Programm

DREIMAL. / 13.2.20
Dreimal eine Jugend

In «Dreimal» werden immer drei Bücher oder Literaturprojekte zusammen vorgestellt. Und ein Zusammenhang aufgezeigt, der mal mehr, mal weniger besteht. Sie entsprechen gemeinsam einer Stimmung, einem Genre oder haben vielleicht Figuren, die sich ähneln. Es sind Bücher, die in der Bibliothek Wyborada eingeklemmt zwischen anderen stehen, Neuerscheinungen oder wiederentdeckte Wälzer. Drei als gute Zahl für ein Leseabenteuer. ///

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Jugend jetzt gerade hier in der Schweiz findet ohne die Cafés und die Pommesbuden und tanzen in Clubs statt. Oder Sommerferien relativ weit weg. Die Jugendlichen dieser Bücher erzählen davon, wie es ist, all das leben zu können. Und manchmal doch auch nicht. Weil das Geld fehlt, weil es Krieg gibt, weil erst was erledigt werden muss. Junge Leute lernen andere (junge) Leute kennen, an verschiedenen Orten und gehen dann gemeinsam eine Zeit lang durch den Sommer, die Nächte und in Wohnungen umher.

 


Stefanie Sargnagel, Dicht 

Wir lernen mit Steffi die Figuren (oft depressive alte Männer) kennen, die im Café Stadtbahn sitzen und erzählen. Sie rauchen Kette. Sie waren mal DJs. Sie sind Dichter und laden zu Vernissagen ein, die nicht hip sind, aber gratis Wein ausschenken. Bei ihnen zuhause riecht es nach «Flohmarkt und Zigaretten». Nach dem Stadtbahn kommt das Joe’s und so wechseln sich in Sargnagels Buch die Stammkneipen ab, wie es die jugendlichen Jahre tun. Steffi trinkt drei Bier am Tag.

«Du bist die bekannteste anonyme Alkoholikerin, die ich kenne» sagt Michi.

«Voller Geschichten kehrten wir alle aus dem Sommer zurück in Michis Wohnung» schreibt Steffi.

Sie und Sarah finden Wege, sich als Kifferinnen aus den Armen der Polizei zu schälen, ein Stück Alltag. Und «wenn ich betrunken am Heimweg von Michis Wohung war, streifte ich manchmal noch allein durch die Clubs am Gürtel, B72, Chelsea, Rhiz. Ich kannte überall ein paar Leute und machte mich wie eine läufige Hündin auf die Suche nach ein bisschen Petting. Wenn ich mit irgendeinem Studenten geknutscht und gefummelt hatte, fuhr ich befriedigt nach Hause. Sexualität wurde für mich in dieser Zeit zu etwas, das man allein am Heimweg machte.»

Wir streifen mit ihr und ihren Freund*innen durch Wien, durch die Parks, die Cafés. Der Bewegungsradius der Protagonistin wächst mit steigender Seitenzahl. Lies das Buch, wenn du eigentlich Arbeiten müsstest, das fängt die Schul-Schwänz-Energy und die Stimmung jugendlicher Rebellion vielleicht ein bisschen ein.

«Wir konsumierten insgesamt wenig Kultur. Wir hätten zu grosse Angst gehabt, draussen etwas zu verpassen.»

Auf den letzten Seiten dann auch irgendwie das Ende mehrerer Jugenden mit einer Wohnung, die verloren geht und für diese stand. Stefanie Sargnagel legt ihre genialen Facebookstatusmeldungen für etwa 250 Seiten beiseite und erzählt eine Jugend der frühen Nullerjahre.

Rowohlt Verlag, 2020

 

Fran Ross, Oreo

«Freiheit ist, wenn du auf den Stühlen tanzt, zwischen denen du eigentlich sitzen sollst» steht auf der Rückseite des Neonroten Buches. Oreo sucht nach ihren «Wurzeln» ohne sich gänzlich von diesen festschreiben zu lassen. «Sie folgt der Theseus-Sage mit all ihren Volten bis zum letzten irrwitzigen Twist, dem Vatergeheimnis. Aber der antike Held ist heute jüdisch, schwarz und weiblich.» Das steht ihm Buch.

Es beginnt mit der Laune eines literarischen Sachbuchs, Ross bringt uns gut geordnet bei, was wir alles über Oreo wissen müssen, bevor der Tauchtrip in ihr Leben beginnt. Mischpoke, schön ausgeschreibene Steckbriefe der Generationen, die Oreo vorhergingen, um zu verstehen, in was für einen Kontext sie hineingeboren wurde. Wir lernen die Familie kennen und haben naiverweise kurz das Gefühl Teil von ihr zu sein.

Oreo will das Geheimnis um ihren Vater lüften und sieht die ganze Sache optimistisch. «‹Klar find ich den Motherfucker›, war ihre Antwort und Letzteres ihrer Ansicht nach genau le mot juste

Wir sehen La Carte du Dîner d’Hélène. Hélène ist Oreos Mutter, und die Gerichte darauf sind Louises Gerichte, das ist Hélènes Mutter. Es sind amerikanische und jüdische Gerichte, die sie für Hélène kocht und es ist, als ob ich als Leserin in ihrer Küche steh und die, an die Schränke geklebten Kochnotizen dort lese. Die Kleber schon bräunlich vergilbt.

Louise packt Mitte Buch Proviant für ihre Enkelin Oreo, die loszieht. Und «Nymphomanin Betty riss sich kurz von ihrem Vater los, um Oreo vom Schlafzimmerfenster aus zuzuwinken und hinterherzurufen: ‹Und vergiss nicht die versauten Postkarten, die du mir versprochen hast!›»

Wir wissen bald, was Oreo denkt, wenn sie in der U-Bahn in New York sitzt. Oder im «berühmten Bus der verrückten Frauen». Ross‘ Schreiben ist, als ob einem Oreo während dem Lesen immer wieder sehr kollegial auf die Schultern klopft und durch Manhattan hinterher schleift. Sie klappert verschiedene Samuels in New York ab und wir folgen ihr, versuchend Schritt zu halten, von Verkehrsmittel zu Park zu Waschsalon zu Public Library. Bis vor die Haustüre ihres Vaters.

dtv Verlag, 2019

 

Ronya Othmann, Die Sommer

«Eine Geschichte, dachte sie, erzählt man immer vom Ende her. Auch wenn man mit dem Anfang beginnt» steht im Prolog, der hinten ist. Die Sommer wird (nach westlicher Lesegewohnheit) von «hinten» nach «vorne» gelesen. Ich lese mich also zurück in Leylas Kindheit.

Es geht um Kurdistan als Herkunft, das nicht als solche akzeptiert wird, denn laut denen ist es einfach Syrien. Aber für Leyla ist es nicht das selbe. Am meisten ist Kurdistan aber nicht Bayern.

Ronya Othmann erzählt uns ihre Kindheit und Jugend via Protagonistin Leyla. Die Distanz zwischen ihnen politisiert das Buch und verallgemeinert Erfahrung. Leyla packt mich ein in die Sommerferien, an die ich mich zu gewöhnen beginne, bis es wegen dem Bürgerkrieg zu gefährlich wird. IS dort wo Zuhause auch ist. Der Genozid an den Jesiden 2014 lässt die Ferien nicht mehr Ferien und das Leben nicht mehr Leben sein. Ein Ereignis, das viele Jugenden, die in der deutschsprachigen Literaturwelt nur wenig erzählt und gelesen werden, trifft.

Leyla sieht im Fernsehen, wie ein Teil ihres Lebens, das sie vor Allem im Sommer lebt, zerstört wird. Sie hat Familie dort, sie hat Familie da wo der Fernseher ist. Sie kennt die Trockenheit der Böden und die Teppiche die darauf liegen und die Menschen die drauf sitzen. Und ist selbst in Bayern. Othmann erzählt uns Kurdistan auch jenseits des Schmerzes, voller Liebe und Alltag und Normalität. Erinnerung ist Widerstand.

«Besuchten sie Evîn in der Stadt, machte sie Kebab und Pommes für alle, zu trinken gab es Pepsi und Seven Up. Sie spazierte mit Leyla und Zozan zur Hauptstrasse, wo die Geschäfte waren und kaufte ihnen dort Eis.»

Es werden Marlboropackungen versteckt und die Kleider der Frauen glitzern immer. Leyla sucht sich ein Top aus mit dem sie sich in Kurdistan wohl fühlt und das sie in Deutschland nur in der Wohnung trägt. Nur die Angst vor den Schlangen, die nimmt sie mit. Unter das Bett in Bayern, in die deutschen Felder.

Carl Hanser Verlag, 2020

 

 

über die Autor*in

Alice Weniger studiert Germanistik und Gender Studies an der Universität Basel und schreibt seit dem Herbst 2020 für den Blog von Literaturhaus & Bibliothek Wyborada. Sie mag Literatur, die verschiedene Sprachen vermischt, genauso brutal wie pathetisch und von unten geschrieben ist.