in autokratischen Systemen ist der Streit verpönt, er schwächt die Macht.

Aber kommen wir zu uns zurück, von wegen Beziehungsgespräch, denn ich denke, wir müssen das klären, um eine Entscheidung zu treffen, um die herumzulavieren nur Kraft und Zeit kostet.

Es heißt ja gern über Paare, sie seien glücklicher, wenn gestritten würde – allerdings nur, wenn über Dinge gestritten wird, für die es Lösungen gibt, also nichts Grundsätzliches. Lösungen gibt es beispielsweise für Fragen, die sich ums Geld drehen oder um Ordnung, Grundsätzliches wären Schwierigkeiten mit dem Charakter oder der Gesinnung. Ich würde jetzt mal sagen, wir beide sind ein Schreib-Paar, das sich nicht unbedingt an herumliegenden Socken aufreiben würde (metaphorisch, wir verstehen uns, es sind metaphorische Socken), sondern immer am Grundsätzlichen.

 

Du schreibst Dinge, über die ich generell anders denke – und, ja, ich will sie so nicht stehen lassen, also fühle ich mich genötigt, mit dir ein bisschen darüber zu streiten. Ein bisschen streiten kann man vielleicht ersetzen mit diskutieren. Sicher, du könntest sagen, dir gefällt meine Streitkultur nicht – wir könnten uns ja auf eine andere einigen. Du kannst auch sagen, du willst, Streitkultur hin oder her, weder streiten noch diskutieren, das ist dein gutes Recht. Es wird dann nur ein bissl schwierig mit dem Briefverkehr. Wenn man sich nicht grundsätzlich einig ist über Dinge, muss man halt diskutieren,  wenn die Meinungen sehr auseinander gehen, halt streiten – und ich würde sagen, du und ich haben, auf so ziemlich jeder Ebene, die literarische eingeschlossen, das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Da ist der Streit quasi vorprogrammiert. Andernfalls könnte ich nur höflich zu allem schweigen, was du so schreibst – und das wäre dann sicher alles Mögliche, aber kein Brief. Spielplatzmäßig korrekt könnte ich sagen, du willst nicht mit mir spielen, du willst, dass ich deine feinen Förmchen bewundere und die zarten Gebilde, die du damit produzierst.

 

Wo du schon Hannah Arendt erwähnst – ich wüsste übrigens nicht, warum irgendjemand bezweifeln sollte, dass es wichtig ist, in direktem, physischen Kontakt miteinander zu sein – , tatsächlich ist mir etwas geblieben aus dem Interview, das 1964 Günter Gaus mit ihr führte, und das kam mir zu Beginn dieses Wahnsinns, als ich rundherum sah, wie so viele der Intellektuellen auf Panik-Kurs gingen und die Schotten dicht machten, in den Sinn: „Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. Ich lebte in einem intellektuellen Milieu, ich kannte aber auch andere Menschen. Und ich konnte feststellen, daß unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. Aber unter den anderen nicht. Und das hab ich nie vergessen.“

Mitnichten liegt übrigens eine Pathologisierung vor (entspann dich), wenn ich dein bedächtiges Umrunden in Wald und Flur als verrückt bezeichne – ich denke, als Schriftsteller sollte man zumindest in der Lage sein, mal die Perspektive zu verschieben, ist ja ein ganz probates Mittel, um seine Stoffe von verschiedenen Seiten zu betrachten. Vollführt eine ganze Gesellschaft einen absurden Akt – wie natürlich neben dem Slalomgehen im Park auch die erzwungene Maskierung –, muss man nicht Pathologisieren, wenn man das verrückt nennt. Man muss es nur mal aus einer gewissen Distanz betrachten.

Du und ich, wir werden nicht miteinander ins Spielen kommen, so viel ist klar. Wir sind, um die Metapher auszureizen, Kinder, die, und wenn sie sich alleine zu Tode langweilten, nichts miteinander anfangen können. Nur, weil beides Kinder sind, heißt es ja noch lange nicht, dass sie auch miteinander klarkommen, das ist immer so eine Idee von Erwachsenen. Ich werde darum ehrlich sein. Mir sind Autoren, die so dringend ihre Empfindsamkeit rühmen, suspekt. Ich halte dieses Zurückziehen in einen schallisolierten Elfenbeinturm für möglich, aber nicht gangbar.

Mir geht es dabei nicht um „Schauenlernen“ oder „Hinhören“ – das alles in Ehren, und gerade gibt es, auch abseits von Baustellengeräten, sehr viel zu schauen und zu hören, aber nicht alles, was geschaut und gehört und dann in wohlfeile Wort verpackt wird, ist auch von Interesse. Ich denke mal: Du hast ein Verständnis von Autor-Sein, das ich eher ablehne. Und ich würde mein Hemd dafür wetten: Umgekehrt verhält es sich genauso. Ich finde das übrigens nicht schlimm.

(Kein bisschen bin ich übrigens der Meinung, jeder sollte nun den ultimativen Corona-Roman schreiben, Gott bewahre, was du und ich in unseren Romanen treiben ist eine Sache, eine andere ist es – so wir schon in dieser Zeit einen offenen Briefwechsel führen sollen -, nicht kritisch und mit allen Ambivalenzen über das zu reden, was gerade passiert.)

Das Kreisen um die eigene Befindlichkeit, diese hypersensible Wahrnehmung, das „zu viel an Welt“, die es suggeriert, das alles dient für mich nicht der Selbstaufklärung, was Schreiben im besten Fall sein kann, sondern der Selbstverklärung.

Von Bekenntniszwang: Keine Rede. Argumentiere doch einfach, warum du die weiten Bögen machst im Park und im Wald, und wenn du schon nicht streiten willst, dann nenn es diskutieren, mir kommt das nicht drauf an. Wenn du aber „leise“ sein willst und über diverse Maschinen und dein Schreiben resümieren, bin ich sicher die falsche Ansprechpartnerin – in dieser speziellen Zeit, aber auch sowieso. Kinder inspirieren sich zum Spiel oder sie tun es nicht, das ist bei Autoren nicht viel anders. Wir würden im Sand nicht froh werden zusammen und werden es eben auch auf der Bank nicht. Ich sitz gerade auf der Bank, um ein bisschen zu streiten, aber vermutlich möchtest du eher in Ruhe die Rutsche betrachten.

Da ich deinen Brief nicht kritiklos hinnehmen kann, gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Dazu zu schweigen oder zu streiten. Ersteres lehne ich ab, Zweiteres du.

Allzu deutlich wird mir dies alles, wenn ich auf den Schluss deines Schreibens eingehen muss, wo du plötzlich sehr episch wirst und von den „anderen Orten“ sprichst, die „sich seltener äußern mögen, langsamer auch“, und so weiter, weil das ist mir dann doch zu sehr waberndes Geraune, das in dem Satz gipfelt, „Aber sie sind es, die noch da sind, wenn das Licht einmal aus ist.“

Bitte, was für ein Licht? Wenn die Sonne untergeht? Die Welt? Oder nur wir, du und ich und die anderen, wenn wir sterben? Oder ist einfach nur die Glühbirne kaputt? (Ich hatte mal einen Freund, der, wenn die Birne in seinem Zimmer den Geist aufgab, sich zum Lesen in den Flur legte. Monatelang. Klar, man könnte sagen, das ist ein bisschen, du weißt schon, ich will da jetzt nichts pathologisieren oder so, aber er hatte diesbezüglich – „wenn das Licht einmal aus ist“ – eine Konsequenz, an die ich heute noch denke. Ich habe sie nicht, aber ich bewundere sie.) Und dann sind es diese von dir erwähnten Orte, die sich langsam und selten äußern und als harmlos verspottet werden, die dableiben? Wenn ich dich recht verstehe, möchtest du aber diese Orte, ja was eigentlich, bewohnen? In der Hoffnung, dann auch zu bleiben, über deine Worte? Über das Leben – oder das Licht? –  hinaus zu wirken? Soll ich daraus schließen, dass du es für wichtiger hältst – und gar die Endlichkeit überdauernd – über diverse Gerätschaften zu schreiben, als sich hier und jetzt mit der diffusen und unruhigen Realität auseinanderzusetzen?

 

Bemühen wir in dieser Angelegenheit noch einmal Hannah Arendt: „Jetzt fragen Sie nach der Wirkung. Es ist das – wenn ich ironisch werden darf – eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinn, wie ich verstanden habe – dann gibt mir das eine Befriedigung, wie ein Heimatgefühl.“

Ich fürchte, du und ich, wir werden beieinander nicht heimisch werden. Ich will nicht wirken und wir werden – vielleicht sehe ich das zu pessimistisch, aber es ist meine Vermutung – wir werden nicht zu einem gemeinsamen Verständnis kommen.

 

Wie jedes andere Paar müssen wir auch als Schreib-Paar uns die Frage stellen: Können wir froh werden miteinander? Werden wir Freude haben aneinander und ein Heimatgefühl entwickeln, können wir Spaß haben zusammen? Vor zwanzig Jahren hätte ich womöglich einen Haufen Energie in eine Beziehung gesteckt, die von Anbeginn zum Scheitern verurteilt ist. Heute sehe ich das weitaus nüchterner und würde sagen: Lassen wir das. Mir macht das keine Freude. Gewiss, Beziehungen sind immer auch Arbeit und so – aber sie sollten nicht nur aus Arbeit bestehen. Ich finde immer, das gemeinsame Glück sollte deutlich überwiegen. Hier, bei uns beiden, ahne ich, dass wir uns in erster Linie auf die Nerven gehen werden. Bei solchen Paaren zu Besuch zu sein, ist ja immer ein Elend, dauernd schaut man auf die Uhr und trotzdem vergeht die Zeit nicht – ersparen wir uns und etwaigen Besuchern diese Tortur.

 

Viele Grüße,

Verena

 

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 13.5.2020
Marjana an Christian (II)

Brief 4: Es fasziniert mich …

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Lieber Christian,

 

es fasziniert mich, mit welcher Hingabe und Wärme du über Menschen sprichst. Magst du uns wirklich? Einmal wurde mir in einer Radiosendung die Frage gestellt: „Frau Gaponenko, mögen Sie Menschen?“ Äh, habe ich gedacht und nach langer Stille gesagt: „Ich interessiere mich für sie“ (glaube ich). Wie ist es bei dir? Hast du es geschafft, deinen Verstand und dein Gefühl zu synchronisieren? Ich bin dir jedenfalls dankbar für deinen großartigen Brief, der mich lange beschäftigt hat, vor allem dein trauriges Gedicht über den Verlust eurer Katze. Das Video auf Youtube kann ich mir nicht ohne Tränen anschauen.

 

Diese Zeilen schreibe ich in meiner Bibliothek an einem ausgeklappten Spieltisch, der mir nun als Schreibtisch dient. Dabei sitze ich mit dem Rücken zum Fenster (anders kann ich mich nicht konzentrieren) und lausche dem Abendgesang eines einsamen Amselmannes. Er singt leiser als sonst, scheint mir, es gibt ja kaum Fluglärm. Auf meinem Schoß schläft die einäugige Katze Lilly. Ab und zu gibt sie ein schnatterndes Geräusch von sich, als verfluche sie eine unerreichbare Beute in ihrem wilden Katzentraum. Neben mir funkeln mehrere Parfümflakons in den Bücherregalen. Wenn ich meine Augen schließe, erinnere ich mich, was ich bis vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte, an den Duft in jedem dieser Flakons wie an eine Geschichte. Eine Fähigkeit, die ich dem Training meines Geruchsgedächtnisses zu verdanken habe. Seit drei Jahren brüte ich schon an meinem Parfümroman, bestelle Parfümabfüllungen, teste immer wieder unbekannte Düfte, notiere meine Eindrücke in einer Datei. Das Schnuppern an meinem Handgelenk und an parfümbesprühten Teststreifen ist inzwischen mein Alltag. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über eine Duftnote oder eine Duftkomposition nachdenke. Manchmal glaube ich sogar Parfüm im Traum zu riechen, ein intensives Gefühl. Angefangen hat alles mit Diors Diorissimo.

 

Diesen 50-er-Jahre-Maiglöckchenduft habe ich im Sommer 2017 während meines Schreibaufenthalts im Stift Klosterneuburg gekauft – mit dem Gedanken, meine riesige und karge Klosterzelle mit etwas Schönem zu beduften. Damals habe ich an einem Roman geschrieben, in dem es um alte Bücher und einen verliebten Bibliothekar geht, und es war ein großes Glück für mich, dass ich eine Arbeitswohnung im Stift zur Verfügung gestellt bekommen habe (wie es dazu kam, erzähle ich dir gerne auf unserer Fahrt durch den Gotthardtunnel, wenn du magst). In unschuldige Wolken von Diorissimo gehüllt, habe ich also in jenem heißen Sommer eine junge Wissenschaftlerin für ein Interview in der angenehm kühlen Stiftsbibliothek getroffen, eine kluge, freundliche Frau, die meine profanen Fragen genauso geduldig ertragen hat, wie ich ihre kryptischen Antworten. Zum Glück ist sie auf die Vatikanische Bibliothek zu sprechen gekommen, in der sie kurz vorher geforscht hatte. „Ach“, schwärmte sie, „und wie sie duften, die Patres auf den Korridoren. Betörend!“ Ich erinnere mich an ihr genießerisches Lächeln, die halbgeschlossenen Augen und dass mir das Blut ins Gesicht geschossen war. Mein „Ein Geistlicher, der sich parfümiert? Ausgeschlossen!“ ist inzwischen einem „Warum nicht?“ gewichen, bekräftigt durch mein Wissen um die sakrale Ebene des Per-fumum.

 

Patres als wohlriechende Panther. Dieses Bild hat mich nicht losgelassen, und damals schon in Klosterneuburg habe ich angefangen, mich dem Thema Parfüm zu nähern. Ich finde es erstaunlich, dass dies so spät in meinem Leben stattgefunden hat. Dabei bin in einer parfümierten Welt aufgewachsen, die meisten Frauen in meinem Umfeld trugen Parfüm, meine Mutter, ihre Freundinnen, meine Lehrerinnen, Verkäuferinnen im Lebensmittelgeschäft und, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, Ärztinnen. Für diese Frauen muss es in einem menschen- und genussfeindlichen System nicht einfach gewesen sein, sich schön zu fühlen. Dass sie sich nicht aufgegeben haben – in der notorischen Mangelwirtschaft der Sowjetunion, dafür spricht die Tatsache, dass sie Parfüm trugen. Perfume is a promise in a bottle, sagt die aus Weißrussland stammende Parfumeurin Sophia Grojsman. Düfte waren, sind und bleiben in der Tat ein Versprechen für Glück, Erfolg, Anerkennung, Schönheit. Sie motivieren uns aber auch, mehr erreichen, mehr sein zu wollen. Ich erinnere mich, wie mich als Mädchen manchmal Parfümschwaden in einer Warteschlange umwehten, die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt. Du fragst mich, was mir in der Coronazeit am meisten abgeht. Reisen, in einer Weltstadt herumspazieren, in der Menge baden, hier und da eine süße Duftspur aufnehmen und ihr wie Süskinds Grenouille eine Zeitlang folgen, in die Körperatmosphäre des anderen eindringen. Social distancing und Mundschutz werden mich leider noch lange daran hindern. Soviel zum Thema Taktgefühl 😉

Bis bald

Marjana

 

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 12.5.2020
Hansjörg an Antonie (II)

Brief 3: sie zaubern mit ihrem brief kammermusik in meinen arbeitsraum …

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schaan, 12. mai 2020

liebe antonie 

sie zaubern mit ihrem brief kammermusik in meinen arbeitsraum.
wohltemperiert und von feiner weite. sie lassen revue passieren, wie wir ins gespräch kamen, im bewusstsein, dass wir ein gespräch sind. lyrische stimmen begleiten uns. die «wenigen geräusche», die philippe jaccottet genügen, sind noch leiser geworden. zu hören wie das leuchten von blühenden eichkätzchen am wegrand.

«ist uns nur noch mit gedichten zu helfen?» fragen sie so entwaffnend, wie das nur kinderseelen vermögen. ich möchte mir helfen, das zu glauben. verhalten, mit dem unterton von «erkenne die lage, rechne mit deinen defekten».
es gehört fraglos innere noblesse dazu, eine form von selbstvergewisserung in gedichten auszuüben, die den bann der lage zu brechen versucht. ich bewundere das wagnis, das sie damit eingehen. in leichter sprache, die die schwerste ist. sie haben friederike mayröcker angerufen. wie in innerer anrufung. jemanden, der schon solange in nicht endendem schreibzustand, eine eminente dichterin, die sich in so vielfältigen étuden der aufmerksamkeit verschenkt: sich an gedichte zu verlieren, scheint mir die nachahmenswerteste kunst zu sein. die vornehmste art zu verschwinden und vielleicht im verschwinden zu bleiben. eine kunst, die sich gleichwohl von angeregtem ferngespräch alimentiert, ein drinnen und draussen herzaubert, mühelos. es genügen schon wenige worte.

das hellhörig werden auf details erzeugt so etwas wie eine lakonische trance. erzeugt einen zusammenklang, ausgelöst von beobachtungen im kleinen. man kann sich das aufsagen und aufzählen in hüpfender litanei bis sich ein fast unhörbarer oberton einstellt. eine wahrnehmung und weltbenennung mitunter wie in alfabet von inger christensen. selbstvergewisserung in der wortfindung auch hier.

fast beiläufig bin ich gestern auf die interpretation der goldberg-variationen von evgeni koroliov gestossen, die mich begeistern. da legt jemand so beredtes zeugnis ab vom inneren aufbau der dinge, in souveräner leichtigkeit, klar und hell. er hört das gesetz, oder macht es hörbar. nichts anderes als das, was nur musik von bach vermag. so selbstvergessen und herrlich, sodass fast pötzlich alles diffuse weicht, nichts mehr zu dämpfen vermag. es lüftet sich aller schleier. dieses momentum allein zählt, nährt und wärmt. – die äussere welt kann einem gestohlen bleiben mit ihren vielfältigen zumutungen …

ich lese aus ihrem brief, wie gedichte lebenselexier sind, zu sauerstoffreichen stellen werden, kleine exile, um sich zu begegnen. tomas transströmer hat, das muss ich sagen, eine unerhörte photosynthese mit worten geschaffen.
gelegentlich kommt ein wetterleuchten, das uns erhellt. der regen tröstet.

herzliche grüsse in alle weiler und gärten der poesie.

hajqu

 
Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 10.5.2020
Roberta an Christoph (V)

Brief 10: In meinem ersten Brief schrieb ich von dem Gefühl unserer Verantwortung, diesen besonderen Augenblick zu interpretieren …

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Lieber Christoph.

 

In meinem ersten Brief schrieb ich von dem Gefühl unserer Verantwortung, diesen besonderen Augenblick zu interpretieren. Nun bin ich beim letzten angelangt und merke, dass mir, egal für welche mögliche Interpretation, jegliches Gefühl von Gewissheit fehlt. Sinn verleihen, den Geschehnissen eine Bedeutung zumessen, die Gesellschaft muss dieser Krise eindrücklich Ausdruck verleihen. Und schau: alles wird gesagt, von allen, auf jede erdenkliche Art und Weise. Es wurden andere Zeiten und andere Ereignisse in Erinnerung gerufen, man hat eine neue, eigentlich alte Erzählung begonnen, sie neu aufgerollt und sie bestätigt. Gestärkt und deshalb neu oder zumindest aus heutiger Sicht neu betrachtet, wurde sie zu etwas Neuem mit Ausblick auf die Zukunft, zu etwas anderem als das Vergangene. Ganz sicher wird sich diese Erzählung in ihrem Wesen und in ihren Eigenschaften, ihren Ausdrucksweisen und Gefühlen unterscheiden, von dem was war und was man vorher hatte. Insgesamt sehr viel! Vieles ist gesagt worden, vieles wird gerade gesagt und vieles wird danach und später noch gesagt werden, wir werden unermüdlich sein.

Nichts wird mehr sein wie es war“. Diesen eindringlichen Satz hat man im Radio, im Fernsehen oft vernommen, man hat ihn gelesen in den verschiedenen Medien und Zeitungen, gezwungenermaßen. Allerdings und bei allem Respekt vor den vielen Todesfällen, bin ich da im Zweifel. Nicht wegen der apokalyptisch klingenden Aussage als solcher, die ich nicht teile, vielmehr hege ich Zweifel an der Ehrlichkeit und Würde der Gesellschaft, die so etwas sagt. Etwas hat sich verändert, sehr wahrscheinlich hat sich sogar vieles verändert. Doch uns zu verändern ist schwierig, wir kennen uns und wissen, dass wir unter unseren vielen guten Eigenschaften auch eine nicht so schöne haben, und zwar, schnell zu vergessen. Die Dinge zeigen sich letztendlich oft anders und entwickeln sich in eine ganz andere Richtung, als man hier und jetzt denkt.

 

Ist es für die Begegnung mit der gegenwärtigen Zeit(enwende) nicht auch vorteilhaft, das ruhige und ruhende Auge auf dem scheinbar Unwesentlichen zu schulen?

 

Auf diese deine Frage glaube ich, eine Antwort versuchen zu können und daran, im Gegensatz zu allem anderen, kaum zu zweifeln. Ich bin mir sicher, dass diese stillstehende Zeit für die Gesellschaft, verstanden als „jeder von uns“, eine Gelegenheit darstellte. So tiefgreifend wir die Unmöglichkeit von anderem auch erlebten, es gab uns die Möglichkeit, die Stille im ganzen Ausmaß ihres Bewusstseins wahrzunehmen.

Es hatte die Intensität eines andauernden, unaufhörlichen Volumens. Außerhalb von uns

hörten wir die anhaltende Dauer, das Kontinuum, etwas, das unendwegt da ist. Zu hören war es für die Venezianer, die Florentiner. Für die Mailänder, und Bergamo. Wir hörten es hier in Abtei, in den Wäldern, in den Ställen. Ob auf See, weiß ich nicht, wir werden die Flüchtlinge fragen.

Nun wissen wir, was der Blick auf die Stille sein kann, der Horizont eines Erkennens dessen, was wir vorher nicht gesehen hatten. Vor allem aber wissen wir, dass die Stille für eine lange Dauer von Wochen aus dem Verborgenen trat. Weil wir sie entblößten, sie unserer lärmigen und geschäftigen Hüllen entkleideten und dem Zuhören erlaubten zuzuhören. Der Stille erlaubten, gehört zu werden. Einzigartig und ohnegleichen, eine Stille bar ihrer Mehrzahl. Oft schon schrieb ich in meinen Gedichten über die Stille, immer dabei über ihr Vielfaches, indem ich Bezug nahm, was in unserem Inneren ist. Im eigenen Kopf, innerhalb des Hauses, draußen, von der Höhe der Berge aus, in einem Händedruck während des Tages. In der Nacht, die die Mutter des Hörens ist, ein feines Werkzeug, das dem Atem lauscht, wie er die Stille streicht, sie aber nicht stimmt.

 

Von jetzt an weiß ich, dass die Einzigartigkeit als Eigenschaft der Stille selbst angehört, ihr allein. Eine einzige Komposition, für nur ein Instrument. Nur ein Akkord, absolut in seiner Vollständigkeit.

Wie das erzählen? Wie diese Stille mit Worten abbilden? Mit welcher Beschreibung? Alles haben wir gesagt, weil wir Menschen ohne Stille sind und was nicht ausgedrückt werden konnte, wurde angekündigt mit dem Läuten der Totenglocken. Es war dramatisch, und traurig und wahr ist auch, dass es schön war, schön und ohne Vergleich.

Ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, dass uns diese Zeit die sachte Ahnung einer mystischen Erfahrung beschert hat, fernab von Ekstase oder Ähnlichem, durchaus, aber bezugnehmend auf eine innige Verbundenheit mit dem Dasein einer höheren Stille, die weder Anfang noch Ende hat. Wir haben uns in der Stille verändert, haben uns mit der Stille identifiziert, indem wir eine Art kognitiver Beziehung mit ihr eingegangen sind. Lang hat es gedauert, aber es hat auch kurz gedauert.

 

Stille kann nicht improvisiert, sie muss erkundet werden,

mit Hingabe suchen, die Stille durchdringen

und sie einem einzigen Instrument zuweisen,

um es als solches auf den Prüfstein zu legen,
sein Können und seinen Klangraum.

 

Erlaube mir, Christoph, diesen unseren Briefwechsel den Ärzten zu widmen, die in Italien im Zuge der Epidemie gestorben sind. Es ist eine traurige Liste, die die Zahl Hundert bei Weitem übersteigt. Zuzüglich der Zahl jener, die sie geheilt haben und jener, die sie nicht haben retten können. Roberta

 
Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

CARA ROBERTA. / 8.5.2020
Über Ländergrenzen hinweg
Schreibtischbild von Christoph Linher

Quelle: literatur:vorarlberg netzwerk

Etliche Literaturveranstaltungen mussten aufgrund der Corona-Krise abgesagt werden. Unsere Nachbar*innen von literatur:vorarlberg netzwerk und dem im letzten Jahr endlich sesshaft gewordenen Literaturhaus Liechtenstein haben deshalb ein Kooperationsprojekt ersonnen, an dem wir uns nur zu gern beteiligen.

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Cara Roberta. setzt statt auf das Tagebuchformat auf den Briefwechsel als Dialog auf Distanz, der unvermittelt Nähe erzeugen kann.

Die Idee: Fünf Wochen lang treten jeweils zwei Autor*innen, die sich bisher nicht persönlich kannten, in brieflichen Austausch – über Länder- und zum Teil auch Sprachgrenzen hinweg. Die Inhalte bestimmen die Schreibenden, einzige Auflage für ihre Teilnahme ist, dass jede Woche ein Brief verschickt wird.

Am Schreiben sind momentan folgende Paare – mindestens zwei weitere sollen noch folgen:

  • Christoph Linher & Roberta Dapunt
  • Yannic Han Biao Federer & Verena Rossbacher
  • Marjana Gaponenko & Christian Futscher
  • Peter Gilgen & Gabriele Bösch
  • Hansjörg Quaderer & Antonie Schneider
  • CARA ROBERTA. / 8.5.2020
    Antonie Schneider an Hansjörg Quaderer (I)

    Brief 2: Im April klopften Sie bei mir an, im April, „dem schrecklichsten aller Monate“ …

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    Weiler im Allgäu, 8. Mai  2020

     

     

    Lieber Hansjörg Quaderer,

     

     

    im April klopften Sie bei mir an, im April, „dem schrecklichsten aller Monate“, wie ihn T.S. Eliot benannte. Via Lichtgeschwindigkeit, via Mail vom Liechtensteiner Rheintal über den Bodensee ins unbekannte Westallgäu. „Wie beginnen?“, fragte ich. „Es ist gut zu fragen, wie beginnen?“, schrieben Sie. „Zu fragen beginnen“.

     

    „Wie einen Briefwechsel also anzetteln? Sorglos zu beginnen, wäre gut, nichts vorauszusetzen. Ein Schriftwechsel gleicht einem Wildwechsel…zu lesen nämlich, wo einer gegangen“, schrieben Sie in Kleinschreibung. So war ich versucht, in die Kleinschreibung meiner 70er Jahre zurückzukehren, beließ es aber dann bei einem Versuch.

     

    „Sorglos zu beginnen“, schrieben Sie.  „Con sordino“, antworte ich, „in diesen Tagen nur mit Dämpfer, gedämpft, mit leisen Tönen wie beim Geigenspiel, auch im Erinnern.“

     

    „Wo grad so vieles aus den Fugen“, sagten Sie: „ Den blühenden Birnbaum zum Trost nehmen für die Zumutungen der Pandemie.“ Worauf  hören? Auf „die wenigen Geräusche“? Auf diese kleine Hoffnung, die Seilhüpfen würde in den Prozessionen…Pèguy

     

    Und auf das Geläut der Glocke am Morgen, wenn ich das Fenster öffne, den Gesang der Vögel zu hören. Es gibt da etwas, was mich Erschrecken lässt, das bei großen Bränden manchmal auftritt, es ist diese Unerklärlichkeit der Stille, der Pausen, die mich verwirren und beglücken zugleich, wie das Gefühl vom Ende einer Welt, ohne die ich nicht mehr atmen könnte. Trotzdem glaubt man an Worte im Vorübergehen, die ins Herz springen und sogleich verstummen.

     

    Ist uns nur mit Gedichten noch zu helfen?  So versuche ich es mit der Poesie, um die Welt um mich herum wieder zu verstehen. Da schaue, höre ich Dinge, als hätte ich sie nie gekannt?  Da stehe ich plötzlich inmitten einer Welt, angstvoll wie ein Kind und schreibe Kindergedichte.

     

    Auf  leisen Sohlen schleicht manchmal das Glück

    über Stock und Stein, stolpert, strauchelt, stakst

    und lässt sich nieder als kleine Feder auf deinem Bein.

     

    Dieses Kindergedicht stammt aus meinem neuen Buch „Es flattert und singt, Gedichte und mehr und alles für Kinder, das erscheinen wird in diesem Herbst. Heute Abend habe ich die Fahnen gelesen und mich gefreut wie ein Kind  am Dichten zwischen Hahn und Henne im Hühnerstall inmitten der CoronaTage. Ist es nicht so? Wo das Unsichtbare sein Unwesen treibt, dichtet das Kind dagegen an, gegen die Dünnhäutigkeit, dem aussätzig geworden sein, dem ausgesetzt sein der Sätze. Wieder läuten die Glocken, rufen, als wollten sie mich in meiner stillen Verzweiflung trösten. Sie singen, sie dichten die Glocken, verbinden Himmel und Welt.

     

    Heute sprach ich mit Friederike Mayröcker am Telefon und wir beschlossen, den Fuss in die Luft zu setzen, gemeinsam, dass sie trüge, war unsere Hoffnung mit Hilde Domin, die sie mag, wie dasGedicht, ebenso jenes, das Angelika Kaufmann, die Freundin schreibt, Tag für Tag, schon zum 80. Mal immer und immer wieder auf ein neues Blatt.

     

    zwei feuchte Lappen

    Seele und Leib

                          Friederike Mayröcker

     

    Ein bisserl schreibe sie noch gegen die Angst und bald, sagte FM, wenn der Spuk vorüber ist, treffen wir uns im Café Sperl.

     

    Es liegt in der Luft, dieses Gedämpfte, Abstand halten, Tröpfchen, die uns Krankheit und Tod bringen können: verhalten die Stimme, das Lachen gedämpft … Wie wesentlich ist uns der Mund, das Wort – als hätte man es uns verboten?

     

    Dabei umhüllt uns die Natur mit solcher Schönheit, mit solchem Blühen, einem unerwartet frühen Sommer, dem kreisenden Milan, dem Ruf der Amsel, mit duftendem Flieder, weißen und schwarzen Tulpen, Päonien, Akelei, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Ehrenpreis… und immer doch der Gesang der Vögel am Morgen und diesem Blau und dem Wolkenspiel des Himmels.

     

    Es wird gesagt, dass das „Herunterfahren“ der Natur gutgetan habe, dem Klima geholfen, die Verschmutzung reduziert, nur mit dieser rätselhaften Bedrohung kommen wir nicht zurecht, wie sollten wir auch? Wir haben genug von der Quarantäne und trotzdem sehne ich mich wieder nach einer Art Abgeschlossenheit, den Zimmerkonzerten, dem bei sich sein, natürlich ist dies privilegiert…

    Und dann ist da Europa, was ist dir, altem Europa? In der Übertragung des Europa Konzerts der Berliner Philharmonie mit Abstand und kleiner Besetzung, höre ich Musik, spüre etwas rätselhaft Gemeinsames, wir sind im gleichen Boot, bei den „Fratres“ von Arvo Pärt, bei Ligeti und Mahler überkommt mich für einen kurzen Moment dieses Gefühl der Verbundenheit, des Trostes. Wie ist es eine Stunde danach? Zahlt es sich aus, dieses bedingungslose Grundeinkommen? Ich denke an Aristoteles, der mich als Jugendliche so beeindruckte mit seiner Nikomachischen Ethik und an den biblischen Text vom Weinbergbesitzer. Was ist gerecht? Was gewährt ein gutes Leben? Die Freiheit bleibt uns sowieso, etwas daraus zu machen oder auch nicht. Was ist die Erde, die uns alle leben lässt, die wir ausbeuten? Sind wir nicht alle nur Gewordene aus Geschenktem, Empfangenen, aus dieser rätselhaften Mahlzeit, dem 1:1 eingelösten Stoffwechsel? Es wird nicht überall gejammert, Veränderungen werden konstatiert im alltäglichen Miteinander, wir erkennen uns hinter, unter der Maske, wir sind müde, vereinzelt, betroffen, haben uns eingerichtet oder auch nicht, sind verzweifelt, fühlen uns wohl. Und heute, der 8. Mai, das Ende des 2. Weltkrieges, 75 Jahre danach.  Das „Lacrimosa“ im Essener Dom in Abstand und Nähe. Was ist nur Leben? Und was Sterben? Nichts mehr ist wie zuvor.

     

    Ich höre das Plätschern des Brunnens, sehe den Mond, der aufgeht…es gibt diese kleine Pause nach dem Regen, wo alles noch nass ist und doch der Weg, die Straße trocken erscheint. Heißt etwas begreifen, sich verwandeln? Und ich spreche leise:

     

    zwei feuchte Lappen

    Seele und Leib

     

    zwei feuchte Lappen

    Seele und Leib

     

    und dann lese ich FM und mir zugleich diese Zeilen vor:

     

     

                                   Zwei Wahrheiten nähern sich

    einander.

    Eine kommt von innen, eine kommt

    von außen,

    und so sie sich treffen, hat man eine

    Chance,

    sich selbst zu sehen.

    Tomas Tranströmer

     

    Es kommt Regen heute noch und während ich aus dem Fenster schaue, sind sie nahe, die Berge, zum Greifen nahe aus Österreich und der Schweiz,

    herzlich grüße ich hinüber nach Schaan

     

    Waren da zwei Wahrheiten, die sich einander nähern,

    Die eine kommt von innen, eine von außen

    und so sie sich treffen, hat man eine Chance,

    sich selbst zu sehen?

     

    Antonie Schneider

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 6.5.2020
    Christian an Marjana (II)

    Brief 3: Gross war die Freude über deinen kleinen Brief …

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    30.April / 1.Mai
    Liebe Marjana,

     

    groß war die Freude über deinen kleinen Brief! Ich bin entzückt, dass du Bücher von mir besitzt, sogar Farblose Witze hast du, unglaublich! Diese Publikation ist längst vergriffen, und Reinhold Kirchmayr, der damals die Sache initiiert und die Bilder beigesteuert hat, d.h. er hat Texte und Bilder kombiniert, ist seit langem mehr in Indien als in Österreich, und wenn er in Europa ist, dann hauptsächlich in Ungarn, wo er ein kleines Häuschen besitzt. Keiner kann so schön lachen wie er! Außerdem fällt mir zu ihm sofort ein, dass er einmal einen Sommer lang unterwegs war in Sachen Wäscheklammern … Er suchte die idealen Wäscheklammern, die er für seine Ausstellung im Herbst unbedingt brauchte, wie er sagte. Immer wieder, wenn ich ihn in diesem Sommer traf, hatte er Wäscheklammern dabei, aus verschiedenem Material und in verschiedenen Farben und Größen, es war der Sommer der Wäscheklammern. Als ich dann im Herbst zu seiner Vernissage ging, war ich natürlich sehr neugierig. Die Ausstellung fand in einem recht kleinen Raum statt. Von einer Ecke zur anderen war eine Leine gespannt, an der Zettel mit Wäscheklammern befestigt waren (er hatte sich für die ganz einfachen aus Holz entschieden). Auf jedem Zettel stand ein Buchstabe, von links nach rechts konnte man lesen: „ZIEH LEINE“. – Ich war entzückt, tief entzückt!

    Zwei weitere Highlights seiner künstlerischen Ausstellungstätigkeiten:

    Einmal bespielte er einen Kaugummiautomaten. Warf man eine bestimmte Münze ein, ertönte eine Musik (komponiert von Gerald Futscher) und heraus kam eine Plastikkugel, in der sich ein kleines Kunstwerk befand.

    Und ein anderes Mal hatte er bei einer großen Leistungsschau österreichischer Kunst in einem sehr renommierten Museum einen ganzen Raum zugesprochen bekommen, um ihn zu bespielen (um schon wieder dieses Wort zu verwenden). Er vergaß die Sache, war unterwegs in Asien oder weiß der Kuckuck, natürlich nicht erreichbar, und bei der Eröffnung der Ausstellung glänzte sein Raum mit Leere, nur sein Namensschild war angebracht. – Ich muss ihn fragen, wie das wirklich war, im Moment bin ich mir nicht mehr ganz sicher … Ich höre ihn lachen. Was für ein lautes, außergewöhnliches, nicht enden wollendes Lachen!

     

    Reinhold war auch immer wieder Gast in dem Stadtheurigen, in dem ich lange gearbeitet habe, und über den ich dir tagelang erzählen könnte … Schade, dass du wahrscheinlich nie dort warst.

    Nur ganz kurz: Bis 2013 war ich Pächter dieses Stadtheurigen, den ich zusammen mit einem Freund fast genau zwei Jahrzehnte lang betrieben habe. Ich habe dort alles gemacht, was so anfiel, zumindest die ersten zehn Jahre, von früh bis spät, von Buchhaltung bis Klo putzen, von Kartoffeln schälen bis Kellner sein, von Lieferanten empfangen bis Sperrstunde machen usw. Die letzten Jahre war ich dann nur noch als Kellner tätig, das „Kellnerbein schwingen“ nannte ich die Tätigkeit gern, weil sie für mich viel mit Tanz zu tun hatte, aber auch mit Schauspiel – ich fühlte mich sauwohl in dem Gastgarten, machte während der Arbeit oft Späße, erzählte Lügengeschichten, hatte einen Karl … Irgendwann werde ich über diese Zeit, über die ich tonnenweise Aufzeichnungen habe, ein Buch schreiben, Betonung auf irgendwann.

    2013 hat dann mein Knie nicht mehr mitgespielt, und als mein Freund und Partner Michi im selben Jahr überraschend gestorben ist, er war erst 54, war die Sache für mich erledigt. Ohne ihn und mit marodem Knie wollte ich nicht mehr weitermachen.

    Dass ich von Reinhold auf den Heurigen gekommen bin, hat einen einfachen Grund: Wenn ich in den letzten Jahren gefragt wurde, wie der Heurige so war, musste ich oft als erstes an einen Abend denken, an dem Reinhold für eine größere Gruppe reserviert hatte. Sommer war’s, der ganze hintere Teil des Gartens war für ihn reserviert, ca. 50 Plätze. Er machte eine kleine Vernissage in dem Salettl, das sich in diesem Bereich befindet (ein Salettl ist ein Pavillon, ein kleines Extra-Häuschen). Seine Freundinnen und Freunde trudelten ein, es war eine illustre Gesellschaft, darunter auch einige Kinder. Bald gab es bunte Kreiden, und die Kinder begannen damit den Boden des Heurigen, der aus Beton ist, zu bemalen. Dass du keinen falschen Eindruck bekommst: der Garten wird dominiert von üppigem Grün, es gibt z.B. eine große Fläche, die wild bewachsen ist, eine riesige Wand war damals noch bis zum Dach hinauf mit Efeu bedeckt, zwei Nussbäume, diverse Blumen usw. Vielen, die zum ersten Mal in den Gastgarten kommen, schießt als erstes das Wort „Oase“ in den Kopf.

    Die Wege aber sind aus Beton bis vor zum Eingangsbereich, zum ersten Hof – und bis dorthin bemalten die Kinder den Boden. Es sah großartig aus, ich musste an Graffitis in Berlin und anderen Metropolen denken, ich musste immer wieder über Kinder, die am Boden saßen und lagen, hinwegsteigen, die Getränke auf meinem Tablett führten manchmal einen Tanz auf, fiel nichts zu Boden, hieß es: Keine Scherben bringen Unglück … Aber nichts da, es war ein wunderbarer Abend, und er hatte erst begonnen. Es waren null kinderfeindliche Gäste im Garten (in Wien und bei ca. 120 Sitzplätzen ein kleines Wunder), und Reinholds Freundeskreis war, wie gesagt, ein bunter Haufen. Ein Tisch in dem reservierten Bereich war noch frei, und an dem saß plötzlich ein fremder älterer Herr. Ich sagte ihm, dass hier hinten alles reserviert sei, Reinhold meinte, das passe schon, vielleicht würden eh nicht alle kommen, die er eingeladen hatte. Der Herr, ein sympathischer ca. 60-jähriger Deutscher, meinte, er würde sofort verschwinden, wenn wir den Platz brauchen. Er hatte längeres schütteres Haar, Lausbubenaugen hinter einer Brille, Schalk im Nacken, eloquent … Ich kürze ab: Als ich das nächste Mal nach hinten kam, lag eine Frau vor dem Herrn auf dem Boden. Sie war gerade gestolpert, gestürzt und ausgerechnet vor seinen Füßen gelandet, aus ihrer Handtasche war ein Buch gefallen. Der Herr reichte der Frau die Hand, um ihr aufzuhelfen, da sah er das Buch auf dem Boden und rief sofort aus: „Was, das gibt’s doch nicht!!! Bei dem Autor habe ich in Brasilien wochenlang gewohnt!“ Und sie sagte: „Und ich habe ihn übersetzt!“ Der Herr konnte es kaum glauben, unterhielt sich in der Folge mit der Übersetzerin und bestellte gleich ein weiteres Vierterl. Als ich es ihm brachte, redete er aufgekratzt über den brasilianischen Autor und über den Zufall, ausgerechnet hier in diesem Hinterhof eine seiner Übersetzerinnen zu treffen. Ob ich Martina Schmidt kennen würde, sie habe ihm dieses Lokal empfohlen, und er müsse sagen, es übertreffe schon jetzt alle seine Erwartungen. Ich sagte, natürlich kenne ich Martina, sie war damals die Geschäftsführerin vom Deuticke Verlag, ich hätte schließlich zwei Bücher bei Deuticke veröffentlicht. Er riss Mund und Augen auf und schrie: „WAS HABEN SIE???“ – Er war jetzt völlig aus dem Häuschen. Ich stand vor ihm mit dem Tablett in der Hand, die grüne Schürze umgebunden, der gute Mann starrte mich fassungslos an, rang nach Luft (um nur ein bisschen zu übertreiben), krächzte mit belegter Stimme, er brauche dringend ein weiteres Vierterl … Um ihn herum tobte das Leben, er mittendrin, rotgesichtig, strahlend, trinkend, bedient von einem Autor, am Nebentisch eine Übersetzerin, und damit immer noch nicht genug. Er verriet mir, dass er bis vor kurzem als Buchvertreter in ganz Deutschland unterwegs gewesen sei. Er fragte mich nach meinem Namen und nach meinen Büchern bei Deuticke. Er meinte, der Titel Männer wie uns sage ihm was … Als ich ihm das nächste Vierterl brachte, konnte ich ihn schon wieder überraschen, indem ich meinte, und das war so eine blitzhafte Erkenntnis aus heiterem Himmel: „Ich glaube, wir sind vor mehr als 10 Jahren einmal zusammen an einem Tisch gesessen, und zwar in Frankfurt.“ Der Herr, er hieß Axel, wie ich inzwischen wusste, wunderte sich über gar nichts mehr. Männer wie uns stand damals kurz vor der Veröffentlichung, und der Verlag, also Martina, nahm mich mit nach Frankfurt, wo ich das Buch bei einer Vertreterkonferenz vorstellen sollte. Ich muss leider sagen, ich machte dabei gar keinen guten Eindruck, das Buch war dann auch ein völliger Misserfolg, es hat mir nur Schimpf und Schande eingebracht … Jedenfalls nach der Konferenz begann der gesellige Teil, und ich war mir sicher, dass dieser Axel, der jetzt vor mir saß, damals an unserem Tisch das große Wort führte. Martina sagte mir, es handle sich bei ihm um den deutschen „Starvertreter“ Soundso …

    Sonst passierte auch noch viel an diesem Abend im Heurigen mit Reinhold und seinem bunten Haufen und all den anderen, aber genug. Es war einer jener besonderen Abende, die ich dort oft erlebte. Das noch: Axel tauchte am nächsten Tag gleich wieder auf, umarmte mich zur Begrüßung – wir waren bereits beste Freunde, schließlich kannten wir uns seit über zehn Jahren … Soviel zum Heurigen, nur eine von ca. 1001 Geschichten.

     

    Nein, ich will dir noch was erzählen von diesem speziellen Ort, z.B. von einem Pferd! Übrigens sehr schön, was du in deinem Brief über Pferde geschrieben hast … Unser Gastgarten wurde an einer Seite von der hohen Feuerwand des Nachbarhauses begrenzt, wir durften diese Wand kaum berühren. Eine Zeitlang hatten wir immer wieder einen Künstler zu Gast, der uns ziemlich auf die Nerven ging. Er wollte uns dazu überrede, dass wir ihm erlaubten, ein riesiges Pferd an die Wand zu malen.

    Was die Wände im Schankraum betraf, wollte eine Künstlerin sie mit Bildern behängen. Sie bot uns eine Ausstellung an mit schmutzigbraunen und dreckigschwarzen Leinwänden, auf die jeweils ein Hundemaulkorb draufgenagelt war. Auch das lehnten wir freundlich, aber bestimmt ab.

    Ein Bild jedoch hing sehr lange im Schankraum, d.h. es hängt heute noch dort, eines von Friedrich Karl Waechter, dem Zeichner und Autor, der Bücher mit so schönen Titeln veröffentlicht hat wie: Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein und Es lebe die Freiheit.

    Ich habe F.K. Waechter in Salzburg kennengelernt, wo ich fünf Wochen in seiner Cartoon-Klasse auf der Sommerakademie war. Ich habe selten einen so fantasievollen, verspielten und humorvollen Menschen kennengelernt wie ihn. Ich muss jetzt daran denken, was du über Pferde geschrieben hast, genau das könnte ich auch über F.K. Waechter sagen, er war „verspielt, humorvoll, vielseitig interessiert und wach, und es machte mir viel Spaß, mit ihm zu sein und von ihm zu lernen.“ Er war auch bescheiden und zurückhaltend, sehr aufmerksam und taktvoll. Wir zeichneten und blödelten viel, machten diverse Spiele, gingen zusammen in die Disco, und wir durften ihn Fritz nennen. – Da muss ich gleich wieder an die Fliege Fritz denken … Auch F.K. Waechter ist inzwischen tot, er starb an Lungenkrebs, obwohl er nie geraucht hatte. Ein Thema, zu dem wir während der Sommerakademie etwas zeichnen sollten, lautete: „Hilfe, meine Liebste brennt!“ … Es gibt ein unglaublich trauriges Gedicht von seinem Freund Robert Gernhardt, das mit der Zeile beginnt: „Nie werde ich den sterbenden Fritz vergessen.“ Auch Gernhardt ist bereits tot. Jetzt aber zu dem Bild, das ich vorhin erwähnte. Wie gesagt, im Schankraum hängt ein großes Poster von Waechter, das mir meine Evi damals schön rahmen ließ. Es hängt dort seit ewig und zeigt ein kleines Mädchen zwischen zwei großen Katzen, hinter ihnen gähnt ein Abgrund, und über allem steht: „Ist das Leben, ist die Welt / nicht wie unten dargestellt? / Links ein Hund, rechts ein Hund, / vorn ein klaftertiefer Grund?“ In einer Sprechblase sagt das Mädchen: „Ja, so ist es“. Beim Heurigen herrscht Selbstbedienung, was das Essen anbelangt, d.h. bei Hochbetrieb bildete sich vor dem Buffet neben der Schank, wo ich mir die Getränke einschenkte, oft eine längere Schlange. Alle, die dort in der Schlange warteten, bis sie dran kamen, hatten Zeit, sich das Bild in Ruhe anzusehen. Für mich war es oft sehr interessant zu sehen, wie die Leute darauf reagierten. Die Bandbreite reichte von stillem Lächeln bis empörtem Losschimpfen: „Das stimmt ja nicht! Das sind keine Hunde und der Abgrund ist hinten. So ein Blödsinn!“ – Ich liebte es.

    Schluss damit, sonst ufert die Sache aus.

     

    Liebe Marjana, ich habe das Gefühl, dich schon lange zu kennen, dich persönlich – Bücher hatte ich ja schon einige von dir gelesen.

     

    Weil du gefragt hast: Ja, ich würde gern mit dir eine Zugfahrt in die Berge machen. In der Schweiz gibt es z.B. sehr schöne Zugstrecken …

    Aber Berge mag ich eigentlich nicht! – Also vom Zug aus gesehen schon, oder vom Hubschrauber, aber sonst … Als ich das letzte Mal auf einem Berg war,  hatte ich Todesangst, denn nach einer ungefähr vierstündigen Wanderung wurde diese plötzlich zu einem Alptraum für mich. Ich sage nur soviel: Herunter vom Berg kam ich mit einem Hubschrauber.  – Das erzähle ich dir aber ein anderes Mal, im Moment will ich gar nicht daran denken, sonst wird mir schwindlig.

     

    Was das von dir zitierte My name is Fred anbelangt: das ist mir an einem sonnigen Nachmittag in Marseille eingefallen, als ich in einem Café saß und unermüdlich in ein Notizheft kritzelte. Das Café hieß CAFE LE BABY FRED – in meinem Buch Marzipan aus Marseille kommt es vor.

     

    Wo hast du deinen Brief geschrieben? – Ich habe diesen hier zumindest zum Teil an einem Holztisch auf einer Praterwiese geschrieben, d.h. skizziert, mit Aussicht auf herumtollende Hunde, Bier trinkende Menschen, die untergehende Sonne, die in Bau befindlichen Triple Tower …

     

    Viele meiner Fragen aus dem vorigen Brief hätte ich mir sparen können, wenn ich Google gemacht hätte, um‘s elegant auszudrücken. Aber wenn man so ein altmodischer Schneckenpostler ist wie ich …

     

    Schreibst du noch an wen handschriftliche Briefe? – Ich an meinen norddeutschen Freund Uwe und an meine Nichte Paula. Uwe ist über 60, wir schreiben uns handschriftlich schon seit ca. 30 Jahren, und Paula ist 12 und hat sich erst vor ca. eineinhalb Jahren einen „Briefkontackt“ mit mir gewünscht – ich muss gestehen, dass ich ihr zwischendurch auch immer wieder mal einen Brief auf dem Laptop schreibe, ausdrucke, in ein Kuvert stecke, zur Post trage … Weil sie jetzt am 4. Mai Geburtstag hat und weil ich vorhin von Cartoons geredet habe: Eins meiner kleinen Geburtstagsgeschenke ist ein Comic, den ich eigens für sie gemacht habe. Auf einem großen schwarzen Karton sind zwei kleine weiße Sprechblasen. In der einen steht: „Mach ja nicht das Licht an!“, in der anderen: „Ich denke gar nicht dran!“

     

    „Die Welt der Düfte!“ – Corona wirkt sich negativ auf den Geruchs- und Geschmackssinn aus, wie man weiß. Ein Freund von mir hat nach einem schweren Unfall den Geruchssinn verloren, was ihn in eine unglaublich tiefe Krise gestürzt hat … Ich glaube, die Bedeutung des Geruchsinns wird ganz allgemein unterschätzt. – Was meinst du? Bitte entschuldige die läppische Frage.

     

    Am Mittwoch waren wir wieder beim Balkon-Konzert von Ernst Molden, bereits zum dritten Mal. Er spielt immer am Sonntag und am Mittwoch, jeweils 18 Uhr, am Bass oft sein Sohn Karl. Diesmal spielte er ein Lied, das er für Martina Schmidt geschrieben hat (eben jene, siehe oben!). Molden sprach sehr schön über Martina, der er viel verdanke … Auch ich könnte ein Loblied auf sie singen, obwohl für mich schon nach zwei Büchern Schluss war beim Verlag. Trotzdem: Es waren die goldenen Zeiten! Seit längerem schon wollten Martina und ich wieder einmal zusammen ins legendäre Schwedenespresso gehen, aber es hat ja leider zu. Wie so viele Lokale. Wie alle! Wenn mir früher wer gesagt hätte, es kommt eine Zeit, da hat in ganz Wien und Österreich kein einziges Lokal offen, hätte ich ihm den Vogel gezeigt und ihn für verrückt erklärt. Nicht in meinen schlimmsten Alpträumen …

    Was geht dir am meisten ab in dieser Coronazeit?

    Und was sonst noch?

    Mit Martina ins Schwedenespresso – darauf freue ich mich!

    Vielleicht sollten wir zwei auch besser ins Schwedenespresso, als mit einem Zug in die Berge?

    Ich werde dir vielleicht im nächsten Brief von diesem ganz speziellen Lokal erzählen, falls es dich interessiert.

     

    Mich interessiert oft, wie andere arbeiten. Hast du fixe Schreibzeiten? Regelmäßig und kontinuierlich oder eher eruptiv und phasenweise?

    Lieblingsschreibplatz, abgesehen vom Schreibtisch?

     

    Dein schönster Geburtstag auf dem Filmgelände in Odessa, das klingt gut, obwohl … Hast du sehr darunter gelitten, Außenseiterin zu sein? Warum hattest du diesen Außenseiterstatuts, wie du schreibst?

    Du warst acht oder neun, die ganze Klasse wurde von deiner Mutter ins Kino eingeladen … Als ich das las, musste ich sofort an eine Filmproduktion des vorigen Jahres denken: Stell dir vor, ein Kindergedicht von mir wurde verfilmt, und zwar von Kindern. Es gibt ein Berliner Projekt, das nennt sich “Kinder machen Kurzfilm”. Die Kinder einer Schulklasse bekommen Gedichte zur Auswahl für eine Verfilmung – zu meiner großen Überraschungsfreude fiel ihre Wahl auf mein urtrauriges Gedicht Ein trauriges Gedicht, in dem es um den Tod unserer ersten Katze geht, was damals eine Katastrophe war für unseren Sohn, der die Katze als “seinen Bruder” bezeichnete, und der immer wieder sagte, unsere Katze würde bestimmt viel älter werden als eine Katze normalerweise wird, weil sie es bei uns so gut hat – sie starb mit drei Jahren. Wir suchten einen schönen Platz für ihre Asche, wir fanden ihn inmitten von fünf Bäumchen, hier im Prater. Der Tod der Katze war wirklich eine Tragödie, vor allem natürlich für unser Kind. Einen Sommer lang fast jeden Abend Tränen … Jahre später habe ich ein Gedicht geschrieben über den Tod der Katze, und wieder ein paar Jahre später haben jetzt, also Ende 2019, Kinder in Schwedt (Uckermark) in einer Projektwoche mit vier Profis aus Berlin ein kleines Filmchen über das Gedicht gemacht. Ich war eingeladen zu Workshop, Lesung, Gespräch (die erste Frage an mich, von einem aufgeweckten 12-jährigen: “Wie viel verdienen Sie?”), also ich habe die Kinder ein bisschen kennengelernt – schön war das! Und kurz vor meinem Geburtstag, nein, kurz vor Weihnachten habe ich den fertigen Film bekommen, den ich jetzt auch dir zeigen will:
    https://www.youtube.com/watch?v=zDCnk6PKRv0

     

    Tote Katze, tote Fliege, toter Fritz, toter Robert, tote Hose, totes Versprechen … Ja, ich habe mein Versprechen gebrochen! Ich wollte dir doch diesmal einen kürzeren Brief schreiben. Von Goethe gibt’s was Schönes über lange und kurze Briefe – vielleicht finde ich’s wieder …

     

    Alles Liebe Gute Schöne,

    Christian

     

     

    PS: Ich habe von dir geträumt! Es war ein sehr schöner Traum, aber der geht sich jetzt nicht mehr aus, das heißt … Nein, ich erzähle ihn dir im nächsten Brief, versprochen!

     

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 7.5.2020
    Hansjörg Quaderer an Antonie Schneider (I)

    Brief 1: wir haben in kurzer vorkorrespondenz verschiedene felder berührt …

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    schaan, 6. mai 2020

     

     

    liebe antonie schneider,

     

    wir haben in kurzer vorkorrespondenz verschiedene felder berührt.

     

    die pandemie hat viele, insbesondere künstlerische freiberufler über das verschärfte prekariat hinaus in unmittelbare not gestürzt. die lohnarbeit ist weggebrochen.

    zu sagen und zu tun gibt es immer. arbeit geht nicht aus,  vieles gelingt sogar in grosser dringlichkeit besser. aber die lohnarbeit versiegt.

    die arbeitsleistung lässt sich nicht mehr verdingen, bleibt einstweilen unvermittelbar, auch wortwörtlich, da keine bühne, keine plattform, kein öffentlicher raum zur verfügung steht.

    die öffentlichkeit wurde bis auf weiteres reduziert bzw. plombiert:

    machen „geisterspiele“ in imaginären treibhäusern oder zirkuszelten sinn?

     

    anders betrachtet: die formen der  wirksamkeiten verändern sich, bei virulenter vorhandenheit der eigenen person, der es immer weniger gelingt, lebensmittel zu produzieren.

    man lebt nicht von luftwurzeln, lebt nicht vom verschieben, sondern von 1 : 1 eingelöstem stoffwechsel.

    es verhält sich paradox. wenn die gering vorhandenen reserven aufgebraucht, zahlt sich trotz gesteigerter produktivität

    die präsenz nicht mehr aus.

    ausgesetzt, ‚aussätzig‘ geworden, kommt man ‚in die sätze‘; beginnt, weiter zu denken.

    es schmerzt, dass leute in sog. risikoberufen unverschuldet in existenzielle not geraten sind.

    aber welche berufe sind keine risikoberufe?

    welchen ausweg gibt es?

    keine(r) der freiberufler gibt sich mit staatlichen almosen zufrieden.

    wann, wenn nicht jetzt ist die zeit reif für ein bedingungsloses grundeinkommen?

     

    ich gestehe, sehr privilegiert zu sein: meine lebensmittel verdiene ich durch verschiedene (noch krisenfeste) projektarbeiten oder ‚parallelaktionen‘ als ‚funktionär‘,

    sporadische einkünfte durch ein buchantiquariat. bin dankbar, dass es so ist.

     

    nüchtern beobachte ich: quarantäne ist künstlern und autoren kein fremdwort, es ist schlichtweg die arbeitsbedingung im atelier.

    sich isolieren, sich zurückziehen, sich aussetzen in den engsten, eigenen kreis, zu sich kommen, bei sich sein, ist die voraussetzung aller kunst.

    «… geh mit der kunst in deine allereigenste enge. und setze dich frei.» schreibt paul celan.

    die kunst der engführung lernt man nie genug. wie vertraut auch immer man mit den stimmen in der kunst der fuge.

    kunststück: zurückgeworfen auf sich selbst, blättert einer in höchsten realisationen, liest, schaut und hört dinge,

    die eine/r liebt, die einem notwendig, wie das atmen.

    das kosten von lebenselexier, die sehnsucht nach dingen, die einem heilig sind.

    die rückkoppelung zu dem, was eine/r als wesentlich erkennt.

    das eintreten in einen strom von selbstvergessenheit.

    sich einschreiben, der spur folgen, die man selber wird.

    der satz von edmond  jabès, den sie als zusatz am schluss eines briefes hinschrieben, klingt nach.

    ich wiederhole ihn:  «als ich, noch kind, zum ersten mal meinen namen schrieb, war mir bewusst, dass ich ein buch begann…»

    dem beginnen in der beginnlosigkeit bewusst werden. das aufgreifen von fäden, nachdenken, denken, was bei paul valéry ‚den faden verlieren‘ heisst.

    den knoten sehen, in den einer selber geknüpft, die schlaufe, die einen fasst, das gewebe in dem man hineinverwoben.

    ich meine, man wird porös und wach, im dialekt heisst es bei uns ‚pluug‘, was dünnhäutig, fragil oder geschwächt bedeutet,

    ein unübersetzbares wort.

     

    über das unübersetzbare beginne ich nachzudenken und mich in gedanken zu verlieren.

     

    ich grüsse sie herzlich ins allgäu, hansjörg quaderer

     

    Hansjörg Quaderer (* 1958), lebt als freischaffender Maler und Buchkünstler im liechtensteinischen Schaan. Mitherausgeber des Jahrbuches des Literaturhauses Liechtenstein, organisiert seit 2008 mit Mathias Ospelt die Liechtensteiner Literaturtage.

    Seine Briefpartnerin Antonie Schneider (* 1953) ist freischaffende Autorin im Westallgäu und veröffentlicht neben Kinderbüchern auch Lyrik für Kinder und Erwachsene.

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 6.5.2020
    Yannic an Verena (II)

    Brief 3: Auf der Baustelle machen sie Fortschritte …

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    Verena,

    auf der Baustelle machen sie Fortschritte, am Hang steht jetzt eine Mauer, ziemlich hoch und geschwungen, wozu sie gut ist, weiß ich nicht, aber das macht nichts, sie ist trotzdem interessant anzuschauen. Davor sitzen gelbe Baufahrzeuge im Geröll, ein Radlader, ein Vorderkipper, ein Hydraulikbagger, ganz dicht beieinander sind sie geparkt, als hätten sie was zu tuscheln. Vor ihnen drei Arbeiter, einer steht in einem Erdloch, einer lehnt an einer der Maschinen, ein dritter stemmt sich eine Hand in die Hüfte. Schweigend essen sie Eis aus einem Hörnchen, sehen dabei nachdenklich zu Boden, es sieht nach Einkehr aus.

    Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterweiß, stehe ich auf, gehe hinüber und schaue ihnen zu. Ich fühle mich dem kriechenden Gerät manchmal sehr verbunden, gerade jetzt, da ich ein Kapitel umschreibe, das nicht funktionieren will, und nach und nach liebgewonnene Passagen tilgen muss, es traf mich, als ich den Hydraulikbagger sah, wie er sich die grobe Schaufel vom Arm streifte und eine Art Siebgerät an deren Stelle steckte. Dann begann er, Geröll aus einer Aufschüttung zu lösen, es dauerte, bis er eine feine, bräunliche Masse vor sich hatte, ordentlich schichtete er sie auf, seine metallenen Zacken strichen Muster hinein, zärtlich fast. Später bugsierte er die aussortierten Betonbrocken über das Gelände, schichtete auch sie zu kleinen, kunstvollen Haufen, am Abend dann hantierte er mit einer Art Schere, umfasste eines der Fragmente, immer fester, immer fester, bis es barst, ich schloss das Fenster, konnte es dennoch weiter knacken hören.

    Entschuldige, ich weiß, du wolltest eigentlich nichts mehr von der Baustelle hören, weil du der Meinung warst, ich sei verrückt und wir müssten streiten, aber nachdem ich deine Mail gelesen hatte, musste ich erst einmal aufstehen, hinübergehen, den Maschinen zusehen, wie sie sich friedlich brummend ins Erdreich gruben.

    Gut, okay, also erst einmal denke ich, dass wir nicht streiten müssen, dass niemand streiten muss, auch „die mündigen Bürger einer Demokratie“ müssen nicht streiten, vielmehr dürfen sie streiten, wenn sie es wollen oder wenn sie sich dazu genötigt sehen, aber sie müssen es ganz bestimmt nicht, weil das Müssen gegenüber der Politik auf ein Mindestmaß begrenzt zu sein hat, die Politisierung innerhalb eines demokratischen Gemeinwesens ist für den Einzelnen Option, nicht Zwang, nur in autoritären und totalitären Systemen ist der Einzelne dazu angehalten, sein Tun und sein Lassen immer und jederzeit an den Sprechweisen und Sprachregelungen des Politischen zu messen.

    Gut, okay, wir können also streiten, wenn wir wollen, aber ich weiß eigentlich nicht, ob ich das wirklich will, weil es mich doch wundert: so wenig Streit hattest du, dass du ihn jetzt suchen musst? Mich findet er ziemlich zuverlässig, eigentlich immer, hier schon wieder, und eigentlich kann ich ihn gerade gar nicht brauchen, weil ich eigentlich hier sitzen wollte und mich endlich wieder denken hören wollte, ich wollte endlich wieder einen klaren Gedanken fassen, zu mir kommen, zur Ruhe kommen.

    Ich weiß nicht, wo du warst, aber da, wo ich war, ist der Streit nie fort gewesen. Er wütete wie eh und je, nein, er ist schlimmer geworden, weil das, was ihn schon zuvor mehr und mehr verschärft hatte, jetzt zur allumfassenden Voraussetzung geworden ist. Die physische Kopräsenz, die Hannah Arendt in ihrer allzu oft und immer zu unrecht belächelten Theorie des Politischen als grundlegende Bedingung frei handelnder, menschlicher Gemeinwesen erkannt hatte, ist jetzt noch viel weniger möglich, ist jetzt noch viel mehr auf ihre medialisierten Surrogate verwiesen, auf deren inhärente Dynamiken und Zurichtungen – und dabei vor allem auf die Lautstärke, die sich algorithmisch so gut macht, es ist wie bei Zoom, wer am lautesten ist, erscheint im Vollbild und bekommt die ungeteilte Aufmerksamkeit.

    Ich kann nicht denken, wenn’s laut ist. Ich kann nicht lesen, wenn’s laut ist. Und schreiben kann ich dann auch nicht. Und wenn ich sofort etwas sagen soll, sofort etwas meinen soll, mit herummeinen soll, bin ich so hilflos wie alle, die gerade versuchen, mit Sinn und Verstand auf ein klitzekleines Wesen, nein, Ding zu reagieren, das wir uns von Atemweg zu Atemweg zuhauchen, bis wir irgendwann, vielleicht, durchseucht sind, immun sind, oder auch nicht.

    Um anders zu sprechen, braucht es Zeit. Sonst spreche ich wie alle. Und alle gibt es ja schon. Die können selber sprechen. Dafür brauchen sie mich nicht.

    Oder ist dir jeder Versuch des Schauenlernens, des Hinhörens, alle Desautomatisierung von Wahrnehmung und Sprache, schon wertlos geworden, nichts als „harmlose, poetische Betrachtung[]“? Müssen wir jetzt alle diskursiv mobil machen, eine virologische Komplettexpertise behaupten, über die wir unmöglich verfügen können, nur um irgendwen als Insgebüschspringer zu geißeln? Als „Verrückte“? (Übrigens ist die rhetorische Pathologisierung des angenommenen Diskursgegners, da du ja selbst die deutsche und österreichische Geschichte erwähntest, eine eher belastete Tradition.)

    Es ist ein Missverständnis, den demokratischen Diskurs mit chorischem Bekenntniszwang zu verwechseln, Chor und Gegenchor, bist du für uns, bist du gegen uns. Es gibt sie, die Orte, an denen gestritten wird, und es soll noch Orte geben, an denen man diskutiert, statt zu streiten. Und es ist gut, dass dem so ist, und es ist gut, dass dort jede und jeder im Takt der Ticker Position beziehen kann. Aber es gibt auch andere Orte. Sie mögen sich seltener äußern, langsamer auch. Sie mögen leiser sein. Und von einigen mögen sie deshalb als harmlos verspottet werden.

    Aber sie sind es, die noch da sind, wenn das Licht einmal aus ist.
     
    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 4.5.2020
    Christoph an Roberta (V)

    Brief 9: Zunächst einmal bin ich natürlich ganz bei dir …

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    Liebe Roberta!

    Zunächst einmal bin ich natürlich ganz bei dir: Spekulationen sind das, was sie sind, nämlich nichts als Mutmaßungen, Gedankenspielereien mit unabsehbaren Folgen. Vielmehr ging es mir darum, dass ich bei uns einen offenen Diskurs vermisse, auch einen Dissens, eine Meinungspluralität, hier, in diesem nicht zuletzt durch Einwanderung und ethnische Diversität geprägten und folglich an Kultur- und Denkweisen eigentlich so vielfältigen Land. Alle haben – was anfangs sicher ein Gebot der Stunde war – sprichwörtlich an einem Strang gezogen. Und zugegeben: Der politische Konsens über Parteigrenzen hinweg war für den Moment sogar eine gewisse Wohltat, eine Politik, augenscheinlich bar jeder Verdunkelungstaktik und fernab jenes noch fast jede Aussage verweigernden Enthaltungsmusters, das mir immer mehr als das Hauptparadigma in unserer politischen Landschaft erscheint.

    Aber Umsicht bedeutet nicht nur, vernünftige Entscheidungen zu treffen (und sie mussten rasch getroffen werden), sondern sie auch mit derselben Vernunft zu kommunizieren. Vielleicht hätte in dieser Hinsicht die öffentliche Verlautbarung durch unabhängige Experten und Expertinnen dem Eindruck vorgebeugt, es handle sich ein wenig um eine Inszenierung, um ein effektvolles Stagediving im potenziellen Wählerauditorium. Der gegenwärtige Seniorpartner der Regierung kratzt immerhin laut aktuellen Meinungsumfragen an der Absoluten, eine Partei, pardon, Bewegung, die – wie gesehen – keine Skrupel hat, zum Machtgewinn eine Koalition mit den Rechtsrechten einzugehen. Ähnlich exponentiell, wie die Infiziertenzahlen anfänglich gestiegen sind, nahmen auch die Maßnahmen zu, und dies kommunikativ in einer, wie ich finde, immer weniger temperierten, nur bedingt kalmierenden Art und Weise. Angst als Motor. Und die Wesensverwandtschaft zum Schrecken, also Terror, ist eine ersten Grades. Dramatik und Fatalismus haben sich mit jedem Mal verstärkt. Dass diese Vorgehensweise Spekulationen befeuert, finde ich nur mäßig überraschend.

    Und ja, es ist ein Privileg, diese Dinge aussprechen zu dürfen, obwohl: Die Zeiten können sich schnell ändern. Presse- und Meinungsfreiheit kann auch einfach dahingehend ausgelegt werden, dass – so wie es beispielsweise unser ehemaliger Innenminister empfohlen hat – kritische Medien möglichst frei von einer Meinung bleiben sollen, indem sie einfach nur noch über das Nötigste vonseiten der Polizei informiert werden, von den direkten und nicht gerade wenigen Anfeindungen bestimmter namhafter Journalisten ganz zu schweigen. Da nimmt es auch nicht Wunder, dass Österreich im Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen weiter Plätze eingebüßt hat.

    Aber was soll man in diesem Zusammenhang bloß zu Ungarn sagen? Eigentlich verschlägt es einem ja die Sprache. Und erst zur Europäischen Union. Euphemistisch gesprochen führt sie sich selbst ad absurdum. Weniger beschönigend ausgedrückt hat sie vielleicht ihr letztes Quäntchen Glaubwürdigkeit eingebüßt. Denn nach wie vor ist die EU in ihrer Grundintention ein Friedensprojekt, wenn auch – führt man sich die Urinstitution der EGKS vor Augen – eines, das auf ökonomischen Ideen fußt. Aber Friede existiert nur, wo es Freiheit gibt. Alles andere ist ein diktierter Scheinfrieden. Das – wenn auch unter Vorbehalt – große Schweigen der Europäischen Union macht sprachlos. Der Eindruck, dass sie die Ouvertüre zum eigenen Abschiedsoratorium angestimmt hat, ist ein tiefgreifender.

    Überall grünt und sprießt und farnt es. Beinahe getraut man sich schon nicht mehr, die Natur schreibend zu betrachten, mit ihr auf diese Weise in Kontakt zu treten, ohne Gefahr zu laufen, als Adept eines verklärenden Romantizismus gestempelt zu werden. Etwas zu sagen von Relevanz, darum muss es gehen, darum muss sich ja alles drehen. Und doch: Ist es für die Begegnung mit der gegenwärtigen Zeit(enwende) nicht auch vorteilhaft, das ruhige und ruhende Auge auf dem scheinbar Unwesentlichen zu schulen? – Das gravitätische Wiegen der Baumkronen im Wind. Der Fluss mit seinem Schwemmholz uferlang. Das Sekundenticken der Uhr, das unaufgeregte Sekundenkreisen auf dem Ziffernblatt einer Bahnhofsuhr.

    Es grüßt dich herzlich,

    Christoph

     

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 30.4.2020
    Verena Rossbacher an Yannic Han Biao Federer (I)

    Brief 2: Was soll ich sagen …

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    Tja, lieber Yannic.

    Was soll ich sagen. Jetzt habe ich ewig gebraucht für die Antwort auf deinen ersten Brief, ehrlich gesagt, weil ich diverse Entwürfe jeweils wieder verworfen habe. Ich finde es derzeit nicht so einfach, Briefe zu schreiben – wiewohl ich normalerweise außerordentlich gerne Briefe schreibe, Briefe schreiben ist total herrlich und für Autoren ja recht eigentlich ein eins-a Spielplatz, du weißt schon, einer von denen mit Seilbahn und allem.

    Und jetzt quäle ich mich damit herum und muss feststellen: Ich habe jede Leichtigkeit verloren, Spielplätze waren früher irgendwie anders, besser halt, die Schaukeln reißen mich nicht mehr vom Hocker, rutschen, ich weiß auch nicht, und die Seilbahn, naja. Anstatt alles unglaublich aufregend zu finden und mich lustig ins Getümmel zu stürzen, sitze ich blöd auf der Bank und grüble. Nur Langweiler sitzen auf Spielplätzen auf der Bank, darüber sind wir uns ja wohl einig, und plötzlich finde ich mich mitten unter ihnen und: Kann auf deine Spielangebote nicht mehr eingehen.

    Worüber ich grüble? Ich bin so hin und her gerissen. Ich befinde mich nachgerade in einem Dilemma: Wir kennen uns nicht, du und ich, wir sind ganz zufällig zu Briefpartnern geworden und unter normalen Umständen, sprich, in Non-Corona-Zeiten, würden wir uns einander höflich und gemächlich annähern (um auf dem Spielplatz zu bleiben: Erst mal nur harmlos nebeneinander her sändeln), wir würden umsichtig abtätscheln, wo der andere eigentlich steht (backt er Kuchen oder arbeitet er an einer regelrechten Burganlage?), wie er so tickt (Matsch oder Trockenmasse), vielleicht also würden wir über Bücher sprechen, über Hobbys, über die bezaubernde Luzidität junger Buchenblätter. Ich spreche rasend gerne über Bücher und Buchen, und Hobbys sind eh super, zum Beispiel gehe ich seit Jahren joggen (wir kommen noch darauf).

    In diesen Zeiten aber ist das anders. Ich fürchte, gerade müssen wir uns ein paar Manierlichkeiten schenken und ein bisschen miteinander streiten.

    Warum in aller Welt?!, denkst du jetzt vielleicht entgeistert, was hab ich der fremden Frau getan? Ich schreib der ein paar harmlose, poetische Betrachtungen, Eiskugeln, Bagger, da kann man doch prima drauf aufbauen, aber nein, die macht gleich ein Fass auf?

    Du hast vollkommen Recht. Eiskugeln und Bagger wären ja quasi das Sandförmchen, das du mir reichst, das Schäufelchen zum gemeinsamen, einträchtigen Schaufeln.

    Jetzt aber sitze ich auf der Bank und denke: Ich habe keine Zeit fürs Sändeln und Rutschen – übrigens absolut nicht, weil Rutschen kindisch wäre, Autoren finden kindische Sachen schön, ich finde kindische Sachen schön, ich bin immer gerne gerutscht und ich wünsche mir nichts mehr, als bald wieder nur noch rutschen zu können, Rutschen ist groß.

    Aber gerade denke ich, wir können nicht rutschen, wir müssen streiten, weil zu wenig gestritten wurde, in einer Sache, in der der Streit unabdingbar gewesen wäre und dringend nötig, von Anfang an. Er wäre in der Politik dringend nötig gewesen, aber die Opposition hatte den Betrieb eingestellt. Er wäre in den Medien dringend nötig gewesen, aber der kritische Diskurs fiel schlicht und einfach aus, und nicht nur das: Kritik galt ab sofort als Verschwörungstheorie. Er wäre in persönlichen Beziehungen dringend nötig gewesen, aber jeder zog sich in seine Privatsphäre zurück. Er wäre unter Intellektuellen, Autoren und Künstlern dringend nötig gewesen, aber wir haben zu lange geschwiegen. Er wäre dringend nötig gewesen, in allem, und er wäre in einer funktionierenden Demokratie vollkommen normal und selbstverständlich. Diesen Total-Ausfall halte ich für derart dramatisch, dass ich dir gar nicht sagen kann, wie sehr er mich erschüttert. Er erschüttert mich derart, dass ich keine Freude mehr habe am Spielen. Da du ja selbst weißt, wie wichtig das Spielen ist, ahnst du vielleicht, wie es mir gerade geht. Und wie sehr es mir fehlt.

    Und darum finde ich: Zumindest wir, du und ich, sollten miteinander streiten, wie es unter mündigen Bürgern einer Demokratie angemessen ist.

    Das ist also mein Dilemma. Ich möchte sehr nett zu dir sein, wie ich zu Fremden, die vielleicht zu Freunden werden könnten, gerne nett bin. Aber ich muss mit dir streiten, vielleicht, weil ich hoffe, dass wir dadurch Freunde werden könnten. Denn daran, soviel wage ich jetzt schon zu sagen, daran wird sich in Zukunft Freundschaft messen lassen müssen: Wie wir in dieser Sache denken, um was wir gestritten haben, was verhandelt und gefordert und wie gehandelt.

    Reden wir darum über Hobbys. Stichwort Jogger.

    Die Leute also, um die du so sorgfältige Bögen machst, denen du so großflächig aus dem Weg gehst, lachen oder schauen dich an wie ein Ungeheuer? Als wärst du, bringen wir es auf den Punkt, verrückt? Nun ja – es ist auch verrückt. Ich gehe selbst spazieren und Leute bleiben stehen, um mich vorbei zu lassen, ich gehe joggen (Hobby) und Leute flüchten sich ins nächste Gebüsch, und ich denke mir: Das sind Verrückte. Noch ein paar mehr, die sich ins Gestrüpp stürzen und sich an Mauern drücken, wenn ich nahe, und ich muss ein paar Scheibenwischer vor dem Gesicht machen, derart verrückt ist es.

    Schau. Du wirst – und wenn du dich auf den Kopf stellst – beim Vorbeigehen niemanden, wirklich absolut niemanden anstecken. Du wirst auch nicht angesteckt werden. Es ist nicht möglich. Außer du – und ich unterstelle dir freundlich, dass du das auch vor diesem fahrlässigen und sinnlosen, kosmischen Debakel, in dem wir uns nun befinden, nicht getan hast – außer du bist hochinfektiös, also hustend und prustend und nicht nur das, du hustest und prustest deinen Weggefährten aus nächster Nähe ins Gesicht. Mir persönlich ist das noch nie passiert, ich persönlich habe das noch nie gemacht, ich persönlich kenne niemanden, der das je gemacht hat und auch du wirst, so sehe ich persönlich das, das nie gemacht haben.

    Interessant ist zweierlei: Du findest das Verhalten der Frau als auch des Joggers merkwürdig. Warum findest du dein Verhalten nicht merkwürdig? Weil die Regierung sagt, dass man sich so verhalten soll? Also gut, die Regierung sagt, wir sollen uns so verhalten. Heißt das automatisch, dass es richtig, dass es sinnvoll ist? Nein, das heißt es nicht. Wenn wir etwas lernen müssen in diesen aufgebrachten Zeiten, dann dies: Wir müssen uns selber darüber informieren, was richtig ist und was falsch. Da die Massenmedien nach Wochen erst – nach Wochen! – sich irgendwie daran erinnern, was eigentlich ihr Job wäre, nämlich ein breites, vielfältiges und durchaus widersprüchliches Bild der Lage zur Verfügung zu stellen, auf dass wir Bürger uns eine eigene Meinung bilden können, kommt man nicht umhin, mal bei den sogenannten Verschwörungstheoretikern vorbei zu schauen. Interessanterweise waren diese Verschwörungstheoretiker vor diesem Desaster mitnichten Verschwörungstheoretiker, nein, es waren  – und es sind -, namhafte Wissenschaftler (Prof. Dr. Bhakdi, Prof. Dr. Ioannidis, Prof. Mölling, um nur einige wenige zu nennen) – oft namhafter und erfahrener, wohlgemerkt, als die paar Experten, sprich: Virologen, die den derzeitigen Diskurs bestimmten. Und sie sagen andere Dinge, als ein Christian Drosten uns sagt und eine Angie Merkel. Und plötzlich gerät die scheinbare „Alternativlosigkeit“, die gerne ins Feld geführt wird, ins Wanken. Stimmt das eigentlich, was da gesagt wird? Diese Frage muss man sich stellen, und man hätte sie von Anfang an stellen müssen. Nein, nicht man: Wir.

    Das mit dem Leute-Umrunden und Aus-dem-Weg gehen stimmt jedenfalls nicht. Es ist ein Mythos. Du wirst nirgends, von keinem Experten, irgendeinen Beleg dafür finden, dass sich beim Vorbeigehen Leute anstecken. Es ist reines Placebo. Es ist verrückt.

    Das Zweite, was ich interessant finde, ist, dass ich mich frage: Welches Verhalten der Frau und des Joggers fändest du denn angemessen?

    Wie gesagt, ich spaziere und jogge ja auch mal gerne und werde von Leuten im großen Stil umrundet, als hätte ich – jaha!: Als hätte ich die Pest (nur, damit wir uns mal wieder die Verhältnismäßigkeit des Ganzen klar machen). Ausdruckslos schaue ich sie an – ausdruckslos, weil, ich erwähnte es, ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht wischi-waschi vor dem Gesicht zu machen, ausdruckslos ist das absolute Maximum an Höflichkeit, was ich zustande bringe – und wie schauen die Leute zurück? Ich würde sagen: Irgendwie beleidigt, gekränkt regelrecht, bis hin zu: aufgebracht.

    Was wollen diese Menschen? Was willst du?

    Sollen wir euch dankbar zulächeln? Quasi der wandelnde Daumen-Hoch? Falls ja (ich unterstelle das jetzt einfach, irre unfair, wie das halt so ist, wenn man sich ein bisschen streitet, ich werde mich SOFORT entschuldigen, wenn ich dir Unrecht getan haben sollte!), also, falls ja: Warum? Wollt ihr Anerkennung für euer Wohlverhalten? Warum? Hier werden „keine Artigkeitsnoten verteilt“, wie Christian Lindner (eigentlich not my favorit, ich schwöre, aber gerade wird ja das Unterste zuoberst gewurlt) das in der Bundestagsdebatte ziemlich treffend auf den Punkt brachte.

    Klar, ich versteh schon: Jeder Schüler mag gerne vom Lehrer gelobt werden. Es kann der letzte Blödsinn sein, was der Lehrer da verzapft, aber wenn er mich mit Lob belohnt, lerne ich es, ohne nach dem Sinn des ganzen Krams zu fragen. Das ist das Perfide. Wenn einer geschickt ist darin, dich aufzubauen und dir ein gutes Gefühl zu geben, hat er dich in der Tasche. Du wirst dann blind auch das Falsche tun, weil es gut tut, wertgeschätzt zu werden.

    Und was haben wir derzeit? Alle klopfen sich wohlwollend auf die Schulter dafür, dass sie sich brav an die Regeln halten (#stayathome, #flatttenthecurve und Nicht-ohne-meine-Maske – was da halt so an coolen Mit-Mach-Spielchen durch die Netzwerke geistert), es ist, nicht zuletzt, gemeinschaftsbildend. Aber dieser Aktionismus verhindert auch, dass wir uns ganz grundsätzlich und angstfrei fragen: Was an dieser Geschichte stimmt eigentlich? Wo ist bei dieser Sache die gesunde Skepsis, die bei wichtigen Entscheidungen immer angebracht ist – und doch erst recht, wenn es um so viel geht? Was wären mögliche Alternativen? Zu denken und zu handeln? Ich finde es höchst merkwürdig, dass diese Skepsis und diese Fragen ausblieben – sie sind was ganz Normales und Wichtiges, sie dienen als Regulans.

    Ich meine, es ist angebracht, sich spätestens jetzt von dieser Art der Wohlgefälligkeit zu lösen. Dass eine Mehrheit etwas genau so für richtig hält und das auch nicht diskutieren möchte, hat noch nie geheißen, dass es auch das Richtige ist. Wir in Deutschland und Österreich sollten das sehr gut wissen.

    Ich bin als Kritikerin nicht in der Bringschuld, es bin nicht ich, die etwas beweisen muss. Die Regierungen, die Staaten, haben eine ungeheure Entscheidung getroffen, die ungeheure Folgen hat und noch lange haben wird, und sie sollten sehr, sehr gut beweisen, dass es richtig war. Dass es nötig war. Denn „Alternativlos“, sagt Juli Zeh zu dieser Sache, „ist ein anderer Begriff für „Keine Widerrede!“ und damit ein absolut undemokratisches Konzept.“

     

    Schau, ich streit hier alleine mit dir herum, dabei bist du vielleicht (wahrscheinlich, ziemlich sicher, also auf gar keinen Fall) auf Streit aus. Vermutlich tue ich dir, wie‘s beim Streiten halt so geht, gnadenlos unrecht, vermutlich vertu ich mich im Ton, vermutlich irre ich mich in allem Möglichen. Verzeih mir, falls dem so ist.  Gerade muss ich ein bisschen auf der Bank am Spielplatz sitzen und habe keine Lust zu spielen. Es ist so nett von dir, dass du vorbei kommst und mir deine Spielgeräte anbietest und dass ich zuerst auf die Seilbahn darf, unter allen anderen Umständen hätten wir einen grandiosen Tag mit Spielplatzfreuden verbracht und wären abends müde  aber glücklich nach Hause gekommen: Wieder ein durch und durch gelungener Autorentag. Aber weißt du: Ich denke, wir sollten alle miteinander aus der Deckung kommen. Lieber ist es mir, dass wir uns lauthals verrennen und uns dann entschuldigen müssen dafür, als zu Unrecht zu schweigen. Gerade passiert viel Unrecht. Magst du dich zu mir auf die Bank setzen und ein bisschen streiten?

    Ich möchte nicht von mir sagen müssen, ich hätte von nichts gewusst.

     

    Soweit.

    Herzliche Grüße,

    Verena

     

    Verena Rossbacher (* 1979), aufgewachsen in der Schweiz und Österreich, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt bei Kiepenheuer & Witsch erschienen: „Ich war ein Diener im Hause Hobbs“ (2018).

    Ihr Briefpartner ist der in Köln lebende Autor Yannic Han Biao Federer (* 1986).

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 29.4.2020
    Gabriele Bösch an Peter Gilgen (I)

    Brief 2: Es ist schön …

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    Lieber Peter,
    es ist schön, in diesen Zeiten ein Du geschenkt zu bekommen. Dieses Du ist mir wie eine Biene auf dem leuchtenden Löwenzahn, der jetzt zu verblühen beginnt. Bienen sind kostbar geworden. Ich habe heute gelesen, dass diese weltweiten Shutdowns den Transport der Bienenvölker zwischen den Ländern verhindern. Ein Bild aus China kommt mir in den Sinn: Menschen in weißen Schutzanzügen bestäuben die Blüten der Bäume von Hand. Menschen in weißen Schutzanzügen sind es auch, die jetzt andere Menschen untersuchen, behandeln und heilen. Die beiden Bilder überlappen sich in meinem Kopf und werden eins.
    Dein Du ist mir auch ein neuer Weg unter Wegen, deren wenige private oder kulturelle, die ich in der materiellen Welt noch zu gehen pflegte, man mir nun mit dem Shutdown genommen hat. Ich vermisse das Lachen in einer Theatervorstellung, das durch Betroffenheit ausgelöste Schweigen, das Verbindende in der Trennung, sich einmal jenen und dann wieder anderen zugehörig zu fühlen.
    Ich vermisse die Umarmungen meiner Freunde. Die seltenen Momente, in denen ich einen von ihnen treffe, weil ich etwas vorbeibringen muss, stehen wir maskiert vor der Haustüre, lächeln uns beschämt zu und halten zwei Meter Abstand voneinander, weil dies das Maß ist, das die mit 40 kmh vorbeifahrende Polizei vom Auto aus als tolerierbar diagnostiziert. Die Strafen, von oben verordnet, sind drakonisch. Ob es hier, im Weg unseres Briefeschreibens, auch eine Selbstverordnung zur Maskenpflicht und zum Abstandhalten geben wird, da wir wissen, dass unsere Briefe veröffentlicht werden?
    Das ist eine Frage, die ich mir seit Zusage zu diesem Projekt „Cara Roberta“ stelle. Ergo habe ich für mich beschlossen, meine persönlichen Zusagen, Absagen, mein Versagen auch, das viele Nicht-Sagen und das Einsagen von außen durch kolportierte Bilder zu beschreiben. Ich kann dir nämlich nicht viel von draußen berichten, da ich nicht viel unterwegs bin. Ich sitze in diesem Moment auf dem Balkon und blicke in den Garten. Der Flieder blüht, der Schneeball auch, und bald werde ich Holdersaft ansetzen. Es duftet in konzertierten Nuancen und die Tastatur ist voller Blütenstaub. Im Hühnerstall gibt es nun jeden Tag ein Ei zu ernten und das neue alte Hochbeet ist vorbereitet für die Anbausaison. In den letzten Wochen habe ich oft gedacht, dass wir gesegnet seien. Mit eigenen Walnüssen und Bärlauch vor der Haustüre, mit eingekochten Beeren und anderem Allerlei vom letzten Jahr lässt es sich sehr lange überleben. Diese (natürlich nicht allumfassende) Selbstversorgung ist mir seit Tschernobyl ein Anliegen gewesen. Damals war mein erster Sohn ein Jahr alt und ich habe die ersten Hamsterkäufe meines Lebens erlebt. Aber das weißt du ja, ich habe das an anderer Stelle schon beschrieben. Aber wusstest Du, dass es dort jetzt schon so lange brennt? Auch diesbezüglich überlagern sich Bilder in meinem Kopf. Wir haben in 34 Jahren nichts gelernt. Also schaue ich an diesem Sonntag in den Garten, höre die Vögel singen, sehe dem Spatz zu, der an einem Eck des Hochbeetes landet, die Kante entlang hüpft, was nicht unkompliziert ist für ihn, sehe, wie er auf die frische Erde kackt und davonfliegt. Eine kleine Selbstverständlichkeit wird zu einer Koordinate auf meiner Sicherheitskarte. Mao hat einst eine Hungerkatastrophe ausgelöst durch die Vernichtung der Vögel.
    Zurück zu den Wegen. Die beruflichen Wege gehe ich seit vier Jahren auf drei Beinen.
    Ein Bein heißt Altenbetreuung; an einer momentan wechselnden Zahl von Tagen in der Woche betreue ich eine alte Dame, die an Demenz leidet. Sie wird heuer neunzig. Die Tage mit ihr sind fallweise zeitlos. Wir machen alles, was wir machen, in einer Langsamkeit, die mich wohl allmählich zu prägen beginnt.
    Ein Bein heißt nach wie vor Literatur. Es gibt zwei Projekte, die wohl noch länger nicht abgeschlossen sind, aber ich habe auch hier keine Eile. Auch die Pausen zwischen den Sätzen meiner alten Dame prägen allmählich meinen Umgang mit Sprache und deren Inhalt. Ich nehme diesbezüglich einen Kredit auf die Zukunft. Nicht alles muss jetzt veröffentlicht werden.
    Das dritte Bein ist meine Arbeit im Atelier, das ich in Lustenau (der Nachbargemeinde von Hohenems) habe. Dort zeichne ich mit Tinte und Feder die Muster der Lebendigkeit des Lebens so wie ich sie verstehe. Es ist wohl ebenso ein Schweigen wie die intensivsten Momente mit meiner alten Dame ein Schweigen im Schweigen sind. Eine Form von Gebet. Eine stille Liebe.
    Alle drei meiner Beine fußen auf einer Einsamkeit, die ich selbst gewählt habe. Doch zunehmend mit der Zeit im Shutdown ist mir, als hätte man mir eine verordnete Einsamkeit über die schon vorhandene selbstgewählte gestülpt. Die Wörter verhallten in dieser Isolierschicht dazwischen, die Zeichen, die meine Hand mit der Feder auf das Papier brachte, waren nicht mehr jene, die sie sein wollten. Ich habe nicht mehr geschrieben und habe aufgehört ins Atelier zu gehen, in welchem ich zuvor intensiv für eine Ausstellung im Herbst gearbeitet hatte. Doch jetzt gibt es da ein Du am anderen Ende der Welt, und ich freue mich, dass wir uns direkt schreiben und nicht nur unsere Texte, verfasst zu einem bestimmten Thema, in einem Band nebeneinandergestellt, lesen.
    Dein Du ist mir übrigens auch wie die Auferstehung der Küchenuhr, die ich vor sechs Wochen abgehängt hatte. Ich habe die Zeit zwischen der Zeit verloren. Die Zeit ist an den Wechsel von Licht und Dunkelheit gebunden. Ich schlafe jetzt mehr als all die Jahre zuvor. Tagsüber wäre die Zeit an die vielen kleinen Wege meiner Finger gebunden. Im Nichtstun gibt es keine Orientierung. Das Denken kreist. Jetzt wird das Du zum heilenden Auftrag und ich danke dafür.
    Dabei hatte alles anders angefangen. Das erste Bild, das ich mit dieser weltweiten Krise verbinde, ist wieder eines aus China. Eine leere Stadt. Die Menschen sitzen in ihren Wohnungen, die Stadt ist in Viertel eingeteilt. Eine App sagt dir, ob du die Wohnung verlassen darfst, in welches Viertel du gehen darfst und in welches nicht. Ein App sagt dir auch, ob dein Nachbar infiziert ist oder nicht. Überwachung von oben. Überwachung auf Augenhöhe. Überwachung von innen, weil du ständig Fieber misst. Das hat mir Angst gemacht, mehr als das Virus. Irgendwo habe ich gelesen, wenn man den Menschen Freiheit und Gesundheit zur Wahl stellte, würden sie sich für Gesundheit entscheiden.
    Damals war China noch weit weg. Wir schrieben den 11. März. Ich war schon zwei Wochen vorher in keiner Art von Öffentlichkeit mehr gewesen, um meine alte Dame nicht unwissentlich anzustecken.
    Einen Tag später telefonierte ich mit meiner Tochter in Lissabon. Sie macht dort im Erasmusprogramm ein Auslandssemester. Sie sprach davon, dass man munkle, dass es bald einen Lockdown gäbe. (Ich musste das Wort erst nachschlagen. Zum ersten Mal im Leben bedauerte ich, keinen Fernseher zu besitzen.) Ich hörte sie am Telefon husten, sie hatte die letzten zwei Wochen eine Grippe gehabt. Zum ersten Mal machte ich mir Sorgen.
    Am 16. März kam dieser Lockdown. Ich weiß noch, wie ich den Arbeitsvertrag und den Mietvertrag für das Atelier ins Handschuhfach des Autos legte. Als ich an diesem Abend, es war schon dunkel, von meiner alten Dame nach Hause fuhr, waren nur fünf Autos auf der Rheintalautobahn unterwegs. Alle fuhren hintereinander mit nur 100 kmh. Keiner überholte. Es war, als wollten wir uns alle nicht gerne aus der Sicht verlieren. Als ich von der Autobahn abfuhr und bei der ersten Ampel hielt, fragte ich mich, wieso ich das tat. Kein Mensch, kein anderes Auto war zu sehen. Das war höchst seltsam. Ich dachte daran, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen meine Arbeit noch hatte, dass ich mich noch bewegen durfte, dass ich fast keine Einbußen erlitt und dass wir einen Garten hatten, der mit vielen Aufgaben auf uns wartete. Ich fühlte mich krisensicher. Und doch war da dieses Gefühl der Surrealität. Ringsum verschwand eine ganze Welt und mir wurde über Nacht „Systemrelevanz“ beschienen. Von der Systemkritik zur Systemrelevanz innerhalb von Stunden. Das Wort Zusammenhalt war in aller Munde und wurde in diesem Land von vielen Menschen in die Tat umgesetzt. Ich war tief berührt davon, dass die Vorarlberger Industrie z.B. sich plötzlich zusammenschloss und Schutzmasken für das medizinische Personal zu produzieren begann. Ich war froh, dass diese Krise vielleicht einen höheren Sinn barg.
    Dann korrespondierte ich mit meiner französischen Freundin. Sie schrieb mir, ihre Kinder, beide Ärzte, seien an der Front. Ich war schwer irritiert. Von Krieg war die Rede. Von Sieg war die Rede. Ich sah den offenen Grenzen zu, wie sie der Reihe nach umfielen. Ich weiß, das ist ein Bild, das nicht funktioniert, und doch war es in meiner Wahrnehmung so da – das mag an diesem Dominoeffekt liegen. Die Grenzen werden jetzt bewacht und da der Flugplatz unseres Landes gleich hier in der Nähe ist, hörte ich mitten in dieser gespenstischen Stille den Hubschrauber ständig starten und landen, alle anderen Flugobjekte waren vom Himmel verschwunden. Ich hörte unseren Innenminister uns zu Lebensrettern erklären, und dachte, dass das Wort sein Gegenteil enthalte. Es dauerte auch nicht lange und jene, die keinen der fünf guten Gründe hatten, das Haus zu verlassen, und draußen angetroffen wurden, zahlten saftige Strafen und wurden zu Lebensgefährdern erklärt, weil sie ja stille Symptomträger sein könnten. Tagtäglich wurden und werden im Fernsehen die Zahlen der Gefallenen in diesem Krieg veröffentlicht. Eine ganze Nation, ganze Nationen weltweit verfolgen an Bildschirmen jeden einzelnen Tod in Form einer Addition. Die Waffen in diesem Krieg sind Drohungen. Wenn wir uns nicht eingrenzen, sagt der Kanzler, haben wir mit hunderttausend Toten zu rechnen, dann wird bald jeder jemanden kennen, der einen Menschen verloren hat. Das sagt er mit einem Gesicht, das keinerlei Besorgung erkennen lässt. Und zusätzlich hält er sich selbst an den Händen, eine Mischung aus Faltung und Reibung. Botschaft und Gestik sind nicht kohärent. Das war am 30. März. Ab da schlichen sich seltsame Gedanken bei mir ein. Wenn wir uns nicht eingrenzen. Das heißt, wir werden alle zu Soldaten in diesem Krieg gemacht, zu feindlichen Soldaten sozusagen, da, wenn wir nicht unterlassen, der Krieg verloren geht. Gesunde Menschen werden zur Bedrohung verkehrt.
    Zuvor war ich ein gesunder Mensch gewesen. Dass ich durch meine Tätigkeit in der Altenbetreuung plötzlich zum systemrelevanten Menschen und gleichzeitig zur möglichen Lebensgefährderin erklärt wurde, ließ meinen Blutdruck in die Höhe fahren. Und das wiederum erschien mir so kurios, da ich mich doch vorher schon freiwillig an diese ganzen Beschränkungen gehalten hatte, um meine alte Dame nicht zu gefährden. Es muss an dieser Kriegsrhetorik liegen, dachte ich. Und als am 4. April die Bilder aus China zum Gedenken an die Coronatoten um die Welt gingen, da ging mein Blutdruck endgültig durch die Decke. Wie bringt man jeden einzelnen Menschen eines Staates dazu, zeitgleich für drei Minuten stillzustehen, egal ob er im Auto sitzt, in der U-Bahn unterwegs ist oder auf dem Feld arbeitet? Ich habe vor diesem Überwachungsstaat offensichtlich viel mehr Angst als persönlich vor dem Virus. Ich litt noch nie in meinem Leben an Bluthochdruck, deshalb suchte ich einen Arzt auf. Er verschrieb mir ein blutdrucksenkendes Mittel. Und so mutierte ich zu einem systemrelevanten Risikogruppenmitglied, das gleichzeitig eine potentielle Lebensgefährderin ist, da ich zu meinem Mann nicht auf absolute Distanz gehen kann, der ebenfalls ein systemrelevanter potentieller Lebensgefährder ist, da er nach wie vor in seiner Firma mit vielen, wenn auch jetzt mit weniger Menschen, arbeitet. Wir atmen dieselbe Luft, das lässt sich nicht vermeiden. Aber wir haben uns seit Wochen nicht mehr geküsst. Ich ermahne ihn des Händewaschens und hasse mich dafür.
    Meine alte Dame leidet auch. Wir haben, schon bevor die Altersheime das hier taten, Besuche untersagt und statt der täglichen Spaziergänge in die Stadt, um Kaffee zu trinken und allfällige noch verbliebene Bekannte zu treffen, einsame Gänge durch ein menschenleeres Viertel getätigt – sie mit dem Rollator, ich mit Maske. Am letzten Freitag blieben wir vor einem Zebrastreifen stehen, weil ich aus der Ferne zwei Radfahrerinnen entgegenkommen sah. Die erste Radfahrerin ist vorbei gesaust, die zweite bremste ab und blieb stehen. Ich sah ihr ins Gesicht und bedankte mich. Sie senkte ihren Kopf und sagte: „Ich danke Ihnen.“ Ich war verwundert, wieso dankte sie mir? Wieso senkte sie den Kopf? Erst viele Schritte später begann ich zu verstehen. Sie dankte mir dafür, dass ich meine Arbeit fortsetzte. Viele Betreuerinnen sind noch kurz vor dem Shutdown in ihre Heimat gereist. Nach Rumänien, in die Slowakei. Nicht alle konnten zurückkommen. Für jene, die blieben, wird es einen Bonus von 500 Euro geben. Man dankt hier den Menschen, die blieben, um das System aufrechtzuerhalten, aber der Betrag ist lächerlich, er ist wohl am Lohn für zwei Wochen gemessen. Dieses Virus deckt viele Missstände auf, auch und gerade im Betreuungssystem.
    Ich habe gemerkt, dass diese Arbeit mich zunehmend belastet. Nicht die Arbeit selbst, aber dass ich jetzt Nasenmundschutz und Handschuhe tragen soll. Berührung ist für alle Menschen wichtig, speziell für demente Menschen. Vor vier Jahren habe ich diese Berührungen eingeführt, sie haben meiner alten Dame über viele Stunden der Angst, die sie immer dann entwickelte, wenn ein Bewusstseinsfenster sich öffnete, und ihr klar wurde, was sie alles verliert, hinweggeholfen. Diese Berührungen – und mich kennt sie nicht am Namen oder am Gesicht – mich erkennt sie an meinen Berührungen. An der Sprache und am Inhalt der Gespräche. Ahja, Sie sind das, sagt sie dann. Diese Berührungen soll ich mit Handschuhen machen? Das geht nicht. Sie würde in noch mehr Isolation verfallen. Darum halte ich Abstand zu meinem Mann. Was, wenn ich die Überbringerin des Virus wäre? Hier in Österreich und auch in Frankreich hört man, die ersten Untersuchungen und Vorbereitungen von Klagen in Bezug auf Altersheime und das Versagen der Leitung seien schon im Gange. Laut WHO seien 50% der Todesfälle nach einer Infektion mit Corona in Europa in Pflegeeinrichtungen vorgekommen. Es ist so schwer, die Menschen in Heimen zu schützen. Irgendwo habe ich gelesen, in Schweden hätten die Putzfrauen, die auch in Hotels arbeiten, das Virus in die Heime gebracht. An diese Möglichkeit hatte ich gar nie gedacht. Diese armen, armen Putzfrauen. Und es bleibt völlig ungesagt und unbescholten, dass die einzelnen Regierungen im Jänner die Hilfe der EU ausschlugen -wochenlang gab es nirgendwo genügend Schutzausrüstung (schon wieder so ein Kriegsbegriff).
    Ich weiß noch nicht, wie ich weiter mit dieser Situation umgehen werde. Als ich im Jänner eine schwere Grippe hatte, bin ich meiner alten Dame ferngeblieben, bis ich mich wieder gesund fühlte. Da handelte es sich um zwei Wochen. Jetzt ist die Situation eine andere. Immer öfter taucht der Gedanke auf, meine Arbeit in der Betreuung aufzugeben, weil ich den Wunsch hege, meine Kinder wiederzusehen, sie zu umarmen und mein Enkelkind zu knuddeln. Der Kleine ist ein Jahr alt und braungebrannt, wie ich auf Fotos sehe. Ich betrachte ihn, die pure Lebendigkeit, während Tränen auf die Tastatur fallen. Vermischt mit dem Blütenstaub ergeben sie ein seltsames Muster.
    Hunderttausend Tote. Diese Annahme vom 30. März. Der Stress, den das in mir auslöste. Und eine gefühlte Woche später kündigt der Kanzler das Hochfahren des Tourismus für Mitte Mai an. Dieses technische Wort Hochfahren, als wären Menschen Maschinen. Dieselbe Mimik und Gestik wie bei der Ankündigung der hunderttausend Toten. Ich hatte mich auch für gezielte Öffnungen ausgesprochen, weil die produzierte Arbeitslosigkeit gigantisch ist. Ich hatte allerdings an die kleinen Geschäfte gedacht, an kleine Lokale, an kleine kulturelle Veranstaltungen und kleinere Betriebe, wo Kontakte überschaubar bleiben. Aber der Tourismus? Wo doch die allergrößte Zusammenrottung des Feindes (des Virus) in Ischgl geschah, von wo das Virus in die ganze Welt transportiert wurde? Ich war entsetzt. So viel nationale Anstrengung und Entbehrung, um den Tourismus wieder anzukurbeln? Wo hier und jetzt immer noch Polizei in den Bergen kontrolliert, ob man den Abstand wahrt, was mir das Wandern vermiest? Wie passt das alles zusammen? In meiner Naivität nahm ich an, dass der Kanzler und sein Beraterstab sich wohl verrechnet hatten. Ich dachte, wir hätten längst eine Herdenimmunität erreicht, die Herdenimmunität gegen Kritik. Bürgerrechte fallen reihenweise, zwar mit Ablaufdatum der Einschränkung versehen, aber aufgrund der Sprache der Kommunikation ist mir deutlich unwohl. Der Kanzler hat sich nie zur Ausschaltung des Parlaments in Ungarn geäußert. Was, wenn ihm das gefiele? Was, wenn er, jetzt auf dem Höhepunkt der Umfragewerte, eine dritte Regierung sprengte? Ich traue ihm und seiner Partei nicht zu, die richtigen Konsequenzen aus dieser Krise zu ziehen. Die anstehenden, vielfachen Dürren werden es zeigen.
    Auf einer anderen Ebene habe ich das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben. Eine Geschichte. Versteckt in all diesen Büchern im Regal. Ich stehe davor und mir fällt der Name des Autors nicht ein. Es ist ein Mann, ich tippe auf Raymond Carver. Das Cover, das ich vage im Kopf hatte, passt aber nicht. Es ist jedenfalls ein Amerikaner. Ich habe die Bücher, so gut es geht, nach Ländern geordnet. Aus unerfindlichen Gründen ist T.C. Boyle woanders hingeraten. „Moderne Liebe“ heißt die Geschichte, Du kennst sie sicher, was erzähle ich Dir da. Diese Lust an abartigen Krankheiten, die gleichzeitige Angst davor, das Ganzkörperkondom, in welchem die beiden jungen Liebenden miteinander schlafen. Die umfassende Arztuntersuchung bis hin zur Genetik, die der junge Mann über sich ergehen lassen muss, damit sie mit ihm zusammenbleibt. Nach der Untersuchung hört er nichts mehr von ihr. Er erfährt weder von ihr noch vom Arzt, an welchem nicht sichtbaren Makel er leidet. Er ruft sie an. Sie ist ablehnend. Er sagt: „Aber wir waren uns doch so nahe!“ Sie sagt: „So nahe dann auch wieder nicht…“.
    Abstand. Keine Berührungen. Das „New Normal“ aus Boyles Geschichte wird jetzt im Silikon Valley verkündet, daran wird dort von den Start-Ups mit Lichtgeschwindigkeit gearbeitet. Wir werden nach Corona in einer Gesellschaft leben, die ohne Berührung auskommen will, so tönt es. Touchless am Flughafen, beim Shopping usw., weil die mögliche Bedrohung durch Pandemien und Grippewellen bleibt. Touchless in Altersheimen, da wir die Menschen dort jetzt nicht schützen konnten? Eine solche Welt verliert für mich an Wirklichkeit.
    Eines der wichtigsten Muster der Lebendigkeit des Lebens ist der Spalt. Im synaptischen Spalt wird ein elektrisches Signal in ein chemisches umgewandelt. So findet Austausch statt. Und so mag ich mit dir hoffen, dass wir als Art chemische Radikale uns in neuem Denken verbinden. Eines der wichtigsten Lebensprinzipien ist jenes der Osmose. Vielleicht, so mag ich denken, ist die Erscheinung der weltumspannenden Unsicherheit eine Art semipermeable Wand, an der sich ein Konzentrationsausgleich zum Überleben der Zellen abspielt. Vielleicht gelingt es den vielen kleinen Initiativen der momentan gelebten Solidarität sich in den Köpfen der Menschen mehr festzustecken als der Glaube an die Überlegenheit des Wettbewerbs, der so viel Armut produziert.
    Es ist Abend geworden, die Lufttemperatur ist schlagartig gesunken, und ich muss den Sonnenschirm einholen. Gleich wird es regnen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute Abend eine Fledermaus gesehen habe. Ihr Flattern ist zur Zeit die letzte Bewegung in der Natur, die ich wahrnehme, bevor ich mich ins Haus zurückziehe. In den letzten Jahren ist es ein paar Mal geschehen, dass sich eine Fledermaus ins Obergeschoss verirrt hat. Da hilft nur, die Lichter alle auszuschalten und alle Fenster zu öffnen – und Geduld.
    So schicke ich Dir herzliche Grüße über den Teich in ein Land, in dem ich noch nie war.
    Alles Liebe,
    Gabriele

    Hohenems, 26. April 2020

     

    Gabriele Bösch (* 1966) arbeitet seit den 1990er-Jahren als Autorin und lebt mit ihrer Familie in Hohenems. Sie hat 2016 den Vorarlberger Literaturpreis erhalten. 

    Ihr Briefpartner, der Literaturprofessor Peter Gilgen (* 1963) lebt in Ithaca, New York.

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 29.4.2020
    Marjana an Christian (I)

    Brief 2: Dein Brief ist wunderbar …

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    Lieber Christian Futscher,

     

    dein Brief ist wunderbar. Ich danke dir! Auch ich habe einige deiner Bücher in meiner Bibliothek. Weißt du, welches ich ganz besonders liebe? – „Farblose Witze“. Es liegt gerade vor mir. Auf der ersten Seite steht:

     

    My name ist Fred

    I´m not afraid of being dead.

     

    Diese Worte entstammen dem Schnabel eines auf einer Landstraße stehenden Hahns. Er scheint zu lächeln, auf jeden Fall bestens gelaunt zu sein, und das, obwohl sein Federkleid ramponiert ist. Im Hintergrund sieht man einen sich entfernenden Geländewagen. Vor zehn Jahren, als dein kleines Bilderbuch erschien, fand ich diesen Fred einfach nur lustig. Je länger ich ihn aber jetzt betrachte, umso mehr Zweifel kommen in mir auf, was die Form betrifft, in der sich dieser Vogel befindet. Wurde er, da überall Federn herumliegen, vom Geländewagen angefahren und ist doch durch ein Wunder am Leben geblieben? Oder ist er bereits tot und steht als Geist mitten auf der Landstraße? Neulich habe ich in Tschechows Erzählung „Das Drama auf der Jagd“ folgende Zeilen entdeckt:

    „Psychiater berichten von einem Soldaten, der bei Waterloo verwundet wurde, den Verstand verlor und später jedem versicherte und selbst daran glaubte, dass er bei Waterloo gefallen sei und dass das, was man jetzt für ihn halte, nur sein Schatten sei, eine Widerspiegelung der Vergangenheit.“

    Noch eine Option, um auf den Fred zurückzukommen.

    In deinem Brief wirkst du sehr dynamisch auf mich, das ist kein Kompliment, bloß eine Feststellung. Ich frage mich, wie es wäre, dir gegenüber in einem Zugabteil zu sitzen. Würdest du viel reden, oder würdest du schweigend aus dem Fenster schauen? Hoffentlich lernen wir uns mal kennen, z. B. auf einer Zugfahrt in die Berge. Was meinst du, lieber Christian Futscher? Magst du Berge?

    Du fragst mich nach meinem Corona-Alltag. Es hat sich wirklich wenig verändert, außer dass ich noch zurückgezogener lebe als zuvor. Tagsüber schreibe ich an meinem Buch (es geht um die Welt der Düfte), abends bin ich im Stall bei meinen Pferden (ja, das stimmt). Sie sind verspielt, humorvoll, vielseitig interessiert und wach, und es macht mir viel Spaß, mit ihnen zu sein und von ihnen zu lernen. Das Wichtigste, was ich in den letzten Jahren von meinen Pferden gelernt habe, ist Taktgefühl. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören u.a.: Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff,Utz von Bruce Chatwin, Glut von Sandor Marai, Rot und Schwarz von Stendhal, Ein gewisses Lächeln von Françoise Sagan sowie Aus dem Tagebuch von Witold Gombrowicz. Momentan lese ich Der geträumte Duft von Jean-Claude Ellena. Einen runden Geburtstag habe ich erst in zwei Jahren. Mein schönster Geburtstag ist schon etwas länger her. Ich muss acht oder neun geworden sein. Es war eine große Party, die ich meiner Mutter zu verdanken habe. Damals arbeitete sie im Filmstudio von Odessa und lud meine gesamte Schulklasse zu einer Zeichentrickaufführung in einem der Kinosäle auf dem Gelände des Filmstudios ein. Am Ausgang gab es eine Schachtel Konfekt für jedes Kind. Bemerkenswert: Trotz dieser legendären Einladung änderte sich an meinem Außenseiterstatus in der Klasse nichts. Ob ich gern reise? Oh ja! Meine Reisen waren bisher Bildungs-, Lese- oder Vergnügungsreisen und meistens kurz. Und dein Brief war genau richtig. Ich freue mich auf deinen nächsten.

    Herzlichst

    Marjana

    Marjana Gaponenko (* 1981) lebt nach Stationen in Odessa, Krakau und Dublin heute in Mainz und Wien. Sie schreibt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr auf Deutsch. Für ihre Arbeit wurde sie u.a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet.

    Ihr Briefpartner Christian Futscher (* 1960), Autor von Lyrik, Hörspielen und Prosatexten, lebt seit den späten 1980er-Jahren in Wien.

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    UND SONST / 25.4.2020
    Online-Theater am Tisch

    Quelle: Theater am Tisch

    Als Theater am Tisch entwickeln Willi Häne und Marcus Schäfer immer wieder ganz eigene szenische Lesungen. Den Lockdown haben sie genutzt, um einen ihrer liebsten Stoffe in neuer Form zugänglich zu machen: als Hörstück in vier Teilen, die sie über vier Wochen „jeder für sich zuhause, quasi im homerecording“ produziert haben.

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    Das Weltbild der Igel von Peter Kurzeck ist ein Text, der sich besonders gut zur Heimausstrahlung eignet. Der Erzähler sitzt zuhause in der Küche und erinnert sich …

    Mittlerweile ist die Reihe vollständig, Teil 1 findet sich hier.

    Wir zitieren Marcus Schäfer: „Viel Spass beim Hören! Peter Kurzeck ist ein Zauberer, dessen Texte glücklich machen!“

    Theater am Tisch: DAS WELTBILD DER IGEL von Peter Kurzeck. Dauer ca. 4 x 15 Minuten; Sprecher: Marcus Schäfer; Sounds und Produktion: Willi Häne. Mit freundlicher Unterstützung des Verlags Schöffling & Co.

    CARA ROBERTA. / 26.4.2020
    Roberta an Christoph (IV)

    Brief 8: Mit Spekulationen habe ich meine Schwierigkeiten …

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    Caro Christoph,

    faccio fatica con le congetture. Supposizione e giudizi che poggiano sulle apparenze probabili. Certo, economia e politica non hanno fama di proprietà trasparente, ma è anche vero che l’occultamento e la segretezza sono meccanismi perversi dei totalitarismi. Lungi da noi questa sottrazione.
    Eppure una sottrazione dei diritti è successa nelle ultime settimane anche in Europa, troppa concentrazione sull’epidemia ha fatto sì che accadesse senza grandi contrasti e resistenze.
    In un silenzio remissivo del tempo ora, l’Ungheria ha dato i pieni poteri al primo ministro, lo ha fatto senza limiti, ciò significa con rinnovo senza limite. Hanno sospeso la democrazia, una presa di posizione paradossale visto che il via libera è stato deciso dal Parlamento e appoggiato dal governo. L’Europa ha reagito poco, permettimi, non ha reagito proprio! Nessun provvedimento. Se non l’espressione di timore e di preoccupazione per il rischio di violazione dei principi dello stato di democrazia.
    Ecco Christoph, io credo che questo dubbioso comportamento non dovrebbe lasciare spazio a nessun tipo di esitazione. Emergenza virus? Nessun motivo giustifica l’autocrazia. Una tale concentrazione di potere non ha precedenti nell’Unione Europea, è un avvenimento che intossica profondamente i suoi ideali. Tutti i paesi dell’Unione hanno dovuto adottare misure difficili che hanno limitato i diritti civili dei loro cittadini. Orban ha messo in una “quarantena a tempo indeterminato” l’intera nazione, limitando la libertà di espressione e la libertà di stampa. Dovremo pur chiederci in quanto cittadini europei, se considerare ciò che sta accadendo in uno degli stati membri, come un qualcosa lontano da noi o come una grave minaccia al bene comune.
    Il bene comune, quello che esprime stato, repubblica. Lo stare pubblico.
    Ricordiamolo pure Christoph, lo stare pubblico in questo nostro epistolario, ha fatto sì che un compagno di percorso, ha dovuto prendere la decisione di non partecipare all’iniziativa, perché la sua corrispondenza sarebbe arrivata dal Giappone. Il timore di compromettere il suo soggiorno letterario ha zittito un contraccambio di percezioni e sentimenti.

    Non credo che in Italia sia stato impedito a qualcuno di esprimersi in riguardo a questa pandemia. Qui la consistenza numerica delle teorie è incalcolabile, le opinioni superano le teorie, solo le convinzioni si sono esaurite dopo una settimana dall’inizio. Ma c’è la libertà di espressione e finché ce l’abbiamo, direi che siamo salvi, nonostante il virus. Il diritto di esprimere la propria opinione e non essere impediti in questo, è un diritto riconosciuto dalla Dichiarazione Universale dei diritti umani.
    Così è scritto, scritto su carta e c’è scritto: universale. In astronomia universo è l’insieme dei corpi celesti, i pianeti, le stelle e le galassie. Dentro ci stiamo anche noi esseri umani e quindi dire “universale” è dire cosa giusta. E però dentro a questo “tutto intero” ci cuciniamo un intruglio di valori e principi morali, la storia e le storie, i linguaggi e le aspirazioni di pace e controllo e la somma di certe virtù che nemmeno sappiamo più quali sono. Vivande insomma, che ormai poco profumano di buono.
    Oggi è il 25 aprile, festa delle più belle, poiché ricorda la Liberazione d’Italia, scritta con la maiuscola e prima pietra nelle fondamenta di questa Repubblica. È alla resistenza di giovani coraggiosi che dobbiamo il riscatto della nostra libertà. Loro si sono dovuti inventare una strada che non c’era. La democrazia per costruirla, l’hanno prima dovuta sognare. Ci sono riusciti in mezzo a una situazione drammatica. Questo paese festeggia la Liberazione, lo fa con il sorriso sulle labbra, eppure continua a faticare, e ancora a faticare in una riflessione sul fascismo. Guardo volentieri i canali della televisione tedesca, lì al contrario ogni sera o quasi un documentario sul nazismo, continuamente, come a dire, non sarà mai abbastanza.
    Prima di finire questa lettera, ho fatto una camminata nel bosco dietro casa. Ho cercato un fiore che potesse porci in più stretta relazione, non l’ho trovato. Ci sono le soldanelle, l’anemone fegatella, se non altro, la loro bellezza. C’è troppa neve ancora, e la primavera quest’anno è incerta nell’agire. Ti consegno il mio sorriso, Roberta.

    ***
    Lieber Christoph,

    mit Spekulationen habe ich meine Schwierigkeiten. Annahmen und Beurteilungen auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeit. Sicher, Wirtschaft und Politik stehen nicht gerade im Ruf, leicht durchschaubar zu sein, aber es stimmt auch, dass Verheimlichung und Geheimhaltung abnorme Mechanismen totalitärer Regimes sind. Bleibe uns diese Manipulation erspart.
    Allerdings, eine Manipulation von Rechten hat in den vergangenen Wochen auch in Europa stattgefunden. Zu viel Konzentration auf die Epidemie führte dazu, dass dies ohne große Proteste und Widerstände passieren konnte.
    Zum jetzigen Zeitpunkt devoten Schweigens erteilte Ungarn dem Ministerpräsidenten unumschränkte Vollmacht, und zwar ohne Einschränkung, das heißt ohne zeitliche Beschränkung. Die Demokratie wurde ausgesetzt, eine paradoxe Entscheidung, wenn man bedenkt, dass diese vom Parlament beschlossen und von der Regierung unterstützt wurde. Europa reagierte kaum darauf, mit Verlaub, es reagierte überhaupt nicht darauf! Keinerlei Maßnahmen. Man äußerte sich höchstens besorgt und alarmiert zur Gefahr der Verletzung der Grundsätze des Zustands der Demokratie.
    Nun, Christoph, ich glaube, dass ein solch zweifelhaftes Verhalten null Spielraum egal für welche Art von Zögern lassen sollte. Eine Virus-Notfallmaßnahme? Kein Grund rechtfertigt Autokratie. Eine solche Machtkonzentration ist in der Europäischen Union beispiellos, es ist ein Ereignis, das ihre Grundwerte zutiefst vergiftet. Alle Länder der Union haben schwierige Maßnahmen ergreifen müssen, die die Bürgerrechte ihrer Bürger einschränkten. Orban hat der gesamten Nation eine „unbefristete Quarantäne“ verordnet und damit die Meinungs- und Pressefreiheit beschnitten. Wir werden uns als europäische Bürgerinnen und Bürger also schon fragen müssen, ob wir, was in einem der Mitgliedstaaten geschieht, als etwas weit Entferntes oder als eine ernsthafte Bedrohung für das Gemeinwohl betrachten wollen.
    Aber was ist das Gemeinwohl? Ist es Ausdruck des Staates, der Republik, der Öffentlichkeit? Unser öffentliches Sprechen, Christoph, ist zum Beispiel in diesem unseren Briefwechsel nicht selbstverständlich. Ich möchte daran erinnern, dass ein Teilnehmer an diesem Projekt sich entschieden hat, seine Beiträge auszusetzen, weil die Korrespondenz mit einem anderen Autor, der dem autoritären Regime in China kritisch gegenübersteht, sein Aufenthaltsrecht dort hätte gefährden können. Die Angst brachte einen verbalen Austausch zum Schweigen, der Wahrnehmungen und Empfindungen entfaltet hätte.

    Ich glaube nicht, dass in Italien irgendjemand daran gehindert wurde, sich zu dieser Pandemie zu äußern. Hier ist die zahlenmäßige Dichte der Theorien unüberschaubar geworden, Meinungen gibt es noch mehr als Theorien, lediglich Überzeugungen hatten sich bereits nach der ersten Woche erschöpft. Aber es gibt die Meinungsfreiheit, und solange wir sie haben, sind wir auf der sicheren Seite, würde ich sagen, Virus hin oder her. Das Recht, seine Meinung frei zu äußern und nicht daran gehindert zu werden, ist ein Recht, das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte anerkannt wird. So steht es geschrieben, schwarz auf weiß, und geschrieben steht: universell. In der Astronomie ist das Universum die Gesamtheit der Himmelskörper, Planeten, Sterne und Galaxien. Wir Menschen gehören dazu, insofern ist „universell“ auch die richtige Bezeichnung. Und mitten in diesem „alles Umfassenden“ mischen wir uns ein Gebräu aus Werten und moralischen Prinzipien, aus Geschichte und Geschichten, Sprechweisen und Bestrebungen nach Frieden und Kontrolle und der Summe aus bestimmten Tugenden, von denen wir nicht einmal mehr wissen, welche es sind. Zutaten kurzum, die inzwischen ziemlich verdorben riechen.

    Heute ist der 25. April, einer der schönsten Feiertage, weil er an die Befreiung Italiens erinnert, dem ersten und maßgeblichen Grundstein dieser Republik. Die Wiedererlangung unserer Freiheit verdanken wir dem Widerstand mutiger junger Menschen. Sie mussten sich einen Weg erfinden, den es vorher nicht gab. Um die Demokratie zu errichten, mussten sie sie zuerst erträumen. Es ist ihnen gelungen, obwohl die Umstände dramatisch waren. Dieses Land feiert die Befreiung, mit einem Lächeln auf den Lippen, obwohl es sich immer noch und immer wieder schwer tut mit der Aufarbeitung der eigenen faschistischen Vergangenheit.
    Ich schaue deutsche Fernsehsender, fast jeden Abend werden hier hingegen Dokumentationen zum Nationalsozialismus gezeigt, ständig, als wollte man zeigen, dass davon nie genug sei. Bevor ich diesen Brief beendete, machte ich einen Spaziergang in den Wald hinter dem Haus. Ich suchte nach einer Blume, die uns näherbringen könnte, aber ich konnte keine finden. Es gibt die kleinen Soldanellen, das Leberblümchen, ja, ihre Schönheit, zumindest. Es liegt noch zu viel Schnee und der Frühling verhält sich zögerlich in diesem Jahr. So überlasse ich dir für diesmal mein Lächeln, Roberta.

     

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 27.4.2020
    Christoph an Roberta (IV)

    Brief 7: Ja, der Löwenzahn blüht …

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    Liebe Roberta.

    Ja, der Löwenzahn blüht. Dieses von noch fast jedem Pfingstrosenzüchter und anderen Heimgärtnern ungeliebte Beikraut, das seine Wurzeln erstaunlich tief ins Erdreich schlägt. Ähnlich wie die Angst, die in unser Bewusstseinssubstrat gestreut wurde und schon jetzt nicht weniger erstaunlich stark verwurzelt zu sein scheint wie der Löwenzahn… Vieles bleibt Spekulation, zu so manchem sehe ich mich, trotz oder gerade wegen der von dir anfänglich eingemahnten Verantwortung, die uns als Schreibenden zukommt, nicht befähigt, eindeutig Stellung zu beziehen. Die Sachlage scheint mir zu komplex. Es kann also beispielsweise hier nur erwähnt werden, muss aber von mir mehr oder weniger unkommentiert bleiben, dass laut Erhebungen des Robert-Koch-Instituts, der ETH Zürich und auch der Ages der Reproduktionsfaktor in den jeweiligen Ländern bereits vor dem Lockdown teilweise deutlich unter den wichtigen Wert von R0=1 gesunken ist. Aufhorchen lässt auch eine Studie der Fachzeitschrift „Clinical Infectious Diseases“, wonach ein infiziertes Kind in Frankreich trotz Kontakten mit mehr als 170 weiteren Kindern kein einziges angesteckt hat, was auf eine untergeordnete Rolle Heranwachsender bei der Verbreitung des Virus schließen lassen könnte. Ich möchte mir nicht anmaßen, daraus irgendwelche (voreiligen) Schlüsse zu ziehen, allerdings werde ich den sich nach und nach verhärtenden Eindruck nicht los, dass vieles, was von der Politik als evidenzbasiert verkauft wird, eher einer trickreichen Jonglage mit Unbekannten und Dunkelziffern entspricht. Der Umstand, dass ein renommierter Gesundheitsexperte aus der hiesigen Covid-19-Taskforce ausgeschieden ist, weil er laut dem „Standard“ zum Dorn in dem vom Kanzler angestrebten konsensualen Wissenschaftsauge wurde und vor allem auch auf völlige Transparenz gegenüber der Bevölkerung pochte, lässt zudem hell- und hellsthörig werden.

    Eine schon weniger subjektive Wahrnehmung (wie du bereits geschildert hast) ist die Angstrhetorik und -symbolik, die nicht nur von der Politik, sondern auch von vielen Medien betrieben wird und wurde. Zur Regel geworden waren scheinbar dem Gravitationsgesetz übermäßig gehorchende Gesichtszüge ostentativ besorgter Moderatoren in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen und deren nachgerade defätistischen Ansagen, die immer mehr dem Regierungsprotokoll entliehen schienen. Experten gegenläufiger oder zumindest kritischer Ansichten kamen nicht zu Wort. Jedenfalls hat es sich vor einigen Wochen so verhalten, zwischenzeitlich habe ich aufgehört, diese Sendungen zu verfolgen. Nicht aufgehört hat dagegen die Pflanzung von Angstsetzlingen. Wenn auch verbal weniger martialisch als in Frankreich oder eben in Italien. Vonseiten der Politik war die Rede von Alternativlosigkeit, von der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg oder davon, dass schon bald jeder einen Corona-Toten kennen werde – das In-Erwägung-Ziehen einer Aufweichung des „in Zeiten wie diesen“ gemeinwohlerodierenden Datenschutzes inklusive. Und diese Rhetorik hat, wie ich finde, ihre Entsprechung in der Tragepflicht eines Mund-Nasen-Schutzes gefunden – ein kontrovers diskutiertes Thema. Eindeutig dagegen sind die psychosozialen Dimensionen, die Funktion der Maske als eine Art portables Memento mori, eine unverhältnismäßige Permanent-Vergegenwärtigung der unsichtbaren Gefahr um uns. Zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben, weiß der Volksmund. Angst und Panik, so das „Addendum“-Magazin, seien schlechte Ratgeber und hoch infektiös. So infektiös, dass man sogar Menschen allein in ihren Autos sitzend Schutzmasken tragen sieht. Als gälte es, sich vor sich selbst zu schützen.

    Der Löwenzahn. Verpönt bei den Gartenkultivierern, geliebt von den Kindern. Jedenfalls der reife, die Pusteblume. Seifenblasen nennt sie mein Kind. Weil die Samen wie Blasen durch den Luftraum schweben. Das Kind pustet einmal. Der Wind ist günstig, die Samenschirmchen werden hoch in die Lüfte verteilt. Wer weiß, wo sie landen und Wurzeln schlagen werden …

    Es grüßt aus V,

    Christoph
     

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 25.4.2020
    Christian Furtscher an Marjana Gaponenko (I)

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada. Die Idee: Fünf Wochen lang treten jeweils zwei Autor*innen, die sich bisher nicht persönlich kannten, in brieflichen Austausch – über Länder- und zum Teil auch Sprachgrenzen hinweg.

    Brief 1: Kurz nachdem ich gestern erfahren hatte …

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    Wien, 23. April 2020

     

    Liebe Marjana Gaponenko,

     

    kurz nachdem ich gestern erfahren hatte, dass wir uns in den nächsten Wochen Briefe schreiben würden, zog ich eines deiner Bücher aus dem Regal, das Buch Annuschka Blume, schlug es auf und konnte gleich zu Beginn lesen: „Liebe Anna Konstantinowna, es wird ein langer Brief werden. So einen Brief haben Sie in Ihrem Leben noch nicht bekommen. Sollten Sie ihn gewogen haben, haben Sie sicher bemerkt, dass er exakt das Gewicht einer Woche hat: dreißig Gramm! Ist das nicht entzückend?“ – Ich war entzückt, um dieses hübsche Wort aufzugreifen, als ich das las, und deutete es sofort als gutes Vorzeichen, was unseren Briefwechsel anbelangt. Und bei den 30 Gramm musste ich sofort an Dirk Stermann denken, der in der Sendung „Willkommen Österreich“ auf die Frage, wie viel Gewicht er während der ersten Woche in Quarantäne schon  zugenommen habe, geantwortet hat: „30 Gramm.“ Ich glaube, es war auch in dieser Sendung, dass einer vom Duo Maschek den folgenden Witz erzählte: „Sagt ein Mann zu seiner Freundin: ‚Lass uns heiraten!’ Sagt sie: ‚Ich kenne nur den weißen.’“ –  Ich bin stolz auf mich, dass ich den Witz nach einigen Sekunden intensiven Nachdenkens verstanden habe, er ist für mich schon jetzt der Witz des Jahres. Kleiner Hinweis zum Verständnis: „heiraten“ kann man auch so hören: „Hai raten“ … Liebe Marjana, ich hoffe, du hast jetzt nicht genervt ausgerufen: „Das kann ja heiter werden!“ oder so etwas Ähnliches.

    Wie gesagt, der Anfang deines Buches ist für mich ein gutes Zeichen, ich freue mich auf die Briefe von dir, unser Briefwechsel wird, wie ich schon in der E-Mail im Vorfeld geschrieben habe, eine Reise in die Ferne, ein Nachtflug, ein Tanz vor dem Gewitter … Diese drei Lyrikbände von dir stehen auch bei mir im Regal, außerdem noch zwei deiner Romane. Ich hoffe, du hast auch Bücher von mir, du musst nicht sagen, welche das sind. Schluss damit, reden wir von etwas anderem! Um auf Annuschka Blume zurückzukommen, hier vor meinem Fenster blüht derzeit eine japanische Zierkirsche in voller Pracht, d.h. es befinden sich schon mehr von den rosaroten Blüten unter dem Baum als auf dem Baum. Vorgestern gab es hier geradezu einen Blütensturm. Der Wind riss von den Bäumen die Blüten, wirbelte sie durch die Luft. Jetzt sind der Gehsteig und die Straße, vor allem der Straßenrand, dicht bedeckt mit den Blüten, man kann darin waten, es ist eine ganz besondere Zeit, sie dauert nur ca. zwei Wochen im Frühling, alle Jahre wieder warte ich darauf, und heuer hingen an der Zierkirsche auch sechs bunte Luftballons, die waren dort für mich aufgehängt, anlässlich meines runden Geburtstages, der anders ausfiel als geplant, ganz anders. Eigentlich wollte ich ihn in Venedig feiern. Ich hatte bei der Literar Mechana wieder einmal um die Wohnung in San Polo angesucht, in der Autorinnen und Autoren alle drei Jahre für ca. zwei Wochen gratis wohnen können, wenn sie wollen, ich hatte zum ersten Mal einen Terminwunsch geäußert, und der wurde mir erfüllt. Die Vorfreude war groß, ich würde den besonderen Geburtstag in Venedig feiern, meine Frau würde die ganze Zeit bei mir sein, mein Sohn fünf Tage, meine zwei Schwestern auch ein paar Tage, mein Busenfreund und seine Freundin hatten in einer nahe Pension gebucht, ich würde in der Cantina DO SPADE (Zwei Schwerter) feiern, eine Woche davor wollte ich im LÖWEN in Feldkirch vorfeiern – beides fiel ins Wasser, nicht einmal eine kleine Feier im WILD in Wien war möglich. Egal, ich bin eh kein großer Feierer! Mein Geburtstag letzten Sonntag war trotzdem großartig! Zum Essen kam unser Sohn, er saß zwei Meter entfernt von uns. Später standen wir am Fenster (wir wohnen Hochparterre), vor uns die blühende Zierkirsche, von meiner Frau zusätzlich verziert mit den Luftballons, unten auf dem Gehsteig inmitten der Blüten standen meine zwei Schwestern und mein Schwager, der Bruder und eine Nichte waren per Video auch kurz mit von der Partie, es gab Sekt, der Nachbar kam zufällig vorbei (er reichte mir später durchs Fenster ein Geschenk herüber, unsere Wohnungen grenzen aneinander), ein zweiter Nachbar kam vorbei, mit seiner Freundin, die beiden legten mir später Rosen und ein hübsches Kärtchen vor die Haustüre, Passanten machten lustige Bemerkung, freuten sich über die Sektpartie auf dem Gehsteig … Am Abend spazierten wir ca. 20 Minuten zu dem Haus, in dem der gute Ernst Molden wohnt. Pünktlich um 18 Uhr gab er auf seinem Balkon ein Konzert vor ca. 200 Leuten. Er wurde von seinem Sohn am Bass begleitet. Unser Sohn besorgte bei der nahen Tankstelle Bierchen – alles war perfekt. Ein ganz besonderer Geburtstag, unvergesslich.

     

    Wie schaut dein Alltag derzeit aus?

    Kannst du der „Corona-Zeit“ auch Positives abgewinnen?

    Ich habe gelesen, dass du Pferde sehr magst und sogar selber Pferde hast. Wir hatten bis vor kurzem eine Katze, sie hieß Chelsea und hatte Diabetes. Morgens eine Spritze, abends eine Spritze. Nach ihrem Tod war da plötzlich eine Fliege in unserer Wohnung, die sich ungewöhnlich verhielt für eine normale Stubenfliege, sie verhielt sich ähnlich wie die Katze. Wir schlossen sie ins Herz und gaben ihr den Namen Fritz. Fliege Fritz war unser neues Haustier. Wir recherchierten, wie lange eine Fliege lebt. Fritz lebte viel länger als angegeben. Er begleitete uns monatelang. Ich konnte lüften wie ich wollte, nie verließ Fritz unsere Wohnung. Er sah mir neugierig zu, wenn ich kochte, und wenn ich ein Buch las, ließ er sich auf der aufgeschlagenen Seite nieder. Er besuchte mich auch gern im Bett … Einmal, als ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nach Hause kam, flog er mir entgegen, berührte mich an der Nase, setzte sich auf meinen Arm … Jeden Tag freute ich mich darauf, Fritz zu sehen! Er war gern in unserer Nähe. Sah ich ihn einmal längere Zeit nicht, machte ich mir Sorgen. Die Wiedersehensfreude war jedes Mal sehr groß, auf beiden Seiten, wie ich meine. Als Fritz plötzlich tagelang nicht mehr auftauchte, mussten wir das Schlimmste befürchten. Aber bevor ich nicht seine Leiche gesehen hatte, weigerte ich mich zu akzeptieren, dass er tot war. Schließlich fand ich Fritz in einer Ecke des Wohnzimmers. Er war kleiner als zu Lebzeiten. Seither ruht er in einem offenen Grab: in einem Drehverschluss einer Weinflasche, Öffnung nach oben, im Bücherregal vor dem Buch Tubutsch von Albert Ehrenstein. – Ich habe dir jetzt von Fritz erzählt, obwohl mir meine Mutter quasi verboten hat, von ihm zu erzählen. Sie macht sich Sorgen um meinen Geisteszustand, d.h. sie macht sich Sorgen, dass man mich für plemplem halten könnte, wenn ich von Fritz erzähle …

     

    Dieser Brief ist ein Jungbrunnen für mich! Stell dir vor, ich fühle mich jetzt jünger als noch vor dem Brief. Ich bin schon neugierig, wie du auf ihn reagieren wirst. Ich liebe es, Briefe zu schreiben. Da darf ich Fehler machen, muss nicht druckreif sein. Und ich darf auch ausufernd sein. Darf ich doch? Dwarf heißt Zwerg und brief heißt kurz.

     

    * * *

     

    Nächster Tag, Fortsetzung

    Liebe Marjana, als ich gestern an diesem Brief schrieb, kam ein Anruf von meinem Freund Johnny herein. Ob ich ihn nicht am Donaukanal treffen wolle? Aber sicher, aber immer. Am Ufer sitzen, Sonne tanken, Bierchen trinken und dem Wasser beim Fließen zuschauen. Ich will dir kurz von Johnny erzählen.

    Er ist arbeitslos, war bis vor ein paar Jahren Nachtportier im besten und coolsten Hotel von Wien, im Kaiserhof am Brillantengrund. Musikgrößen wie Element of Crime, Rocko Schamoni, On + Brr  u.a. sind in dem charmanten Hotel abgestiegen. Ich habe Johnny immer wieder während seiner Nachtdienste besucht, einmal habe ich sogar Silvester dort gefeiert. Johnny hat viele gute Geschichten auf Lager, was das Hotel anbelangt, er hat dort viel erlebt. Vor ein paar Jahren ist seine letzte große Liebe gestorben, das war ein harter Schlag für ihn. Er hat fünf Kinder mit vier Frauen, die sich übrigens alle gut miteinander verstehen, bzw. verstanden, auch die vier Frauen. Er war früher zeitweise als Tanzmusiker und Schauspieler in ganz Österreich unterwegs. Er hat nach wie vor immer wieder große Pläne, tut sich aber schwer damit, sie in Angriff zu nehmen und in die Tat umzusetzen. Derzeit versucht er seit über einem Jahr, seine neue Wohnung wohnlich zu machen. Er haust in einem Durcheinander, das an einen Flohmarkt erinnert. Als ich das letzte Mal bei ihm war, sprach er davon, dass er seit Wochen überlege, wie er es angehen solle, die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Zum Glück habe er in Asien vom Buddhismus gelernt, dass ein Berg aus Sand auch dann irgendwann verschwindet, wenn eine Taube täglich nur ein einziges Sandkorn entfernt. Ich rief aus: „Mann, wie alt sind wir? So lange haben wir nicht mehr Zeit!“ Apropos Zeit: Ein anderes Mal, das ist bestimmt schon zwei oder drei Jahre her, trafen wir uns bei einem Kiosk. Er zeigte mir stolz ein großes dickes Buch mit leeren Seiten. Er habe vor, mit dem Schreiben zu beginnen. Im Laufe unseres Gesprächs, in dem es wieder einmal darum ging, was man nicht alles machen könnte, wenn man sich nur dazu aufraffen würde, zitierte ich einen meiner Lieblingssätze von Charles Bukowski: „Die Zeit ist zum Verplempern da.“ – Johnny war hellauf begeistert, geradezu elektrisiert! Er wisse schon, warum er mich gern treffe, ich würde jeden Therapeuten ersetzen, und er schrieb den Satz auf die erste Seite seines Buches. Als ich Johnny Monate später wieder traf, stand in dem Buch immer noch nicht mehr drin als dieser eine Satz. Und bis heute hat sich daran nichts geändert. Auch gestern kam der Spruch wieder zur Sprache, nachdem Johnny, am sonnigen Nachmittag im Grase sitzend, ein Bier in der einen Hand, eine Selbstgedrehte in der anderen, über die Corona-Zeit den schönen Satz sagte: „Ich würde in ein paar Monaten gern sagen können, ich habe die Zeit gut genützt.“

     

    Ich musste aufbrechen, weil mich eine Freundin um 18 Uhr besuchen wollte. Anna habe ich 2013 in Târgu Mureș kennengelernt, sie lebt seit einigen Jahren in Wien, und hat mich per SMS so schön gefragt: „Kann ich Fensterbesuch machen?“ – Eine Nachwehe meines Geburtstages. Sie brachte ihren Freund Risto mit, ich bekam noch einmal Geschenke, es gab wieder Sekt: die beiden unten auf dem Gehsteig unter der japanischen Zierkirsche, ich oben am Fenster … Risto ist der Sänger und Geiger der Band Hotel Balkan. Das erwähne ich aus dem Grund, weil wir am 6. März auf einem Konzert von ihm waren, und das war ein besonderer Abend, u.a. deshalb, weil es der letzte Abend war, an dem ich Menschen, die nicht meine Frau waren, gebusselt und umarmt habe.

    Die Geschichte, wie ich Anna kennengelernt habe, muss ich dir auch einmal erzählen, die ist sehr erzählenswert. Ich liebe sie!

     

    Abschließend noch eine grobe Skizze meines derzeitigen Alltags (weil mich der von dir auch interessieren würde):

     

    – Schreiben im Bett (Gedichte)

    – Frühstück

    – Schreiben am Schreibtisch (Kleiner Roman, Auftragsarbeiten)

    – Mittagessen

    – Lesen auf dem Sofa

    – Schreiben am Wohnzimmertisch (E-Mails, Briefe, Pipapo)

    – Ein bis zwei Stunden spazieren, mit meiner Frau (Prater, Donaukanal, Donau, Donauinsel …)

    – Abendessen

    – Zwei Folgen einer Netflix-Serie

    – Lesen im Bett

     

    So in etwa.

     

    Und ganz abschließend noch ein paar Fragen:

     

    – Arbeitest du an einem neuen Buch?

    – Stimmt das mit den Pferden?

    – Wie geht es dir?

    – Hast du bald einen runden Geburtstag?

    – Was war dein bisher schönster Geburtstag?

    – Hast du eines oder mehrere Lieblingsbücher?

    – Was liest du gerade?

    – Reist du gern?

    – Ist dieser Brief zu lang?

     

    Uff!

     

    Dieses war der erste Streich …

     

    Alles Liebe Gute Schöne,

    Christian

     

     

     

     

    PS: Der nächste Brief wird kürzer, versprochen!

     

    Christian Futscher (* 1960), Autor von Lyrik, Hörspielen und Prosatexten, lebt seit den späten 1980er-Jahren in Wien. Zuletzt bei Czernin erschienen: „Was mir die Erdmännchen erzählen“ (2016) und „Wer einsam ist in der großen Stadt“ (2017).

    Seine Briefpartnerin Marjana Gaponenko (* 1981) wuchs in Odessa auf und lebt mittlerweile in Mainz und Wien. Sie schreibt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr auf Deutsch.

    CARA ROBERTA. / 24.4.2020
    Peter Gilgen an Gabriele Bösch (I)

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada. Die Idee: Fünf Wochen lang treten jeweils zwei Autor*innen, die sich bisher nicht persönlich kannten, in brieflichen Austausch – über Länder- und zum Teil auch Sprachgrenzen hinweg.

    Brief 1: Wir haben uns noch nie getroffen …

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    Liebe Gabriele,

    Wir haben uns noch nie getroffen. Doch würde ich nicht sagen, dass wir uns nicht kennen. Oder zumindest: dass ich Dich nicht kenne. Dazu habe ich beim Lesen Deiner Texte schon zuviel über Dich erfahren. Zunächst allerdings dies: Ich hoffe, dass Dir die vertraute Anrede nicht unangebracht scheint. Die Entscheidung, ohne lange Umstände oder Anfragen in diesem ersten Brief die Du-Form zu verwenden, habe ich nach längerem Zögern getroffen. Insgeheim hatte ich gehofft, dass Du vielleicht in unserem Briefwechsel den Anfang machen und damit die Tonlage und vielleicht auch schon das eine oder andere Thema vorgeben würdest. Was die passende Anrede betrifft, fällt es mir nicht leicht zu beurteilen, ob meine Befindlichkeiten in dieser Frage auf der Höhe der Zeit sind. Dafür lebe ich schon zu lange in einem Sprachraum, in dem es die Unterscheidung zwischen informeller Anrede und Höflichkeitsform längst nicht mehr gibt. Ausserdem gehöre ich zu jener Generation, die erwachsen wurde, als sich Anredeformen und manche Anstandsregeln, die uns im Kindesalter eingebläut wurden, zu verflüchtigen begannen. Später lebte ich als Student einige Jahre in Zürich. Ich glaubte, mich mit einem höflichen “Sie” im Zweifelsfall durchschlagen zu können, bis ich an eine Kellnerin geriet, die beleidigt bemerkte, sie sei für diese Anrede nicht alt genug, und was ich damit eigentlich beweisen wolle? Darauf wusste ich keine Antwort. Von diesem Zeitpunkt an schien jede neue Begegnung komplizierte Abwägungen zu verlangen, um die Beteiligten nicht vor den Kopf zu stossen und der Situation gerecht zu werden.

    Als ich nach Amerika kam, gefiel es mir, dass hier jeder unterschiedslos mit “you” angesprochen wird. Dabei war das “you” des Immigrationsbeamten autoritärer, als noch das zackigste “Sie” je hätte sein können. Trotzdem glaubte ich, in der nur durch den Tonfall modulierten, als Wort aber gleich bleibenden Anrede die ursprüngliche politische Vision dieses Landes erkennen zu können, eine Art Versprechen, das in jedem Gespräch erneuert wird. Daran gewöhnte ich mich gern. Im Gegensatz zu Zürich, einer Stadt, die mir vor allem den Rücken zugewandt hatte, war es in Chicago, der weitaus grösseren und, wie man vermuten würde, anonymeren Metropole, leicht, mit Leuten, die man nicht kannte, ins Gespräch zu kommen und dann – das fiel mir anfangs nicht leicht – auch wieder weiterzugehen, ohne nach dem Namen des anderen gefragt oder den eigenen genannt zu haben. Die englische Sprache nötigte mich nicht, im Voraus zu entscheiden, in welcher Nähe oder Ferne ich mich gegenüber einer anderen Person verortete, und zu bestimmen, welche Verbindlichkeiten ich eingehen wollte und wie formell oder informell ich die Situation einschätzte, in der ich mich gerade befand. Die ersten Monate im neuen Land waren allein deshalb nicht nur eine Einübung in ein anderes Sprechen, sondern vor allem auch in einen andere Art von Gesellschaft.

    Am dritten oder vierten Tag im neuen Land ging ich von der Universität zum Bahnhof, um mit dem Pendlerzug nach Hause zu fahren. Ich wohnte die ersten zwei Wochen bei einer Gastfamilie etwas ausserhalb der Stadt. Der Vater wollte mich dort am Bahnhof abholen und hatte mich gebeten, vorher anzurufen. Als ich vor der langen Reihe von Telefonautomaten stand – es gab noch keine Handys –, bemerkte ich, dass ich nur eine 5-Dollar-Note in der Tasche hatte. Es war nach Feierabend, und der ganze Bahnhof war voll von Menschen. Ich ging auf einen Mann in einem eleganten, blauen Anzug zu, der ein ledernes Aktenköfferchen trug. Er schaute auf, als ich ihn fragte, ob er meine fünf Dollar vielleicht wechseln könne, da ich Münzen brauche, um zu telefonieren. Er steckte seine Hand in die Hosentasche, gab mir eine Handvoll Kleingeld und sagte: “Don’t worry!” Im Weitergehen rief er noch: “Good luck, son!”, bevor er in der Menschenmenge verschwand.

    Erst Jahre später begann ich mich zu fragen, ob mir dieser Mann auch geholfen hätte, wenn meine Haut dunkler wäre, und ich einen anderen, nicht-europäischen Akzent hätte. Seine Geste war herzlich und spontan gewesen. Etwas in mir sträubt sich dagegen, diese Grosszügigkeit in Zweifel zu ziehen. Ich rede mir ein, dass solche Äusserlichkeiten für ihn keine Rolle gespielt hätten. Zugleich weiss ich, dass die Statistiken gegen mich sprechen. Schon nach wenigen Wochen in Chicago wurde mir bewusst, dass es mit Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit nicht weit her war in diesem Land der grossen Träume. Die Träume aber – sie blieben mir lieb.

    In der von einem Virus ausgelösten gegenwärtigen Krise werden diese Träume mehr denn je auf die Probe gestellt. Sozialen Unterschiede, über die das joviale “you” hinwegzutäuschen vermag, treten umso deutlicher hervor. Wer sind die Leute, die noch immer den Abfall abholen, die Pakete ausliefern, den Rasen in den Vorgärten mähen? In den Städten, liest man, steigt die Flut der Toten in armen und schwarzen Nachbarschaften wie nirgendwo sonst. Manche Kommentatoren, die zum schmeichelnden Hofstaat eines unfähigen Präsidenten mit Allmachtsfantasien gehören und das Offensichtliche nicht wahrhaben wollen, behaupten ohne den geringsten Beweis, die Betroffenen hätten es sich selbst zuzuschreiben, da sie sich nicht an die verordneten Massnahmen hielten. Die Wahrheit sieht etwas anders aus: Lange sträubte sich dieselbe Regierung – zuvorderst jener Präsident, der sich um nichts als seine Wahlchancen und den Gewinn seiner Firmen schert – die Kosten für die erforderlichen medizinischen Tests zu übernehmen. Noch dazu deckte seine Regierung die Krankenkassen, die gleichfalls von diesen Kosten nichts wissen wollen. Den Armen, von denen der Grossteil sich ohnehin keine Krankenversicherung leisten kann, und denjenigen Menschen, die seit Jahren langsam aus dem Mittelstand in die Unterschicht abrutschen und deren Gesundheitsversorgung davon abhängt, was von ihrer Versicherung bewilligt wird, bleibt nichts anderes übrig, als sich mehr schlecht als recht zu schützen, wenn sie ihre Jobs für den Minimalstundenlohn von $ 7.25 erledigen. Keiner weiss, wer das Virus in sich trägt und gerade dabei ist, alle seine Arbeitskollegen anzustecken.

    Hier in Ithaca, auf halbem Weg zwischen New York City und Buffalo, zwischen Hügeln und Wäldern, Wasserfällen und Seen leben wir seit Wochen in einem seltsamen Schwebezustand. Die Cornell University, an der ich arbeite und die der grösste Arbeitgeber in dieser Kleinstadt ist, stellte im März, noch bevor die Regierung in Washington sich zu entsprechenden Empfehlungen durchringen konnte, den ganzen Lehr- und Forschungsbetrieb drei Wochen lang ein, um alle Lehrveranstaltungen auf ein Internetformat umzustellen. Das war für Professoren und Forscher eine Herausforderung, denn nicht jedes Seminar und jedes Labor kann ohne weiteres auf die unmittelbare Realität, die Anwesenheit der Studierenden und die Materialität der zu untersuchenden Gegenstände verzichten. Als Kulturwissenschaftler fiel mir das leichter als einer guten österreichischen Freundin, die hier als Astronomin arbeitet.

    Die Läden und vielen Restaurants der Stadt blieben zunächst noch geöffnet. An einem der letzten Abende, an denen das gesellschaftliche Leben noch nicht zum Stillstand gekommen war, gingen meine Frau und ich mit unserem vierjährigen Sohn und unserem Hund in unser Lieblingsrestaurant essen. Es war gut gefüllt. Die Leute hielten ein wenig linkisch Abstand voneinander, denn man musste sich an diese neue Realität erst noch gewöhnen. Viele hatten Handseife dabei. Andere rannten alle paar Minuten auf die Toilette, um dort ihre Hände zu waschen. Es war ein heller, sonniger Abend, der schon den nahenden Frühling ankündigte. Man nahm alles gelassen und war sich noch nicht bewusst, was schon zwei Tage später auf uns zukommen würde.

    Es ist schwierig zu den aktuellen Entwicklungen in Amerika etwas zu schreiben, das nicht schon am nächsten Tag von einer neuen, von höchster Stelle abgesegneten oder sogar initiierten Absurdität überholt wird. Lange hatte der Präsident die Krise bestritten und bagatellisiert, bis er schliesslich Mitte März einsehen musste, dass noch das vehementeste Leugnen, unterstützt von einem weit gespannten Propagandaapparat mit dem Fernsehsender Fox News und unzähligen Talk-Radio-Stationen sowie allen erdenklichen konspirativen Webseiten und anderen Internetformaten, am Ende die rasant ansteigende Anzahl von Infektionen und Todesfällen nicht ungeschehen machen kann. Der Präsident hält sich selbst für ein medizinisches Naturtalent, was er auf seine ausgezeichneten Erbanlagen und einen Onkel zurückführt, der am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Professor für Ingenieurwissenschaft war und dessen Erfindungen für die Anwendung von Röntgenstrahlen und die Strahlentherapie wichtig waren. Der Präsident, der aufgrund dieser natürlichen Qualifikationen von sich behauptet, komplexe medizinische Probleme auf Anhieb intuitiv zu verstehen, versuchte darauf, sich als entschlossener Krisenmanager in Szene zu setzen. Auch hier sollte die unaufhörliche Wiederholung der immer gleichen Lügen – nämlich dass er als erster die Gefahr erkannt und sofort gehandelt habe – eine neue, alternative Wahrheit schaffen. Journalisten, die bei Pressekonferenzen des Weissen Hauses kritisch nachfragen, werden vom Präsidenten persönlich beschimpft und als moralisch fragwürdige Personen verunglimpft. In manchen Fällen wird ihnen kurzerhand die Akkreditierung entzogen – ein unerhörter Vorgang in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ich habe den Eindruck, dass man sich in Europa nicht im Klaren darüber ist, in welchem Masse die gegenwärtige Regierung demokratische Grundrechte und Institutionen in den letzten Jahren ausgehöhlt hat. Im Windschatten des Virus hat sich diese Tendenz noch gesteigert. Sie ist in mancher Hinsicht beängstigender als die eigentliche Pandemie.

    In den Tagesnachrichten sieht man jetzt viele Menschen, die, angestachelt vom Präsidenten, gegen die von seiner eigenen Regierung angeordneten Massnahmen protestieren. Viele meiner akademischen Freunde sehen in ihnen nur rechts-konservative Fanatiker. Die gibt es, keine Frage. Allerdings sind bei diesen Demonstrationen auch viele dabei, die ihre Arbeitsstelle verloren haben, sei es auf Zeit oder permanent. Seit Beginn der Coronakrise sind bereits gut 22 Millionen Amerikaner arbeitslos geworden. Die “soup kitchens,” in denen Bedürftige etwas zu essen bekommen, melden Engpässe und diskutieren über die Möglichkeit, das Essen zu rationieren. Es ist absehbar, dass bald mehr Menschen ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können und Konkurs anmelden müssen als nach der Finanzkrise von 2008. Diese Menschen, die sich seit Jahrzehnten von der Regierung allein gelassen fühlen, haben keine Zeit, um lange auf einen noch fernen Aufschwung zu warten. Viele von ihnen wollen an ihren oft schlecht bezahlten Jobs festhalten, bei denen soziale Distanzierung kaum möglich ist. Vor die Wahl zwischen finanziellem Ruin und diffuser Corona-Gefahr gestellt, zögern sie nicht lange. Denn von höchster Stelle in Washington werden die Auswirkungen des Virus noch immer zum Nutzen der Wirtschaft heruntergespielt.

    Unter den Transparenten und Plakaten der Demonstranten entdeckte ich eines, auf dem stand “Give me liberty or give me death!” Freiheit oder Leben. Das war die von Patrick Henry – er war einer der sogenannten founding fathers der amerikanischen Nation – ausgegebene Devise im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Man kann nicht sagen, dass diese Demonstranten, die einem sich despotisch gerierenden Präsidenten zujubeln, verstanden haben, worum es Patrick Henry gegangen war.

    Ich sitze hier in Ithaca, arbeite weiter, so gut es mit einem vierjährigen Kind zuhause geht. Doch kann ich mich der schleichenden Melancholie nicht entziehen. Ich frage mich, was für eine Welt mit Covid-19 begonnen hat. Die Krise kam mit Ankündigung. SARS und MERS hatten wir schon, weitere Mutationen und Virusübertragungen über Artengrenzen hinweg sind vorhersehbar. Es wäre vermessen zu behaupten, dass unsere westliche Gesellschaftsordnung darauf eingestellt sei. Und zugleich wird im Moment deutlicher als vielleicht je zuvor, dass das demokratische Experiment Amerika am Abgrund steht. Der Gedanke macht mich schaudern.

    Eine auffällige Sache ¬– vielleicht ein Hoffnungsschimmer – an der gegenwärtigen Krise: Sie ist nicht lokal, nicht begrenzt und auf absehbare Zeit auch nicht eingrenzbar. Was mich daran interessiert ist weniger die damit verbundene Gefahr, sondern die Tatsache, dass die Situation und die getroffenen Massnahmen an allen Ecken und Enden der Welt recht ähnlich sind. Die Posts von Bekannten in Neuseeland, die Berichte meiner Verwandten in Liechtenstein, meiner Freunde in der Schweiz, in Österreich, Deutschland, Japan und Brasilien gleichen sich. Es ist, als hätte die mehr oder weniger resolut vorangetriebene, letztlich unvermeidliche Vereinzelung jede und jeden aus ihren bisher stillschweigend vorausgesetzten sozialen Konstellationen herausgelöst und dabei zu einer Art chemischem Radikal gemacht, das sich rundherum als sehr bindungsfreudig erweist, wenn auch nur in virtuellen Medien, die das alles auf Distanz halten.

    Wenn ich an meinem Schreibtisch lese, nachdenke und schreibe, schaue ich dazwischen oft hinaus in den Garten, wo die leuchtenden Frühlingsblumen schon langsam verblühen. Am Abend beobachte ich das Murmeltier, das nach ein paar Tagen Abwesenheit, während derer ich schon befürchtete, dass es von einem Nachbarn vertrieben oder in der Nacht von einem Kojoten geholt worden sei, zurückgekommen ist. Es lässt sich Zeit, schnuppert im Gras herum, um die saftigsten Blätter und Kräuter zu finden. Ab und zu setzt es sich auf die Hinterbeine und horcht. Wenn es etwas Ungewohntes hört, macht es sich schnell aus dem Staub. Später kommt es wieder, frisst weiter und trollt sich, wenn es genug hat. Ich schaue ihm gern zu. Ein Quantum Trost würde in meinem jetzigen Leben fehlen, wenn es nicht mehr käme.

    Mit herzlichen Grüssen aus Ithaca, N.Y.,
    Peter

     

    Peter Gilgen (* 1963), Professor im Department of German Studies an der Cornell University in Ithaca, New York, hat u.a. zu Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann und Walter Benjamin veröffentlicht.

    Für Cara Roberta. steht er im Briefwechsel mit der Vorarlberger Autorin Gabriele Bösch (* 1966).

    CARA ROBERTA. / 19.4.2020
    Roberta an Christoph (III)

    Brief 6: Deine Frage …

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    Christoph caro, la tua domanda.
    Ognuno di noi dovrà chiedersi se davvero c’è ancora altro da difendere tranne la propria dignità.
    Ti rispondo di sì e con certezza. Difendere la dignità dell’altro, del prossimo, perché la dignità propria sia degna della sua nobiltà morale! È la base costitutiva di una società democratica.

    Il virus di questo se ne frega. Se c’è una cosa lampante in questa storia, è che il virus di qualsivoglia nome, non ha alcun riguardo per nessun riconoscimento, per nessun genere di frontiera. Colpisce tutti e senza distinzione di culture, religioni e politiche.
    Ha una preferenza per i vecchi invece. È morta una parte di loro, a volte dicono i medici, in un soffio. È stata portata via in migliaia di bare. Come quando a maturazione, si soffia il tarassaco e una moltitudine di semi si perde nell’aria.
    I semi dispersi questa volta, sono la generazione che sa cos’è una guerra. Quella che non concorda con il linguaggio bellico che è insorto nelle settimane scorse. E ancora, qui in Italia si dice: guerra, i medici stanno al fronte, in trincea. È ricomparso il termine untore. Eppure questo nemico non ha volto. Se lo avesse sarebbe il sorriso delle mie figlie, quello di mia madre.
    Dire lotta è dire bene. E i medici stanno dentro a una moltitudine di corsie di emergenza, curano respiri drammatici, l’intensità emotiva nelle loro mani. Mentre l’antagonista potrebbe abitare il loro stesso corpo, anche il mio mentre scrivo.
    Non guerra. Per converso invece, in questo attimo dell’evoluzione in pianto, ci stiamo restituendo un ordine di quiete che richiama i pesci e gli uccelli, pulisce le correnti e ci commuove per smarrimento e sconcerto. Sull’orologio geologico siamo pochi minuti, nella conta dei nostri secoli si racconterà questo istante di tempo.
    Ebbene, in questo istante del tempo, a me impressiona l’ubbidienza. Mi provoca turbamento l’ubbidienza esercitata come un dovere di rispettosa sottomissione. È un terribile sapersi questo. Abbiamo ubbidito per timore, prima ancora delle disposizioni e dei regolamenti imposti. Da un giorno all’altro la paura è stata la nostra guida, ha presieduto la segregazione a funzione direttiva. Ci siamo chiusi in casa e non abbiamo protestato, diventando addirittura delatori in cerca di chi non ubbidiva assai.

    E l’Italia canta Bella ciao. Si presenta sui balconi e alle finestre, sventola il Tricolore e canta Bella ciao. Tutto il mondo ormai canta Bella ciao, è diventato un inno pop, variato secondo i criteri del momento. Nei venti mesi della guerra partigiana, sembra non si sia mai sentito cantare Bella ciao, dicono sia stata scritta dopo. Ciononostante è considerata il simbolo della Resistenza italiana e le sue poche parole sono affidate alla libertà, alla lotta contro le dittature.
    Ma è diventato un coro confuso, per il quale gli italiani si sono riuniti, tirando fuori un patriottismo lacero, che non corrisponde in nessun modo ad un giustificato orgoglio delle proprie capacità: volumi e levature che si esprimono in maniera pudica attraverso i molti che fanno il proprio dovere e agiscono con rigore assoluto a favore della collettività.
    Dentro casa sono successi incontri e solitudini. Sopportazione e scoperte. La miseria e la violenza. Il sorriso e la commozione. Si è fatto all’amore, sono nati figli e ci sono stati i suicidi e gli omicidi. Il tarassaco. Taraxakos in greco significa io guarisco, sono il rimedio agli squilibri. Cresce praticamente ovunque. Da voi Christoph, ora sarà in pieno fiore.

    Roberta

    ***
    Lieber Christoph, deine Frage
    Jeder von uns wird sich fragen müssen, ob es überhaupt etwas zu verteidigen gilt außer der eigenen Würde.
    Darauf antworte ich dir mit einem entschiedenen Ja. Es gilt, die Würde des anderen, des nächsten zu verteidigen, damit die eigene Würde ihres moralischen Anspruchs würdig sei! Das ist Verfassungsgrundlage jeder demokratischen Gesellschaft.

    Dem Virus ist das egal. Das einzig Offensichtliche, das es in dieser Geschichte gibt, ist, dass der Virus, wie wir ihn auch nennen wollen, keinerlei Rücksicht kennt, weder auf Anerkennung, noch auf Grenzen, welcher Art immer. Er greift uns alle gleichermaßen an, unterschiedslos welcher Kultur, Religion oder Politik wir angehören.
    Den Vorzug aber gibt er den Alten. Ein Teil von ihnen ist gestorben, die Ärzte sagen, manchmal im Hauch eines Augenblicks. Man hat sie weggebracht in tausenden von Särgen. Wie wenn man zur vollen Reife den Löwenzahn anpustet und die Samen zigfach in der Luft zerstieben.
    Dieses Mal sind die zerstobenen Samen die Generation, die weiß, was ein Krieg ist. Die mit der Kriegsrhetorik, wie sie in den vergangenen Wochen zum Vorschein gekommen ist, nicht einverstanden ist. Nicht genug, hier in Italien ist von Krieg die Rede, von Ärzten an der Front oder im Schützengraben. Es taucht auch wieder der Begriff Sündenbock auf. Doch dieser Feind hat kein Gesicht. Hätte er eins, wäre es das Lächeln meiner Töchter, das meiner Mutter.
    Von Kampf sprechen ist angebracht. Die Ärzte mittendrin in einer Vielzahl von Notaufnahmen, behandeln sie dramatische Atemnöte, dirigieren das Gefühlsbarometer, während der Widersacher ihren eigenen Körper bewohnen könnte, wie auch meinen, während ich schreibe.
    Nicht Krieg. Vielmehr die Gegensicht. In diesem Augenblick des trauernden Fortschritts gewähren wir uns eine Ordnung des Innehaltens. Es ruft die Fische und Vögel zurück, säubert die Flüsse und macht uns betroffen, aus Angst vor Verzweiflung und Verlust. In der geologischen Zeitrechnung sind wir wenige Minuten, in der Nacherzählung unserer Zeit aber wird dieser Hauch eines Augenblicks zählen.

    Gleichwohl. Was mich im Augenblick beeindruckt, ist der Wille zum Gehorsam. Wie dieser als eine Pflicht respektvoller Unterwerfung ausgeübt wird, verursacht mir Unbehagen. Eine ungute Vorahnung. Wir gehorchten aus Angst, noch bevor die Maßnahmen und Regelungen in Kraft traten. Von einem Tag auf den anderen führte uns die Angst an, war Angst die ausübende Vorsitzende der Ausgangssperre. Wir sperrten uns zu Hause ein und protestierten nicht, wurden sogar zu Spitzeln und suchten nach denen, die zu wenig gehorchten.

    Indessen singt Italien Bella ciao. Zeigt sich auf den Balkonen und an den Fenstern, schwenkt die Trikolore und singt Bella ciao. Die ganze Welt singt mittlerweile Bella ciao, es ist eine Allerweltshymne geworden, anwendbar auf jeden erdenklichen Umstand. Man sagt, dass man das Lied in den zwanzig Monaten des Partisanenkampfes nie singen gehört hat, es soll erst nachher geschrieben worden sein. Nichtsdestotrotz wird es als das Symbol des italienischen Widerstands angesehen, seine wenigen Worte gelten der Freiheit und dem Kampf gegen Diktaturen.
    Dieser Chor aber, in den die Italiener einstimmten, ist konfus und huldigt einem rissigen Patriotismus, der in keinerlei Hinsicht einem berechtigten Stolz auf die eigenen Fähigkeiten entspricht: Größe und Kapazität werden in zurückhaltender Weise von jenen an den Tag gelegt, die ihre Pflicht tun und ihr Handeln unbeirrbar in den Dienst an der Gemeinschaft stellen.
    Zuhause ereigneten sich Begegnungen und Einsamkeiten. Wird erduldet und aufgedeckt. Gibt es Armut und Gewalt. Lachen und Mitgefühl. Man hat sich geliebt, Kinder wurden geboren, es geschahen Selbstmorde und Morde. Der Löwenzahn. Griechisch taraxakos bedeutet ich heile, bin Heilmittel gegen Unausgeglichenheit. Er wächst im Grunde überall. Bei euch, Christoph, wird er gerade voll in Blüte stehen.
     

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 17.4.2020
    Yannic Han Biao Federer an Verena Rossbacher (I)

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada. Die Idee: Fünf Wochen lang treten jeweils zwei Autor*innen, die sich bisher nicht persönlich kannten, in brieflichen Austausch – über Länder- und zum Teil auch Sprachgrenzen hinweg.

    Brief 1: Die Eisdiele war geschlossen …

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    17.4.2020

    Verena,

    die Eisdiele war geschlossen, aber das lag am Wetter, jetzt hat sie geöffnet, trotz Corona. Innen ist es dunkel, man muss genau hinsehen, dann erkennt man den Verkäufer im karierten Hemd, er trägt blaue Handschuhe aus Gummi, schält Kugeln aus den gekühlten Behältern, ein unendlich schmaler Junge steht vor dem Glas, zeigt mit dem Finger auf die Sorten. Als er fort ist, tritt der Verkäufer hinaus in die Sonne, schaut sich um, stemmt die Hände in die Hüften. Gegenüber schlendert eine Frau im Schatten der Gebäude, allein, in ihrer Linken ein üppiger Strauß Tulpen, der Blumenladen hat geöffnet, der Buchhändler nicht.

    An der Baustelle rührt sich nichts mehr. Kürzlich noch riesige, spinnenartige Maschinen, die sich am Hang zu schaffen machten, ihn zurechtbaggerten, glatt walzten, dann mit Beton bespritzten, aus einer Düse, die ein Bagger am senkrecht erhobenen Arm in die umgegrabene Böschung richtete. Irgendwann fiepende Lastwagen, die vorgegossene Bauteile lieferten, ein Schwerlastkran hievte sie in die Vertiefungen, die offenbar für sie angelegt worden waren, wie hohle Zähne stehen sie nun im Gefälle, verlassen.

    Ich erinnere mich an die Frau, die mich ansah, irritiert, verstört beinah, als ich stehenblieb, um sie passieren zu lassen, um Abstand zu halten, aber sie verstand nicht, betrachtete mich wie ein eigenartiges Ungeheuer, trippelte langsam an mir vorbei, ohne mich aus den Augen zu lassen, blickte sich noch mehrfach um, wie sie sich entfernte. Einmal auch ein Läufer im Wald, ich ging zur Seite, trat sogar ins Gestrüpp, und er lachte, rief mir nach, so dick bin ich nicht.

    Inzwischen die ersten maskierten Menschen auf der Straße. Ein Mann mit Sauerstoffflasche in der Rollatortasche, ein Schlauch führt ihm zur Nase, langsam schiebt er das Gestell über den Gehweg, blickt zu mir auf, als ich vorbeikomme, ängstlich fast, er zieht an den Bremsen, die an den Haltegriffen sitzen, dabei gehe ich schon einen weiten Bogen, ich kann ihn verstehen.

    So ist es hier, Verena. Wie ist es dort?

    Yannic

     

    Yannic Han Biao Federer (* 1986), aufgewachsen in Südbaden, lebt als freier Autor bei Köln. Er erhielt u.a. den Harder Literaturpreis 2018 und den 3sat-Preis 2019. 

    Seine Briefpartnerin Verena Rossbacher (* 1979) lebt nach Stationen in Österreich und der Schweiz mittlerweile in Berlin. 

    CARA ROBERTA. / 17.4.2020
    Christoph an Roberta (III)

    Brief 5: Wer bei uns zurzeit auf die in diesem Ausmaß noch nie dagewesene Frequentierung der Fahrrad- und Flanierwege schaut …

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    Liebe Roberta.

    Wer bei uns zurzeit auf die in diesem Ausmaß noch nie dagewesene Frequentierung der Fahrrad- und Flanierwege schaut, der könnte meinen, wir lebten nicht in einer Krise, sondern es sei zu einer tiefgreifenden ökosozialen Steuerreform gekommen. Der Unterschied zwischen Ausgangssperre und -beschränkung ist folglich ein gewichtiger. Die Einschnitte sind zwar drastisch, allerdings nicht vergleichbar mit jenen, die bei euch vorgenommen wurden. Dass die Maßnahmen zum Großteil mitgetragen werden von einer nicht kleinzuredenden Solidarität in Form von Nachbarschaftshilfen oder der Unterstützung regionaler Händler, steht dabei außer Frage. Aber in gewisser Hinsicht handelt es sich eben doch um eine verordnete Solidarität, die – endet der eigene Gesichtskreis am vielzitierten Tellerrand – nicht unter dem Eindruck von solchen Schreckensbildern steht, wie wir sie aus anderen Ländern kennen. Es könnte also eine Solidarität auf Zeit sein. Außerdem haben wir erlebt, wie schnell auch eine verordnete Ent-Solidarisierung greift, als Beispiel sei hier die mantragleiche, mit dem Brustton der Verleugnung vorgetragene Erzählung von der Schließung der Balkanroute genannt, deren Notwendigkeit nur sehr bedingt infrage gestellt wurde. Die Folgen sind bekannt.

    Dieses Wir, es könnte – auch buchstäblich – seine Grenzen haben. Was wenn, und das scheint mir nicht denkunmöglich, aus einem „Wir zuerst“ ein „Jetzt erst recht wir zuerst“ wird? Denn beteiligen sich nicht alle, wirklich alle, gemäß ihren Möglichkeiten an der Bewältigung der gegenwärtigen Situation und deren Folgen, dann wird es zu einer dramatischen Verantwortungsverschiebung nach unten auf die Schultern der Schwächsten kommen und damit möglicherweise zu einer Lebensrealität, welche die Bilder aus dem Mittelmeer, aus Moria und Idlib noch leichter vergessen macht. Die Ankündigung bestimmter milliardenschwerer Großunternehmen beispielsweise (die zwar bei einer solchen geblieben ist, aber eben doch ein scharf konturiertes Unsittenbild entwirft), aufgrund vorübergehender Filialschließungen keine Miete mehr bezahlen zu wollen, spricht dabei eine Sprache, deren Vokabular nicht jenes eines allumfassenden Schulterschlusses ist.

    Fraglos wird es aber auch, wie du bereits erwähnt hast, einer Entledigung dieses unsäglichen Feigenblattes namens „Werte“ bedürfen, deren im Zuge der ersten großen Flüchtlingsbewegung vor ein paar Jahren so zäh und großmaulig beschworene Verteidigung bis zu einem bestimmten Grad auch in der Verwechslung von moralischen mit materiellen Werten gründete. Jeder von uns wird sich fragen müssen, ob es überhaupt etwas zu verteidigen gilt außer der eigenen Würde.

    Nur das Beste,

    Christoph

     

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    PETITION / 16.4.2020
    Gosteli-Archiv retten
    Marte Gosteli. Foto: Valérie Chételat, Gosteli-Archiv.

    Marte Gosteli. Quelle: Gosteli-Archiv

    Die Gosteli-Stiftung wurde 1982 gegründet. Mit ihr erhielt das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung eine unabhängige Trägerschaft. Heute ist das Weiterbestehen des Archivs leider nicht sichergestellt.

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    „Die Frauen erhielten das Stimmrecht in der Schweiz erst 1971. Seit dem 19. Jahrhundert aber brachten sie sich über ihre Organisationen und Vereine in das politische Geschehen der Schweiz ein. Der Organisierungsgrad der Frauen war immens. Diese Unterlagen fehlen in den staatlichen Archiven. Daher braucht es das Gosteli-Archiv unbedingt. Damit die Geschichte der Schweiz in ihrer ganzen Breite erforscht und verstanden werden kann.“ (Céline Angehrn und Simona Isler)

    … zur Petition

    CARA ROBERTA. / 14.4.2020
    Roberta an Christoph (II)

    Brief 4: Unter seinen vielen guten Eigenschaften besitzt der Mensch auch die angeborene Eigenschaft …

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    Caro Christoph.

    L’essere umano ha molte qualità e conserva dentro di sé anche una predisposizione a dimenticare in fretta, ciononostante credo che la gerarchia dei valori presenterà dei rovesciamenti. Il pronome noi ad esempio, dovrà far fronte a cosa significa dire tu e io, insieme e in uguale misura. Non avremo più giustificazioni e discolpe da poter esibire per dire: prima noi. Quello che abbiamo fatto negli ultimi anni, respingendo una delle più gravi emergenze umanitarie e politiche dall’inizio del ventunesimo secolo. Le guerre e la repressione, la miseria o il semplice desiderio di una vita migliore, tutte realtà che non sono scomparse nel frattempo. Ecco, esse spingeranno ancora più migranti a mettere a rischio la propria vita in viaggi pericolosi e difficili. Per dove? Per approdare ancora al nostro rifiuto e alla nostra indifferenza? La solidarietà, quella che fino a ieri abbiamo dato solo in parte, ponendo continuamente il punto di domanda ad ogni richiesta di aiuto, oggi in questo tempo di epidemia la stiamo conoscendo nel suo pieno significato, per necessità urgente e condivisione del proponimento e della responsabilità.
    Ritornerà nel futuro prossimo una nuova richiesta di solidarietà. Da chi non sarà europeo, da chi non sarà bianco e avrà altri usi e costumi. Nella risposta che daremo loro, non potremo fingere di non avere avuto conoscenza diretta attraverso l’uso e la pratica, di questa qualità. Perché ora, il rapporto di reciproco sostegno nella coscienza dei comuni interessi sta succedendo ed è inverosimile quanto sia stata veloce l’assimilazione del dovere e del volere. L’Italia congiunta alla dolcezza della sua vita e all’evasione delle regole, è diventata in pochi giorni una comunità disciplinata e pronta al sacrificio per il bene collettivo.
    Io credo che questa emergenza che mai, mai avremmo pensato possibile, ci stia proponendo una virtù del pronome noi. Ci sta dimostrando che esiste la capacità di superare l’ossessione identitaria dei cosiddetti “valori”. Quella che alza lo scudo di protezione e crea la barriera, prima di tutto mentale, nei confronti degli altri e che impedisce qualsiasi possibilità di mutamento e di trasformazione.
    È una capacità della quale ci stiamo accorgendo nell’insieme del pericolo che questa volta ha bussato alla nostra porta. Fuori dal pericolo, si complicherà di nuovo in un ammasso di individualità e si perderà nel dimenticatoio che tenderemo ad alimentare col sentimento della gioia ritrovata. Ma rimarrà la coscienza, quella che tireremo fuori nel racconto e nelle emozioni vissute insieme e a lato delle volontà future sentiremo il riverbero della consapevolezza, di noi singoli individui e del mondo esterno con cui saremo in rapporto.
    Hai ragione a dire che la primula è un bel vedere. Himmelschlüssel, chiave del cielo, il suo nome in tedesco non equivale a quello italiano che nomina questo fiore come primo, primula appunto. Vedi, in ladino, nella mia lingua madre lo chiamiamo addirittura tle de San Pire, la chiave di San Pietro, riconoscendogli la prerogativa di apertura al paradiso.
    Non c’è il paradiso. E San Pietro non ha le chiavi per entrarci. Nell’immaginazione collettiva è però un bel vedere anche questo gesto dell’aprire il portone. Agli altri, ma anche a noi qui e ora, che ormai siamo alla quinta settimana di segregazione in casa.

    Ho scritto questa lettera pochi giorni fa, oggi prima di spedirti la mia risposta Christoph, leggo di un naufragio nel Mediterraneo. Nelle scorse ore uno dei quattro barconi pieni di migranti, dei quali si sapeva da giorni, si è rovesciato causando la morte di decine di persone. Li abbiamo lasciati morire nel giorno di Pasqua.
    Voglio aggiungere alla mia riflessione questa triste notizia, e farti sapere anche che in questo momento ti sto scrivendo a vuoto. Tendo ad avere sempre un sentimento di aspettazione fiduciosa, concludo questa lettera invece, con un senso profondo di fallimento.
    13IV2020

    ***
    Lieber Christoph,
    unter seinen vielen guten Eigenschaften besitzt der Mensch auch die angeborene Fähigkeit, schnell zu vergessen. Trotzdem glaube ich, dass die Wertehierarchie tiefgreifende Veränderungen erfahren wird. Nehmen wir das Pronomen wir zum Beispiel. Es wird sich die Frage gefallen lassen müssen, was ich und du, gemeinsam und in gleichem Maß bedeutet. Für ein wir zuerst werden wir keine Rechtfertigungen und Entschuldigungen mehr vorschützen können. So wie wir es in den letzten Jahren gemacht haben und damit eine der größten menschlichen und politischen Katastrophen seit Beginn des 21. Jahrhunderts verdrängt haben. Krieg und Unterdrückung, Elend oder einfach der Wunsch nach einem besseren Leben sind Realitäten, die in der Zwischenzeit nicht verschwunden sind. Es werden noch mehr Migranten gezwungen sein, ihr Leben auf gefährlichen und beschwerlichen Reisen zu riskieren. Wohin? Um wieder an unserer Zurückweisung, an unserer Gleichgültigkeit aufzulaufen? Für Solidarität waren wir bis gestern nur halbherzig bereit und begegneten jedem Hilferuf mit einem neuen Fragezeichen, heute, in dieser Zeit der Epidemie, erfahren wir sie im gesamten Ausmaß ihrer Bedeutung, weil sie dringend notwendig ist und wir also bereit sind, die Verordnung und die Verantwortung zu teilen.
    In der unmittelbaren Zukunft wird erneut an unsere Solidarität appelliert werden. Von Seiten derjenigen, die weder Europäer noch weiß sind und andere Sitten und Gebräuche haben. Darauf antwortend werden wir nicht mehr so tun können, als hätten wir dieses besondere Gut nicht am eigenen Leib erfahren. Die gegenseitige Unterstützung im Bewusstsein des Allgemeinwohls findet nämlich jetzt gerade statt und es ist fast nicht zu glauben, wie schnell Pflicht und Vermögen assimiliert wurden. Italien geeint in seinem dolce vita und in der Übertretung der Regeln ist in wenigen Tagen zu einer disziplinierten, sich für das Gemeinwohl aufopfernden Gemeinschaft geworden.
    Ich glaube, dass diese Notsituation, die wir nie, niemals für möglich gehalten hätten, uns gerade erkennen lässt, welche besonderen Qualitäten das Pronomen wir enthält. Und zwar, dass wir die Fähigkeit besitzen, die obsessive Nabelschau der sogenannten „Werte“ zu überwinden – eine Geisteshaltung, die einem Gegenüber sofort das Schutzschild zeigt, sich abschottet und damit jede Chance auf Veränderung und Wandel verhindert.
    Bewusst wurde uns diese Fähigkeit in der gemeinsamen Gefahr, die dieses Mal an unsere Tür geklopft hat. Außer Gefahr wird sie sich wieder in einem Gemenge aus Individualitäten verfangen und sich im Nebulösen verlieren, das zunehmen wird je größer das Gefühl der wiedererlangten Freude sein wird. Bleiben aber wird das Gewissen und in unseren Erzählungen des gemeinsam Erlebten zum Ausdruck kommen. Entlang zukünftiger Entscheidungen werden wir den Widerhall dieses Bewusstsein hören, von uns als einzelne Individuen und in Beziehung zur äußeren Welt.
    Du hast Recht, wenn du sagst, dass das Himmelschlüssel schön anzuschauen ist. Der deutsche Name entspricht nicht dem italienischen, der die Blume als primula, als die Erste nämlich bezeichnet. Schau an, im Ladinischen, meiner Muttersprache, nennen wir sie sogar tle de San Pire, Petrusschlüssel und räumen ihr mithin das Vorrecht ein, das Paradies zu öffnen.
    Das Paradies gibt es nicht. Und der Heilige Petrus besitzt auch nicht die Schlüssel dazu. Gemeinsam betrachtet aber ist auch diese Geste des Toröffnens schön anzuschauen, für die anderen, aber auch für uns, die wir uns mittlerweile in der fünften Woche des Hausarrests befinden.

    Ich schrieb dir diesen Brief vor ein paar Tagen, Christoph. Als ich ihn heute abschicken wollte, lese ich von einem Schiffsunglück im Mittelmeer. Vor wenigen Stunden ist eines der vier überfüllten Flüchtlingsboote, von denen man seit Tagen wusste, gekentert. Dutzende Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Wir haben sie sterben lassen, am Tag des Osterfestes.
    Ich möchte diese traurige Nachricht meinen Überlegungen hinzufügen und dich auch wissen lassen, dass ich in diesem Moment ohne Aussicht schreibe. Ich neige gewöhnlich zur Zuversicht, diesen Brief jedoch beende ich in einem Gefühl tiefen Scheiterns.
    13IV2020
     

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 7.4.2020
    Christoph an Roberta (II)

    Brief 3: Nicht nur die Schachtelhalme wachsen …

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    Liebe Roberta.

    Nicht nur die Schachtelhalme wachsen, auch die Himmelschlüssel stehen in Blüte. Was für ein Wort. Die Himmelschlüssel als Türöffner, wenn man so will, nach und nach zerfasern die Wolkenbruchlinien, zeitgeraffte vereinzelte Spaltenbildungen wie auf einer Gletscherzunge, bis die Decke endlich bricht und sich ein weites dunstiges Blau zeigt als ein von abgesonderten Cirrusgruppen durchweidetes Hochplateau. Derselbe Himmel wie vor jahrundjahr und doch ein anderer. Eine Fremdheit. Etwas ist im Begriff, sich zu verändern, wenn ich mir auch nicht sicher bin, ob die Auswirkungen, von denen du sprichst, für uns alle die gleichen sind. Zudem kann ich nicht sagen, ob wir die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit unserer Wertehierarchie in jenem Später, von dem wir jetzt nicht mehr wissen, als dass es einmal sein wird, noch als solche erkennen werden. Wünschenswert wäre es, so recht daran glauben kann ich nicht. Für den Moment jedenfalls. Das ganze mich umgebende Land, das mir zurzeit auf so seltsame Weise ungeläufig ist, ist ein in Stein und Holz und Erde gebanntes Gedächtnis, das nicht vergisst. Der Mensch dagegen vergisst so schnell. Die Systemerhalter werden sich vermutlich wieder Gehör verschaffen, die Fortschrittsgutgläubigen, die Zyniker. Bereits jetzt sind bei uns Stimmen zu vernehmen, die den entstandenen wirtschaftlichen Schaden in Relation setzen zu den Menschenleben, die durch die ergriffenen Maßnahmen gerettet wurden. Eine Waage, die nicht nur einfach unmöglich austariert sein kann, sondern gar nicht existieren dürfte.

    Die Himmelschlüssel sind schön anzuschauen. Diese weithin sichtbaren Frühblüher. Nach einer kurzen, aber heftigen Kälterückkehr, mit teilweise tieferen Temperaturen als während des gesamten Winters, hat sich der Frühling durchgesetzt, er ist über uns hereingebrochen, mit einer ähnlichen Plötzlichkeit wie die gegenwärtige Krise. Und er ist gekommen, um vorerst zu bleiben – die schon jetzt große Trockenheit könnte für die Bauern zum Problem werden. Auch damit werden wir uns also beschäftigen müssen: Die Herausforderungen in jenem Später werden nicht weniger werden. Aber vielleicht zeigt uns die momentane Situation gerade, was mit dem nötigen politischen Willen alles möglich ist. Vielleicht.

     

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    IM GESPRÄCH / 6.4.2020
    Demnächst: b_east noise und Julia Koschler

    Quelle: Wikimedia

    Der Zine-Workshop, den das Kollektiv b_east noise mit der Münchner Grafikerin* Julia Koschler geplant hatte, musste wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. Die Suche nach Freiräumen, die sich b_east noise auf die Fahnen geschrieben haben, geht trotzdem weiter.

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    Mehr über Julia Koschler und ihre Workshops gibt es bis zum nächsten Termin mit ihr z. B. hier zu lesen.

    CARA ROBERTA. / 2.4.2020
    Roberta Dapunt an Christoph Linher (I)

    Brief 2: Wie wir uns hier begegnen …

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    Caro Christoph, è un’incontro al quanto singolare il nostro.
    Nella sua qualità possiamo farlo diventare un avvicinamento nel tempo, una congiuntura di lingue. Mi sembra di poter aggiungere anche, che la sensazione è quella di una nostra responsabilità di interpretazione di questo momento così particolare.
    Ecco allora che le vie di comunicazione ritornano all’epistolario, le nostre osservazioni, le considerazioni che confluiscono l’una nell’altra nella profondità delle sensazioni. Nel nostro piccolo io credo, ci riusciremo.
    Così tu mi racconti di primi paesaggi appena fuori dalla finestra. L’equiseto di cui tu mi parli, lo vedrò appena tra due mesi, nel bosco che frequento, seppure questo tempo ora, sia così uguale nelle sue misure e per ognuno di noi. Sta in una sospensione dell’esterno succedere.
    Cammino. Il bosco sembra ancora di più un luogo remoto, molta neve e pochi farfari intorno, sono solitudini primaverili quando l’inverno qui dà prova di andarsene. Se i farfari si presentano è tempo. Molto più tardi la primavera alpina presenterà un tripudio di colori e sarà un bel vedere. Guardo, osservo e lascio che il silenzio nuovo di ora si mostri nella sua drammatica totalità, al fine di poterlo raccontare nelle mie riflessioni, nel frattempo, dopo e forse.
    Sono sempre partita da un plurale di silenzio, ogni volta che l’ho preso in considerazione per un componimento. Ora si è unito, costituisce un insieme, è diventato omogeneo, solidale. Sta in concordanza con l’intero modo di pensare, di sentire o di agire. Non mi piace, lo subisco, è così uguale dappertutto che mi è diventato avverso, perché si presenta unicamente in qualità di una rispettosa osservanza. Un sibilo sordo che intima il tacere.
    Mi scrivi, l’Italia, un modello tragico, in tedesco “Italien als tragische Blaupause”. Concordo sulla tragicità del momento, non invece sul fatto che sia stata presa a modello. Poche settimane fa, intorno all’Italia impegnata a combattere il virus si sollevava una cortina di ferro, mentre ogni altro governo, lentamente, troppo lentamente rispondeva in modo diverso all’epidemia, senza prendere d’esempio questa povera terra che ha prima dovuto capire con cosa si sarebbe confrontata.
    Dopo invece, nel tempo successivo. Saremo posti, tutti quanti e senza alcun modello, di fronte ad una domanda esistenziale unica. Questa rigenerazione improvvisa dell’unità, l’isolamento collettivo che ha messo in moto un organismo unico, ci hanno portati ad un patriottismo di urgenza, facendo di me e di te un noi che ci metterà a confronto dentro, lì dentro nella gerarchia dei valori.
    A presto, Roberta.

    ***
    Lieber Christoph, wie wir uns hier begegnen, ist ziemlich einzigartig.
    Wir haben die Gelegenheit, aus dieser Begegnung ein Näherkommen in der Zeit, eine Zusammenführung von Sprachen zu machen. Ich möchte auch noch hinzufügen, dass es sich wie eine Verantwortung anfühlt, unsere Verantwortung, diesen besonderen Augenblick zu interpretieren.
    Schön, dass sich die Kommunikationswege wieder des Briefeschreibens besinnen und unsere Beobachtungen, unsere Überlegungen auf diese Weise ineinander übergehen und in der Dichte der Wahrnehmungen zusammenfließen können. In unserem Kleinen denke ich, wird es uns gelingen.
    Du erzählst von den ersten Landschaften, die vor deinem Fenster auftauchen. Den Schachtelhalm, den du erwähnst, werde ich in meinem gewohnten Waldstück erst in zwei Monaten sehen. Davon abgesehen scheint diese Zeit jetzt in ihren Auswirkungen für uns alle gleich.
    Ich gehe. Noch mehr als sonst gleicht der Wald einem Ort aus alter Zeit, viel Schnee und kaum Huflattich rundum, solcherart ist hier die Einsamkeit im Frühling, sobald der Winter Zeichen gibt, sich zu verabschieden. Sehr viel später zeigt sich der Frühling in den hiesigen Bergen in einer Pracht aus Farben und ist schön anzusehen. Ich schaue, beobachte und warte, bis diese neue Stille ihr ganzes dramatisches Ausmaß zeigt, damit ich, währenddessen, nachher, wenn überhaupt, davon erzählen werde können mit eigenen Gedanken.
    Ich bin in meinem Schreiben immer von einer Mehrzahl von Stille ausgegangen. Nun hat sich diese Mehrheit vereinigt, bildet eine Einheit, ist gleichförmig, solidarisch geworden. Steht in Übereinstimmung mit dem Gesamt des Denkens, Fühlens oder Handelns. Es gefällt mir nicht, ich ertrage es, es ist überall dermaßen gleich, dass es mir zuwider ist. Es entspricht dem Zustand eines respektvollen Beobachtens im Stillstand. Einem stummen Geflüster, das zu Schweigen gebietet.
    Du schreibst, „Italien als tragische Blaupause”. Mit der Tragik des Moments bin ich einverstanden, allerdings nicht mit der Tatsache, dass es zum Modell gestempelt wird. Noch vor wenigen Wochen hat man rund um Italien, das damit beschäftigt war, den Virus zu bekämpfen, die Grenzen hochgezogen. Und erst sehr langsam, zu langsam haben dann die anderen Staaten begonnen, jeder auf seine Art auf die Epidemie zu reagieren. Niemand hat dabei den Fall Italien bedacht, dieses arme Land, das als erstes verstehen musste, worauf es gerade zusteuerte.
    Später ja, in der Zeit danach. Werden wir wohl alle und ohne Modell mit der gleichen existentiellen Frage konfrontiert sein. Diese plötzliche Wiederherstellung von Einheit, die gemeinsame Isolation, die einen einheitlichen Organismus in Gang setzte, hat uns zu einem Notfallpatriotismus gebracht und aus mir und dir ein wir gemacht. Ein wir, das uns dazu veranlassen wird, uns im Inneren, im Inneren der Wertehierarchie auseinander zu setzen.
    Bis bald, Roberta

     

    Roberta Dapunt (*1970), Bäuerin und Lyrikerin, lebt und arbeitet auf dem Bauernhof ihrer Familie im Gadertal in Südtirol. Sie schreibt auf Italienisch und Ladinisch, der rätoromanischen Sprache ihrer Heimat. Nächste Veröffentlichung beim Folio Verlag: „die krankheit wunder, le beatitudini della malattia“ (September 2020).

    Ihr Briefpartner ist der Vorarlberger Autor Christoph Linher. Roberta Dapunts Briefe werden von Alma Vallazza ins Deutsche übersetzt.

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada.

    CARA ROBERTA. / 1.4.2020
    Christoph Linher an Roberta Dapunt (I)
    Christoph Linhers Schreibtisch in Nenzing

    Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von literatur:vorarlberg netzwerk, Literaturhaus Liechtenstein und Literaturhaus & Bibliothek Wyborada. Die Idee: Fünf Wochen lang treten jeweils zwei Autor*innen, die sich bisher nicht persönlich kannten, in brieflichen Austausch – über Länder- und zum Teil auch Sprachgrenzen hinweg.

    Brief 1: Ein literarisches Blinddate …

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    Liebe Roberta.

    Ein literarisches Blinddate also. Ohne jeden Hintergedanken. Obwohl. Sind Hintergedanken nicht notwendiger denn je? Geistige Winkelzüge, Notausgänge aus diesem Gedankenkorridor, in dessen Fluchtpunkt zur Stunde nur gelegentlich Lichtreflexe aufscheinen? Ich denke da auch an eine Art Restlichtverstärker. Schaue mit Katzenaugen in das Rieseln hinter der Scheibe, in das dichte, zartstoffliche Schneerieseln hinter dem Fensterglas, und kann: Ich kann ein Leuchten sehen. Fühle mich erinnert an das körnige Bildrauschen alter Fernsehapparate, das immer auch ein Bruchteil der kosmischen Hintergrundstrahlung in sich trägt. Spuren des allerersten Lichts. Und tatsächlich: Bereits am nächsten Tag klart es auf, bald schon ist der Himmel wolkenlos und weit, wenn auch unfassbar wie vielleicht noch nie. An den Büschen hinterm Haus hängt der letzte Morgenfrost als brüchiges Weiß. Vor dem Haus Tau auf dem Beikraut bis weit in den Tag hinein, gierig silbern schimmernd, schillernde Leuchtdioden, ein Sternenfall. Dazwischen ein ellenlanger Schachtelhalm, dessen in der Mittagssonne erzeugter Schattenwurf in jene Richtung weist, in welcher der Bahnhof liegt. Eine Station, an der bis auf Weiteres kein Zug mehr hält. Und wieder biegt das Denken ein in den nämlichen Korridor. Seit vergangener Woche, musst du wissen, sind Teile unserer Ortschaft abgeriegelt, wir sind – wie man so sagt – von der Außenwelt abgeschottet. Sperren, nicht nur an den Zubringerstraßen, sondern auch an Forstwegen, Radstrecken, Brücken. Beidseits des Sperrgitters an der Brücke über den Grenzfluss treffen sich gelegentlich Jugendliche, reden, reichen sich Gegenstände durch das Gitter, schweigen, rauchen, bis eine vorbeifahrende Streife die Gruppe zerschlägt und nichts bleibt als das Nachtönen der Schritte im Klangraum der gedeckten Holzbrücke und eine schwach glimmende Zigarettenkippe auf dem grauen Asphalt davor. Dort, wo sie nicht durch die Bahntrasse, die Straßenführung oder den Lauf des Flusses vorgegeben ist, lassen die Grenzziehungen an willkürliche Demarkationslinien denken, als befänden wir uns in einer Nachkriegszeit, in einer am berühmten Reißbrett geteilten Weltgegend. Aber wem erzähl ich das? – Italien als tragische Blaupause. Du wirst es vermutlich nicht wissen, aber italienische Verhältnisse sind bei uns das Reizwort schlechthin in diesen Tagen. Als könnte darunter etwas anderes verstanden werden als il dolce far niente! Es kann. Aber darüber wirst du besser zu berichten wissen.

    Ein Gruß aus V und nur das Beste,

    Christoph

     

    Christoph Linher (*1983) lebt und arbeitet als Autor und Musiker in Vorarlberg. Er hat 2015 den Vorarlberger Literaturpreis erhalten. Zuletzt bei Müry Salzmann erschienen: „Farn“ (2016) und „Ungemach“ (2017).

    Seine Briefpartnerin ist die Südtiroler Lyrikerin Roberta Dapunt (*1970). Christoph Linhers Briefe werden von Werner Menapace ins Italienische übersetzt.